Das zweite Viertel in Spiel zwei der Halbfinal-Serie in den BBL-Playoffs zwischen dem FC Bayern Basketball und den Telekom Baskets Bonn lief gerade wenige Sekunden, als eine für die bisherige Serie so symptomatische Szene passierte.
Wie Bayerns große Enttäuschung doch zum X-Faktor wurde
Aus dem Nichts zu Bayerns X-Faktor
Bayern-Guard Xavier Rathan-Mayes agierte in der Defensive extrem wachsam, schlich sich im Rücken an einen Bonner Gegenspieler heran, klaute diesem mit schnellen Händen den Ball, stürmte anschließend direkt mit Druck in Richtung des gegnerischen Korbes und schloss den Fast-Break trotz eines Fouls mit einem And One ab.
Anschließend tobte der Münchener SAP Garden und auch Trainer-Ikone Svetislav Pesic zeigte sich am Spielfeldrand begeistert, jubelte und zeigte seinem Spieler anerkennend beide Daumen nach oben.
Die drei Punkte, die Rathan-Mayes aus dieser Situation erzielte, waren drei seiner 20 Zähler, mit denen er sein Team zum souveränen 91:69-Sieg führte. Schon in Spiel eins überzeugte er beim glücklichen 83:78-Sieg mit elf Punkten in acht Minuten von der Bank. Bisher ist der Kanadier der Bayern-Held im Halbfinale – und das komplett überraschend.
BBL: Rathan-Mayes bisher eine der größten Bayern-Enttäuschungen
Denn bisher erlebte Rathan-Mayes eine unglaublich verkorkste Saison. Vor der Spielzeit kam er von Real Madrid und sollte Top-Star Carsen Edwards ersetzen, doch dies gelang ihm nie. Zwischenzeitlich rutschte er komplett aus der Rotation, saß entweder 40 Minuten auf der Bank oder war gar nicht im Kader.
Statt das Loch, das der Edwards-Abgang hinterließ, auch nur annähernd zu stopfen, enttäuschte er auf voller Linie. Nur in wenigen Spielen konnte er die hohen Erwartungen auch nur annähernd erfüllen.
Wenn Rathan-Mayes auf dem Parkett stand, zeigte er meist unglückliche Spiele, in denen er zu oft extrem falsche Entscheidungen traf. Sinnbildlich dafür war die Last-Second Niederlage in der EuroLeague gegen Anadolou Efes. Im Spiel zeigte er zunächst eine gute Leistung, vergeigte das Spiel aber in der Schlussphase im Alleingang und wurde so auch mit zum Sinnbild der verkorksten Bayern-Saison in Europa.
Noch mehr überwogen aber die Spiele wie beim enttäuschenden Pokal-Aus im Halbfinale gegen Bamberg, in denen der Kanadier zwar im Kader war, aber gar nicht erst spielte. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Rathan-Mayes bei den Bayern komplett aussortiert werden würde.
Rathan-Mayes wird aus dem Nichts zum X-Faktor
Auch in den Playoffs sah es zunächst nicht so aus, als ob sich etwas an dessen Rolle ändern würde. In der Viertelfinalserie gegen Trier war er komplett außen vor. Er spielte nur in der Garbage Time von Spiel zwei und drei, also dann, wenn sein Team schon haushoch führte und das Spiel entschieden war.
Auf vier mickrige Punkte brachte er es insgesamt im Viertelfinale. Doch im Halbfinale gegen Bonn dann plötzlich die Wende, auch wenn diese zunächst eher einem Zufall oder besser gesagt der enttäuschenden Leistung seiner Teamkollegen in Spiel eins geschuldet war.
Im dritten Viertel (Rathan-Mayes hatte zu dieser Zeit noch keine Sekunde gespielt) lagen die Bayern mit 13 Punkten hinten, es drohte ein absoluter Fehlstart. Da zuvor keine Anpassung funktioniert hatte, warf Pesic plötzlich überraschend den Kanadier rein und der lieferte, traf gleich nach wenigen Sekunden seinen ersten Dreier und erzielte anschließend elf schnelle Punkte in acht Minuten.
„X“, wie ihn bei Bayern alle nur nennen, hielt sein Team in einer schweren Phase im Spiel und bekam nach der Partie auf SPORT1-Nachfrage von Trainer-Ikone Pesic ein Lob: „X hatte es nicht einfach diese Saison, aber er hat immer gekämpft und war immer für uns da, wenn wir ihn gebraucht haben. Er hat seine Rolle verstanden und nicht nur mit seinen Dreiern, sondern auch mit seiner Defensive geholfen. Er hat ein sehr gutes Spiel gespielt.“
In Spiel zwei wurde seine Rolle noch größer. Als Top-Star Andi Obst überraschend krank passen musste, wurde „X“ endgültig zum X-Faktor für die Bayern und avancierte mit 20 Punkten gleich zum Top-Scorer.
Teamkolleg beeindruckt: „Vorbild für uns alle“
Wie Rathan-Mayes aus dem Nichts explodierte imponierte auch seinen Teamkollegen. „Viele Menschen zerbrechen unter dem Druck, aber er ist für solche Momente immer vorbereitet. Andi ist krank ausgefallen und er ist direkt in die Bresche gesprungen“, lobte ihn Isiaha Mike im Gespräch mit SPORT1.
Besonders beeindruckt zeigte sich Mike darüber, dass sein Teamkollege nicht überdrehte: „Er hat es nicht nach dem Motto gemacht: Ich bin sauer, dass ich die ganze Saison kaum Chancen bekommen habe, jetzt ist endlich mein Moment. Sondern eher, ich arbeite hart und werde jetzt dafür belohnt.“
„X ist ein echt toller Teamkollege. Er ist ein Vorbild für uns alle. Allein, wie er sich jeden Tag vorbereitet – egal, wie es für ihn persönlich läuft. Ich zolle ihm großen Respekt dafür, weil er wirklich jeden Tag unglaublich professionell ist“, lobte der Power Forward weiter.
Als SPORT1 Mike daraufhin nochmal explizit darauf ansprach, dass Rathan-Mayes wie ein guter Teamkollege wirke, geriet er so richtig ins Schwärmen: „Er ist ein super Mensch. Ich liebe X. Er ist mein Bruder.“
Gelingt Rathan-Mayes ähnliche Entwicklung wie Edwards?
Diese Qualitäten als starker Teamkollege bewies Rathan-Mayes tatsächlich die gesamte Saison. Auch wenn er nicht spielte, schmollte er nicht. Der Kanadier feuerte seine Teamkollegen immer von der Bank an.
Auch gegen Bonn zeichnete ihn dies, neben seinen guten Aktionen auf dem Feld, bislang aus. In Momenten, wo er nicht auf dem Parkett stand, nahm er die Rolle eines Anführers an, der in Auszeiten die anderen Point Guards heiß machte, versuchte Tipps zu geben oder einfach nur Mut spendete.
Aktuell ist der Kanadier aber auch auf dem Parkett wieder wichtig und könnte tatsächlich Bayerns X-Faktor im Kampf um die Meisterschaft werden. Hier könnte sich dann interessanterweise auch der Kreis zu seinem Vorgänger Carsen Edwards schließen.
Denn auch der Superstar der Vorsaison schlug bei den Bayern nicht sofort ein. In seiner ersten Saison hatte Edwards lange Probleme und zeigte erst in den BBL-Playoffs, in denen er die Mannschaft als Finals-MVP zum Titel führte, sein volles Potenzial, ehe er in seiner zweiten Saison Top-Scorer der EuroLeague wurde.
Ob Rathan-Mayes eine ähnliche Entwicklung gelingen kann, ist natürlich offen. Er wird aber sehr wahrscheinlich weiterhin deutlich wichtiger bleiben, als viele es gedacht hätten.