Die BBL-Finalserie zwischen dem FC Bayern Basketball und ALBA Berlin hat einen ganz speziellen Beobachter. Marko Pesic, der langjährige Macher des FC Bayern, ist auf Einladung von Präsident Herbert Hainer in Berlin – auch um seinen Vater Svetislav bei seinen letzten Spielen als Fan zu unterstützen.
"Das auf dem Rücken von Anton anzukündigen, hat null Niveau"
„Eine absolute Unverschämtheit“
Nach seinem Rückzug bei den Bayern meidet Pesic eigentlich die Öffentlichkeit. Für SPORT1 macht er jetzt eine Ausnahme und nahm sich am Tag nach dem furiosen dritten Finalspiel Zeit für ein ausführliches Interview.
Pesic erklärt, wie er als Außenstehender das begeisternde BBL-Finale erlebt hat und wie emotional er auf das nahende Karriereende seines Vaters blickt.
Pesic: „Ohne Basketball läuft es nicht“
Der ehemalige Bayern-Boss hat aber auch eine klare Meinung zur aktuellen Aufregung rund um Bamberg und Bayern. Seinen ehemaligen Spieler Anton Gavel nimmt Pesic in Schutz – und kritisiert Michael Stoschek für dessen Vorgehen deutlich.
SPORT1: Hallo Herr Pesic. Einfache Frage zum Einstieg: Wie geht es Ihnen aktuell?
Pesic: Super! Wie ein guter Freund von mir zu sagen pflegt: Ich bin zufrieden mit mir.
SPORT1: Wie läuft denn das Leben ohne Basketball?
Pesic: Ohne Basketball läuft es nicht. Ich schaue mir die Sachen schon an, aber natürlich aus einer ganz anderen Perspektive. Aber ganz ohne Basketball geht es nicht.
Pesic: „Ich war über den Zeitpunkt überrascht“
SPORT1: Wie überrascht waren Sie, als Ihr Vater plötzlich wieder bei Bayern aufgeschlagen ist?
Pesic: Es war eine interessante Situation, weil der Präsident mich informiert hat und erst später rief mich mein Vater an. Ich war nicht überrascht, dass er sich entschieden hatte zu helfen. Aber ich war doch über den Zeitpunkt überrascht, dass er da trotzdem übernommen hat. Ich dachte, das tut er sich nicht noch mal an, auch, weil das ein ziemlich schwieriger Zeitpunkt in der Saison mit so vielen verlorenen Spielen hintereinander war. Aber gut, wenn er was kann, dann kann er sich schnell adaptieren. Das hat er ziemlich gut gemacht.
SPORT1: Am Freitag könnte sein letztes Spiel als Trainer sein. Macht Sie das emotional?
Pesic: Ja, das macht mich emotional – und es macht wahrscheinlich mich und uns als Familie emotionaler als ihn. So genau vorstellen kann man sich das noch nicht. Er spricht ja auch gar nicht darüber. Wir als Familie machen uns da schon unsere Gedanken. Sollte es morgen tatsächlich zu Ende gehen, dann wird es sehr emotional, klar. Es ist schon was Besonderes nach fast 45 Jahren als Trainer.
SPORT1: Was würde der Erfolg Ihrem Vater bedeuten?
Pesic: Für ihn selbst ist es vielleicht gar nicht so wichtig. Ich weiß nicht, ob er alle Titel mitzählt, die er gewonnen hat. Das habe ich ihn nie gefragt. Ich glaube, für ihn geht es in erster Linie um den Verein. Er hat Präsident Herbert Hainer ein Versprechen gegeben, dass er versucht, die Saison zu retten. Darum geht es ihm. Aber wenn er es tatsächlich schafft, Meister zu werden, wäre es für ihn wirklich ein versöhnlicher Abschluss mit der ganzen Geschichte drumherum.
Pesic will sich „andere Sachen im Leben“ anschauen
SPORT1: Glauben Sie, dass dieses Mal wirklich Schluss ist?
Pesic: Ja, scheint so. Wenn er eine Entscheidung trifft, dann steht er auch dazu. Meine Mutter ist der festen Überzeugung, dass es das war. Und wenn sie es ist, wird es wahrscheinlich so sein (lacht).
SPORT1: Sind Sie denn froh, dass er jetzt einen Schlussstrich zieht?
Pesic: Er hat mich ja nicht gefragt. Aber wenn er mich gefragt hätte, hätte ich ihm das Gleiche geraten. Ich glaube, es reicht. Er wird im August 77, und obwohl er diese unfassbare Energie hat, die er aus der alltäglichen Arbeit, aus dem Basketball schöpft, glaube ich, dass er, wie er ja auch sagt, jetzt endgültig anfangen muss, sich andere Sachen im Leben anzuschauen und vielleicht auch mal mit seinen Enkelkindern ein bisschen mehr Zeit zu verbringen.
Pesic über Stoschek: „Absolute Unverschämtheit“
SPORT1: Die Finalserie zwischen Bayern und ALBA sorgt aktuell für echtes Spektakel. Wie blicken Sie auf die Serie?
Pesic: Ich habe als Spieler und auch in meiner Rolle bei Bayern München unglaublich viele Finalserien erlebt – ich kann mich aber an keine bessere Finalserie erinnern. Wenn einem der deutsche Basketball am Herzen liegt, dann ist das wie ein Himmel voller Geigen. Das ist der absolute Wahnsinn, weil nicht nur die Spiele so hochintensiv sind, sondern weil wirklich die deutschen Spieler aus verschiedenen Generationen die Hauptrollen spielen. Auf der einen Seite hast du zum Beispiel die Legenden, Welt- und Europameister wie Johannes Voigtmann oder Niels Giffey. Dann hast du auf der anderen Seite die jungen Talente wie Jack Kayil oder Michael Rataj. Du hast Hollatz, der gestern das Spiel entschieden hat, einen Top-Star wie Andi Obst. Bei Berlin sind noch die ALBA-Legenden Jonas Mattisseck und Malte Delow. Du hast ständig zwischen sechs und acht deutsche Spieler auf dem Spielfeld. Die laufen nicht nur mit, sondern sie entscheiden Spiele als Hauptdarsteller. Das war vor zehn Jahren undenkbar. Das, was ich aktuell aus ganz anderer Perspektive als großer Fan meines Vaters und des Klubs erlebe und genieße, ist einfach super.
SPORT1: Trotzdem gibt es aktuell viele negative Schlagzeilen abseits des Sportlichen. Bamberg-Sponsor Michael Stoschek schießt heftig gegen den aktuellen Trainer Anton Gavel, der das Interesse ihres ehemaligen Arbeitgebers auf sich gezogen haben soll.
Pesic: Ich bin ja nicht mehr in der Position, bei Bayern München Verantwortung zu tragen. Aber ich muss zwei Dinge sagen. Erstens: Ich war mal ein großer Fan von Herrn Stoschek. Ich finde, dass er eine seltene Persönlichkeit ist, die sich entschieden hatte, über einen längeren Zeitraum viel Geld in Basketball zu investieren. Von solchen Typen gab es nicht viele in der Vergangenheit. Zweitens: Anton Gavel war mein Spieler. Und von allen Spielern, die ich in meiner langen Zeit als Manager erlebt habe, war er ganz sicher in den Top 3, was Ehrlichkeit, Loyalität und Einsatz anging. Und nicht nur das: Anton Gavel ist eine Basketballpersönlichkeit, die die Bundesliga über die vergangenen 15 Jahre geprägt hat, als Spieler und als Trainer. Er ist jemand, den ich sehr schätze und dem ich maximalen Respekt entgegenbringe. Ich weiß jetzt nicht, was intern bei Bamberg los ist. Doch ihn auf diese Art und Weise öffentlich an den Pranger zu stellen, ist eine absolute Unverschämtheit. Ich habe gelesen, dass Herr Stoschek jetzt aufhören will. Das ist natürlich schade – doch das auf dem Rücken von Anton anzukündigen und mit ihm zu verbinden, hat null Niveau. Das hat Anton nicht verdient.
Pesic über Bayern-Streitigkeiten
SPORT1: Herr Stoschek hat auch extrem harte Worte in Richtung ihres ehemaligen Arbeitgebers Bayern München gewählt. Können Sie das nachvollziehen?
Pesic: Diese Klaviatur kenne ich ja seit Ewigkeiten. Es gibt ein paar Leute, zu denen Herr Stoschek sicherlich gehört, die sich, sobald sie den Namen Bayern München hören, gereizt äußern. Diesen Stil kenne ich nur zu gut. Ich kenne aber auch Bayern München sehr gut. Sie können deshalb davon ausgehen, dass es Bayern überhaupt nicht tangiert, was Herr Stoschek sagt. Wenn er über den Verein spricht, kann er das machen, das ist ein freies Land. Und Bayern ist ja generell ein gutes Vehikel für manche, um überhaupt mal überregional auf sich aufmerksam machen zu können. Was mich jedoch stört, ist, dass es auf Kosten der Persönlichkeit Anton Gavel ausgetragen wird. Er hat für Bamberg so viel geleistet, als Spieler und als Trainer. Wenn du das nicht intern lösen kannst, dann stimmt das System bei dir nicht. Es wäre für mich bei Bayern undenkbar gewesen, dass ein Sponsor so in der Öffentlichkeit über einen Mitarbeiter hergezogen wäre.
SPORT1: Haben Sie in Ihrer Zeit bei den Bayern Verträge immer auf Papier unterschreiben lassen?
Pesic: Grundsätzlich haben wir alle Verträge handschriftlich unterschreiben lassen. Ich glaube, das gehört sich so, soweit ich mich erinnern kann. Es ist für mich aber irrelevant, ob der jetzt diskutierte Vorgang überhaupt so stimmt; es interessiert mich auch nicht, weil ich weder für Bamberg noch für Bayern tätig bin. Ich beobachte jedoch, dass bei solchen Themen häufig persönliche Eitelkeiten eine Rolle spielen. Diese Erfahrungen habe ich 15 Jahre gemacht. Dieses Jahr ist es Herr Stoschek, der deshalb kurz vor Spiel drei seine Plattform sucht.
Pesic adelt Gavel
SPORT1: Sie kennen Gavel gut. Würde er als Trainer zu Bayern passen?
Pesic: Ich kenne ihn zu wenig als Trainer. Ich kenne ihn aber als Charakter. Er ist eine außergewöhnliche Person, die alles in ihrem Leben nicht allein durch Talent, sondern vor allem durch harte Arbeit erreicht hat. Ihm wurde auch als Trainer nichts geschenkt. In Ulm hat er in der ProB angefangen und sich dann zum Trainer der ersten Mannschaft hochgearbeitet und die Meisterschaft gewonnen. Dann ist er in einer unglaublichen schwierigen Zeit nach Bamberg gegangen. Anton hat den Verein wirklich wieder aufgebaut und mit unglaublichen Leistungen dieses Jahr viel erreicht. Neben dem Pokalsieg waren sie ja auch nur einen Sieg vom BBL-Finale entfernt. Das ist eine großartige Bilanz. Ich glaube, jeder, der hart arbeitet und solche Resultate in seiner Vita vorweisen kann, ist ein Kandidat nicht nur für Bayern, sondern für viele andere Vereine. Aber wie gesagt: Ich weiß nicht, was Bayern plant. Mich interessiert jetzt nur mein Vater, dass er hoffentlich erfolgreich diese Playoff-Serie beendet und dann nicht mehr Trainer ist.
SPORT1: Zurück zur Finalserie. Wie sehen Sie die Entwicklung von ALBA Berlin?
Pesic: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bis auf die Finalserie oder die Playoffs gar nichts von ALBA gesehen habe. Die Champions League schaue ich mir nicht an, sie ist für mich uninteressant. Was ich beurteilen kann, ist die Art und Weise, wie die Mannschaft spielt. Man sieht die Handschrift von Pedro Calles, da gebührt ihm der höchste Respekt. Diese Energie, die er als Trainer hat, gefällt mir wirklich. Und mit dieser Energie spielt jetzt auch die Mannschaft schon die ganzen Playoffs. Obwohl man auch mal ein Spiel verloren hat, sieht man, dass die Mannschaft voll an sich und das Konzept glaubt. Allgemein gefällt mir dieser Kampf von beiden Teams im Finale enorm. Die Hallen sind voll, es ist eine unglaubliche Stimmung. In Berlin war es ab und zu mal in der Vergangenheit auch nicht so schön. Aber ich fand die Stimmung sehr fair. Die ALBA-Fans waren nicht gegen Bayern, sondern für ALBA. Das ganze Drumherum ist fantastisch. Das muss man sich für den deutschen Basketball einrahmen. Vielleicht kann Berlin noch mal über sich hinauswachsen und es gibt ein fünftes Spiel.
SPORT1: Was glauben Sie denn: Macht Bayern die Serie am Freitag zu?
Pesic: Es riecht ein wenig nach Spiel fünf, meiner Meinung nach. Vielleicht hätte diese Serie auch Spiel fünf verdient. Aber ich bin mir sicher, dass die Bayern alles in Gang setzen, alle Kräfte sammeln werden, um das Spiel vier zu gewinnen. Aber es wäre jetzt für mich keine große Überraschung, wenn es ein Spiel fünf geben würde.