Als Titelverteidiger und Favorit geht der FC Bayern Basketball in das anstehende BBL Top Four (Pokalwettbewerb) in Weißenfels. Im Halbfinale trifft der Meister auf SYNTAINICS MBC. Das zweite Halbfinale bestreiten die Frankfurt SKYLINERS und die Bamberg Baskets.
„Ich verstehe, was Dennis meint“
Für den FC Bayern wird erstmals Point Guard Justus Hollatz am Start sein. Der 23-Jährige kam erst Ende Januar aus Istanbul zum Team von Gordon Herbert und will direkt nach seinem ersten Titel greifen.
Im SPORT1-Interview erzählt der Weltmeister von 2023, welche Ziele er für das Turnier hat, wieso er eine Zeit im Hotel leben musste und warum sein neuer, aber auch altbekannter Trainer, einer der Gründe für seinen Wechsel war.
SPORT1: Herr Hollatz, das BBL Top Four steht an. Was sind Ihre Erwartungen für das Turnier?
Justus Hollatz: Das ist einfach zu beantworten. Wir wollen die Trophäe. Das sollte die Erwartung und auch das Ziel sein. Es wird hier bestimmt schwer mit dem Halbfinale gegen den Gastgeber MBC, die ihre Fans im Rücken haben werden. Dafür müssen wir bereit sein, aber das werden wir auch.
SPORT1: Seitdem Sie vor einigen Wochen aus der Türkei nach München gekommen sind, spielen Sie gute Minuten. Wie sehen Sie ihre Rolle für das Wochenende?
Hollatz: Ich war Anfang der Woche etwas krank, versuche dem Team aber trotzdem natürlich so gut es geht zu helfen. Dabei ist es egal, ob das fünf, zehn oder mehr Minuten sind. Ich probiere einfach in der Verteidigung aggressiv zu sein und in der Offensive Struktur reinzubringen.
Hollatz Ziele mit dem FC Bayern
SPORT1: In der Euroleague sind Sie nicht spielberechtigt. Das Turnier könnte also der erste richtig große Auftritt für Sie für den FC Bayern sein. Haben Sie persönliche Ziele für das Wochenende?
Hollatz: Ich möchte natürlich gut spielen, aber am meisten zählt für mich der Erfolg. Ich will auf jeden Fall den Pokal gewinnen. Ich habe schon ein paar Titel gewonnen, aber ein deutscher Titel in der ersten Liga fehlt mir noch. Genau deswegen bin ich zu den Bayern gekommen.
SPORT1: Sie sind ja erst seit einigen Wochen in München. Wie sind Sie angekommen?
Hollatz: Das Team hat mich super aufgenommen. Auch alle drum herum, der ganze Verein hat mich toll empfangen. Der Start war trotzdem etwas schwer, weil ich die ganze Zeit noch im Hotel war, das war nervig. Jetzt habe ich eine Wohnung gefunden. Das heißt, dass ich jetzt richtig ankommen kann. Es war natürlich sehr viel, was ich lernen musste, mit wenig Training. Ich glaube, wir hatten nur drei oder vier Teamtrainings in den Wochen, seitdem ich hier bin. Da ist es schwer, in einen Rhythmus zu kommen, wenn das Team länger weg ist und du in München bleiben musst. Aber so langsam wird es.
SPORT1: Vor dem Wechsel lief es in der Türkei bei Anadolu Efes nicht ganz nach Plan. Wie blicken Sie auf die Zeit zurück?
Hollatz: Durchaus positiv. Ich habe da super viel gelernt. Ich habe in einem Team gespielt, das besetzt von Stars war. Es war natürlich auch frustrierend, weil ich gerade nach dem Ende der letzten Saison gedacht habe, dass ich deutlich mehr spiele. Trotzdem war es eine lehrreiche Zeit. Der Verein ist top, die Stadt ist top. Klar, es ist trotzdem ein kleines weinendes Auge dabei, weil ich mir mehr erhofft hatte. Aber im Endeffekt bin ich auch stolz, dass ich in so jungem Alter für einen internationalen Top-Verein spielen durfte.
Enttäuschung bei Olympia
SPORT1: Im vergangenen Sommer mussten Sie auch eine Enttäuschung hinnehmen, als Sie kurz vor den Olympischen Spielen aus dem Kader gestrichen wurden
Hollatz: Ich hatte da auf jeden Fall deutlich mehr Freizeit als gedacht (lacht). Es war aber natürlich echt eine große Enttäuschung, gerade, weil man sich das ganz Jahr drauf gefreut hat und auch nicht erwartet hatte, dass man nicht mitgenommen wird. Auf der anderen Seite ist es Teil des Sports. Manchmal läuft es, manchmal wirst du enttäuscht. Ich hatte dann aber die Zeit, ein bisschen in der Welt zu reisen und etwas runterzukommen. Aber natürlich hätte ich lieber Olympia gespielt.
SPORT1: Die Entscheidung hat damals ausgerechnet der jetzige Bayern-Trainer Gordon Herbert getroffen. Das Verhältnis scheint das aber nicht belastet zu haben.
Hollatz: In dem Moment war man natürlich für die ersten Tage erstmal ein bisschen sauer. Ich bin aber kein Mensch, der nachtragend ist. Ich weiß auch, dass es für ihn eine sehr schwere Entscheidung war. Deswegen ist alles entspannt und wir verstehen uns noch immer so gut wie vorher.
SPORT1: Coach Herbert war dann schon auch einer der Gründe für Ihren Wechsel nach München, oder?
Hollatz: Auf jeden Fall. Gordie vertraut mir sehr. Ich glaube, das gibt es nicht oft im Profibereich, dass es einen Trainer gibt, der so viel von dir hält und auch mal in einer schwierigen Zeit auf dich setzt. Einen Trainer zu haben, der an dich glaubt, ist sehr hilfreich.
Hollatz: „Von Dennis kann man sehr viel lernen“
SPORT1: In der Nationalmannschaft spielten Sie gemeinsam mit NBA-Star Dennis Schröder, der ebenfalls Point Guard ist. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?
Hollatz: Von Dennis kann man sehr viel lernen. Es hilft unheimlich zu sehen, wie er trainiert, wie er sich auf ein Spiel vorbereitet, aber auch, wie er spielt. Gerade in den letzten Jahren war das echt eine Augenweide. Man kann da schon sagen, dass er für mich wie eine Art Mentor war. Er hat mir viele Tipps gegeben, ist gleichzeitig aber auch offen für Kritik. Wenn ich ihm etwas sage oder etwas sehe, was anders laufen kann, dann sagt er gleich: ‚Hey, super erkannt.‘ Dennis ist ein überragender Typ auf dem Court und auch abseits des Feldes. Da konnte ich wirklich viel mitnehmen.
SPORT1: Schröder hatte zuletzt in der NBA Probleme, eine feste Heimat zu finden. Er wurde in dieser Saison gleich dreimal getradet. Er hat seinen Unmut über das Business dann auch sehr deutlich mitgeteilt. Er sprach sogar von modernem Sklavenhandel. Können Sie seinen Ärger nachvollziehen?
Hollatz: Ich glaube nicht, dass er damit wirklich Sklaverei meinte. Aber das Geschäft ist auf jeden Fall wild. Es gibt Situationen, in denen du dich für das Spiel warm machst - und im nächsten Moment bist du gar nicht mehr beim Team. Das ist schon sehr krass. In Europa hat man das, Gott sei Dank, nicht. Deswegen verstehe ich schon, was er meint. Du bist nie sicher. Man bekommt natürlich auch gutes Geld, aber auf der anderen Seite finde ich, dass das nicht wirklich menschliche Normen sind. Es wäre genauso, wenn jemand im Job sagen würde: Ach übrigens, du arbeitest jetzt in Frankfurt, und dann bist du auf dem Weg dahin und musst plötzlich doch nach München. Also ich konnte das schon nachvollziehen, auch wenn er bestimmt nicht die Sklaverei meinte. Es ist hart, gerade wenn du Familie und Kinder hast. Ich habe selbst gemerkt, als ich von Istanbul nach München gekommen bin, dass die Umstände nicht angenehm sind. Mit Familie und Kindern muss man sich dann sicher um noch mehr Sachen kümmern.
SPORT1: Sie haben ihre sportliche Heimat jetzt zumindest für die nächsten Jahre in München gefunden. Was sind ihre Ziele für die Zukunft?
Hollatz: Persönlich möchte ich mich weiterentwickeln, möchte in der Euroleague ankommen und wichtige Minuten sehen. Mit Bayern möchte ich so viele Erfolge haben wie es geht und viele Titel gewinnen. In der Euroleague wollen wir dieses Jahr in die Playoffs kommen, auch wenn ich leider nicht spielen kann. Langfristig möchte ich einfach nach und nach weiter Kontinuität reinbringen. Bayern ist auf jeden Fall ein Verein, der zu den besten acht, wenn nicht sogar besten sechs Teams in Europa gehört. Wir wollen uns noch weiter in der Spitze etablieren. Dafür bin ich auch hier.