Im Moment des größten Triumphes der Geschichte im deutschen Frauen-Basketball musste Ireti Amojo noch einmal zurückblicken. „Ich habe mir als Vorbereitung auf diese Partie bei YouTube ein Video von einem Länderspiel gegen Belgien angeschaut aus dem Jahr 2023. Da wurde in einer Schulturnhalle gespielt und es waren kaum mehr als 300 Leute da. Und das ist echt nicht lange her.“ Damals verlor Deutschland gegen Belgien in der EM-Qualifikation noch mit 44:69 in Wolfenbüttel.
Medaillen-Ansage! „Alles ist möglich“
Medaillen-Ansage! „Alles ist möglich“
Nun konnte die ehemalige Nationalspielerin, die mittlerweile Expertin bei MagentaTV ist, ihr Glück kaum fassen. Denn Deutschland schaffte bei der Heim-WM mit dem 93:74 im Viertelfinale vor begeisterten 10.537 Zuschauern in der Uber Arena in Berlin den großen Coup.
Die erste Medaille in der Historie ist nur noch einen Sieg entfernt. Zuvor war der DBB mit seinen Damen erst einmal überhaupt bei einer WM dabei. 1998 reichte es gerade einmal zu Platz elf. Und nun?
Sabally und Fiebich mit Medaillen-Ansage
„The Sky is the Limit. Jetzt ist alles drin“, sagte Nyara Sabally in der Mixed Zone auf SPORT1-Nachfrage mit Blick auf das Halbfinale am Samstag gegen Frankreich (16.30 Uhr). Sie fügte an: „Ich glaube, nicht viele haben gedacht, dass wir überhaupt so weit kommen. Jetzt kommt Frankreich, mal schauen, was wir da reißen können.“
Sabally wurde in Berlin geboren und wuchs ebenso wie ihre verletzte ältere Schwester Satou in der Hauptstadt auf. Sie hatte vor der Endrunde aber große Verletzungssorgen, durfte erst kurz vor Turnierstart Kontakt mit dem Team haben und glänzte nun mit 16 Punkten sowie zwölf Rebounds.
„Es bedeutet super viel, sowas bei einer Heim-WM zu schaffen. Das ist ein historisches Erlebnis. Das mit den Mädels zu schaffen, ich habe kaum Worte dafür“, jubelte die 26-Jährige. Sie hob bei SPORT1 vor allem die Fans, die eine riesige Wucht entfalteten, als Erfolgsgarant hervor: „Die haben heute eine super große Rolle gespielt. Es ist immer cool, vor solch einer Crowd zu spielen. Sowas hätte ich mir nicht erträumen können. Speziell das in Deutschland zu sehen, dass da so ein Hype ist, ist richtig, richtig cool.“
Auf dem Feld lagen sich alle Spielerinnen direkt nach Abpfiff in den Armen, vereinzelt kullerten auch Tränen. Wenig später ging es dann zu einer Kabinenparty über. Spätestens als Leonie Fiebich den Deutschland-Sticker auf dem großen Turnierbaum auf das Feld beim Halbfinale drücken durfte, brachen alle Dämme.
Fiebich zündet Halle in Berlin an
Ohnehin hatte Fiebich die Halle erstmals mit einem ihrer Dreier in der Anfangsphase angezündet und selbst einen Schrei der Erlösung losgelassen. Ähnlich wie Sabally will sie nach ihren 17 Punkten nun unbedingt Edelmetall. „Wir sind auf dem Weg nach oben und kein Underdog mehr. Alle haben uns jetzt auf dem Schirm. Mit uns ist nicht zu spaßen“, schickte sie eine Kampfansage an die Konkurrenten aus Frankreich, Spanien und den USA.
Kaum eine Mannschaft hat so eine Tiefe wie der DBB. Satte 53 Zähler erzielten Spielerinnen, die von der Bank kamen. Vor allem mit der Physis und der Größe wurden die Gegner zuletzt teilweise überrollt. Mit Fiebich besitzt die Mannschaft eine der besten Schützinnen der Welt. Doch Sabally, Marie Gülich und Luisa Geiselsöder bringen auch eine große Wucht mit. Für die feine Klinge sorgt Spielmacherin Alexis Peterson-Smalls.
Nach dem großen Coup gegen die Europameisterinnen um Superstar Emma Meesseman reifte dank dieser Mischung auch bei weiteren deutschen Heldinnen der Gedanke an eine Medaille. „Gegen Frankreich wird es echt hart. Aber wenn wir so spielen, dann haben wir auf alle Fälle eine Chance. Es ist ein Halbfinale. Jetzt kann alles passieren“, sagte die 22-Jährige nach zwölf Zählern.
Kapitänin Gülich muss ohnehin nicht mehr mit Optimismus angesteckt werden. „Es ist sehr viel drin mit dem Team, wenn wir unseren Rhythmus und unseren Flow haben. Ich liebe die Art und Weise, wie wir uns vertrauen, wie wir auf dem Spielfeld zusammenarbeiten und wie wir ehrlich miteinander sein können.“
Lange ist der Kopf des Erfolges
Der Kopf hinter dem Erfolg ist Nationaltrainer Olaf Lange. Der 54-Jährige ist natürlich in Berlin geboren und befindet sich schon in seiner dritten Amtszeit. Bereits 1998 und von 2001 bis 2003 hatte er die DBB-Damen trainiert. Damals interessierte sich aber nahezu niemand für die Nischensportart.
Nun genießt der erfahrene WNBA-Coach sichtlich die große Aufmerksamkeit für sein Team. „Ich glaube, dass wir auf jeden Fall Medaillenchancen haben. Das haben wir von Anfang an gesagt. Ob es schon möglich ist, war mir nicht klar. Aber wenn eine Mannschaft zusammenkommt, wie wir, dann gibt es natürlich eine Chance. Die Chance wollen wir nutzen“, ist auch er überzeugt.
Nach der Partie war Lange übrigens im riesigen Trubel kaum ausfindig zu machen. Das spürte ausgerechnet seine Frau Sandy Brondello. Die Nationaltrainerin der Australierinnen wollte vor ihrem Viertelfinale gegen Spanien (66:89) unbedingt einen Glückwunsch loswerden.
Sie suchte den Bundestrainer im Unterbau der Arena, schaute erst in die Mixed Zone und fragte dann, wo er ist. Nach einigen Momenten lief er ihr schließlich in die Arme und sie umarmten sich sehr emotional. Es war eine besondere Szene an einem besonderen Abend.
Der Moment spielte sich übrigens nahezu zeitgleich ab zu den Aussagen über das Jahr 2023 von Ireti Amojo ein paar Meter höher im Studio von MagentaTV. Eine Frauen-Nationalmannschaft, die nur vor 300 Zuschauern spielt in einer Schulturnhalle, scheint für die nächsten Jahre unrealistisch. Der Hype ist längst entfacht. Mehr als 10.500 Fans wollen am Samstag den nächsten riesigen Meilenstein feiern.