Darts>

Die legendäre Kultfigur des Darts endete verarmt und gezeichnet

Der tiefe Fall einer Darts-Ikone

Jocky Wilson prägte den Dartsport ein ganzes Jahrzehnt lang und wurde zweimal Weltmeister. Der Alkohol aber war stärker.
John Thomas "Jocky" Wilson wurde 62 Jahre alt
John Thomas "Jocky" Wilson wurde 62 Jahre alt
© IMAGO/Colorsport
Jocky Wilson prägte den Dartsport ein ganzes Jahrzehnt lang und wurde zweimal Weltmeister. Der Alkohol aber war stärker.

„Ich liebe ihn, und ich werde ihn immer lieben“: Phil Taylor fand emotionale Worte. Und er sprach damit wohl allen aus dem Herzen, die sich an diesem besonderen Abend im Frühjahr 2012 in der Cardiff International Arena versammelt hatten.

Zum damaligen Zeitpunkt wurde in der walisischen Hauptstadt die achte Runde der Premier League Darts ausgespielt. Doch für die acht Protagonisten und die 4.000 Fans in der Halle waren die Ergebnisse an der Scheibe damals zweitrangig.

Es galt, eine der größten Legenden des Darts zu würdigen, die wenige Tage zuvor aus dem Leben geschieden war. Die volle Halle und die lauten Sprechchöre standen jedoch im krassen Gegensatz zu den Umständen des Todes von John Thomas „Jocky“ Wilson.

Verarmt, verwahrlost und vom Alkohol gezeichnet starb der Schotte heute vor 14 Jahren – am 24. März 2012, zwei Tage nach seinem 62. Geburtstag.

Wilsons Leben erzählt viel über das Darts der 80er Jahre

Wie der zweimalige Weltmeister lebte, wie er spielte, wie er feierte, erzählt viel über den Dartsport in der Zeit vor Beginn der rasanten Entwicklung bis hin zu den Mega-Events der heutigen Tage.

Angesichts von vollen Terminkalendern, heiß umkämpften TV-Rechten und Millionen-Preisgeldern bei Turnieren erinnern Schicksale wie das von Jocky Wilson daran, dass Darts jahrzehntelang eben nicht der angesagte, massentaugliche Sport war, den wir mittlerweile kennen.

Jocky Wilson war aber auch im Vergleich zu seinen damaligen Rivalen eine Ausnahmeerscheinung – im positiven wie im negativen Sinne.

1950 geboren in Kirkcaldy, einer kleinen Küstenstadt im Osten Schottlands, wurde er schon früh mit den Schattenseiten des Lebens konfrontiert. Er wuchs in einem Waisenhaus auf, weil die Behörden seine Eltern für überfordert hielten, ihn aufzuziehen.

Wilson lernt im Bergwerk seine spätere Frau kennen

Nachdem er in der Armee gedient und eine Ausbildung zum Koch absolviert hatte, arbeitete er als Bergmann. Wenig später wurde er arbeitslos. Und doch hatte die beschwerliche Zeit in der Zeche auch etwas Gutes.

Dort lernte er seine spätere Frau kennen. Die in Argentinien geborene Halbschottin Malvina sollte im weiteren Verlauf seines Lebens seine wichtigste Stütze werden – in guten wie in schlechten Zeiten. Von beiden erlebte Wilson viele, und manchmal hing beides auch miteinander zusammen.

Der legendäre Reporter Sid Waddell, der im selben Jahr wie Wilson verstarb, erinnerte sich in seinem Nachruf im Guardian an die Anfänge von Wilsons Karriere.

„Jocky erlebte eine Demütigung, die sein Schicksal verändern sollte. Er wurde beim Dartsspielen im Pub so fürchterlich bezwungen, dass er sich eine Scheibe organisierte und ab sofort fünf Stunden am Tag übte, um besser zu werden“, schrieb Waddell.

Wilson konzentrierte sich fortan nur noch auf das Pfeilewerfen und erreichte mit 29 Jahren gleich bei seiner ersten WM-Teilnahme das Viertelfinale.

„Im Fernsehen sieht man sowieso fetter aus“

Zum Publikumsliebling wurde er aber nicht nur wegen seiner Leistungen, sondern auch wegen seiner kecken Sprüche. „Ich bin klein und dick, na und? So ist das Leben. Und im Fernsehen sieht man sowieso fetter aus“, wurde er in einer ausführlichen Würdigung vom Nachrichtenportal Watson zitiert.

Auch sein unorthodoxer Wurfstil, der heute noch in alten Video-Clips zu bewundern ist, kam beim Publikum an. Dass er schon zum Zeitpunkt seiner ersten WM-Teilnahme keine Zähne mehr im Mund hatte, tat seiner Popularität keinen Abbruch. Zumal er auch dafür eine passende Erklärung hatte.

„Meine Großmutter hat mir gesagt, dass die Engländer das Wasser vergiften“, begründete der Schotte seinen lebenslangen Verzicht auf das Zähneputzen – bei gleichzeitigem Nichtverzicht auf Süßigkeiten.

Noch häufiger aber griff er zur Flasche. „Während eines Matches trank Wilson bis zu drei Liter Bier, und neben dem Alkohol gehörten auch Zigaretten wie selbstverständlich auf der Bühne dazu“, schrieb die Welt einmal über den Mann, der 1982 mit einem Sieg über John Lowe erstmals Weltmeister wurde.

6500 Pfund betrug damals sein Preisgeld. Verglichen mit den heutigen Summen ein Witz. Damals aber reichte es für Wilson immerhin als solide Basis, um sich ein paar Jahre später ein kleines Häuschen für 40.000 Pfund kaufen zu können. Auch ein neues Gebiss leistete er sich von dem Siegerscheck.

Großer Teil des Preisgelds fließt in Alkohol

Tragischerweise aber floss ein nicht unwesentlicher Teil des Geldes auch weiterhin in den Erwerb von Alkohol. Beim verlorenen WM-Halbfinale 1984 – auch das ist noch auf YouTube-Schnipseln zu sehen – stürzte er betrunken von der Bühne. Sein Gegner Dave Whitcombe musste ihm nach dem verwandelten Matchdart wieder auf die Beine helfen.

Umso beeindruckender ist, dass er sich fünf Jahre später noch einmal zum Weltmeister krönte. Im Lakeside Country Club in Frimley Green bezwang er im Finale den fünfmaligen Titelträger Eric Bristow mit 6:4. 

Es sollte das letzte Hurra des kleinen, großen Schotten gewesen sein. Im selben Maße, wie die Zahl seiner Auftritte auf der Bühne abnahm, nahm die Zahl der Krankheiten bei ihm zu. Diabetes, Arthritis, Depressionen.

Er ging bankrott, wurde bettlägerig und musste in eine Sozialwohnung umziehen. Die einzige Konstante auch in dieser schweren Zeit blieb seine Frau Malvina. Sie war an seiner Seite bis zu seinem Tod.

„Sein Tod hat seiner Frau das Herz gebrochen“, sagte Phil Taylor damals in der Halle von Cardiff: „Aber wenn sie das heute sieht, wird sie überglücklich sein.“ Malvina Wilson starb drei Jahre nach ihrem Mann, auch nur 64 Jahre alt.