Wessel Nijman und Luke Littler: Die Liste der Dartspieler, die 2026 bereits vier Titel auf der PDC-Tour holen konnten, ist wahrlich nicht lang. Dabei kommt der Erfolg des 25-jährigen Niederländers zu Jahresbeginn nicht gänzlich überraschend.
Nur Littler bietet ihm Paroli: Darts-Star Wessel Nijman exklusiv
Ihm kann nur Littler Paroli bieten
Bereits vor der vergangenen WM hatten einige Experten den schlaksigen Mann aus Uitgeest, einem idyllischen Dorf in Nordholland, auf dem Schirm – doch Gabriel Clemens schickte den Geheimfavoriten in der zweiten Runde nach Hause. Jetzt aber folgt der endgültige Durchbruch – und wie!
Nijman mit brillantem Jahresstart: „Ich genieße es!“
Im exklusiven SPORT1-Interview offenbart Nijman nun sein Erfolgsgeheimnis und spricht über einen Nachbarsjungen, der es ebenfalls in die Darts-Elite geschafft hat.
SPORT1: Herr Nijman, wie steht es um Ihr Handy in den vergangenen Wochen?
Wessel Nijman: Wenn ich spiele, schalte ich mein Handy in den Flugmodus. Als ich nach meinem ersten European-Tour-Titel in Göttingen von der Bühne kam und den Flugmodus deaktiviert habe, hat es fünf Minuten lang nur geblinkt und gepiept. Ich bekomme derzeit viel Aufmerksamkeit, aber das kommt mit dem Gewinnen dazu, nicht wahr? Keiner kann einen Titel gewinnen und nicht darüber zu reden. Ich genieße es!
SPORT1: Sie sind als Nummer 29 der Order of Merit in das Jahr gestartet – und stehen seit dem vergangenen Wochenende unter den Top 16 der Welt. Kein anderer PDC-Profi ist seit Jahresbeginn in den Rankings derart nach oben geschossen. Wie erklären Sie sich diesen rasanten Aufstieg?
Nijman: Ich habe am Anfang dieses Jahres aufgehört zu arbeiten (als Elektriker; Anm. d. Red.). Zuvor habe ich versucht, circa eine Stunde am Tag am Practice Board zu verbringen. Weil ich aber noch gearbeitet habe, war selbst das teils nicht möglich. Jetzt kann ich mehr und mehr Stunden ins Training investieren. Ich spiele drei bis vier Stunden am Tag, was es einfacher macht, in Form zu kommen. Das ist der Hauptgrund, warum ich so viel Selbstvertrauen habe.
Premier League? „Wenn man mich fragt, würde ich ‚Ja‘ sagen“
SPORT1: Sie haben 2026 bereits vier Titel gewonnen – das hat neben Ihnen nur Luke Littler geschafft. Sie führen die Order of Merit der Pro Tour mit über 50.000 Pfund Vorsprung vor Gerwyn Price an. Wie klingt das?
Nijman: Wenn Sie mir das vor einem Jahr gesagt hätten, hätte ich Sie für verrückt erklärt. Aber das ist der Ertrag dessen, dass ich aufgehört habe zu arbeiten und dem Dartsport mehr Stunden widmen kann. Nach dem Sommer kann ich mir vielleicht sogar neue Ziele setzen: Top 12, Top Ten, in die Richtung. Ein Major-Turnier zu gewinnen, wäre der Traum. Aber erst einmal will ich mich unter den besten 16 Spielern der Welt etablieren.
SPORT1: Ein Top-Ten-Spieler wird bei der PDC nahezu automatisch in den Kreis der Premier-League-Kandidaten aufgenommen. Was halten Sie von einer Nominierung im kommenden Jahr?
Nijman: Wahrscheinlich dasselbe wie der Gewinn eines großen TV-Turniers: Es ist im Moment eher ein Traum als ein Ziel. Natürlich würde ich gerne in der Premier League spielen, aber das ist noch zu weit weg. Ich glaube, es gab noch nie einen Premier-League-Spieler, der auf Platz 16 der Rangliste stand.
SPORT1: Dennoch huscht Ihnen dabei ein kleines Lächeln über das Gesicht.
Nijman: Wenn man mich fragt, würde ich natürlich ‚Ja‘ sagen. Die Stadien sind so viel größer sind als alle anderen. Es ist etwas ganz Besonderes, in der Premier League zu spielen!
Darts-Star holte seinen ersten Bühnentitel in Deutschland
SPORT1: Sie haben im März ihren ersten Titel vor TV-Kameras gewonnen – immerhin auch vor über 4000 Fans. Wie sehr ist Ihnen dieses Wochenende in Göttingen hängen geblieben?
Nijman: Es ist mein größter Titel, den ich je geholt habe – ein sehr besonderes Wochenende. Natürlich ist die Weltmeisterschaft und das World Matchplay etwas Besonderes, aber ein Titel wie dieser packt noch einmal eine Schippe drauf.
SPORT1: Auffallend war bei Ihrem Siegeszug die Qualität der Landsleute, die Hälfte aller Achtelfinalisten kam aus den Niederlanden. Darunter große Namen wie Michael van Gerwen, aber auch viele junge Spieler wie Gian van Veen oder Sie.
Nijman: In den Niederlanden ist es anders als früher: Damals haben Michael und Raymond (van Barneveld; Anm. d. Red.) die ganze Arbeit gemacht. Inzwischen haben wir rund zehn Spieler, die solch ein Turnier gewinnen können. Es ist ein bisschen anders im Vergleich zu der Zeit als Michael alles gewonnen hat und alle zu ihm aufgeschaut haben. Jeder Niederländer schaut noch so auf zu ihm, aber die anderen Spieler aus den anderen Nationen machen das nicht mehr – wegen Luke Littler und Luke Humphries.
SPORT1: Wann sind Sie zum Darts gekommen – und zu welchem Spieler haben Sie damals aufgeschaut?
Nijman: Als ich angefangen habe, muss ich acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Am Anfang war mein Vorbild eher Raymond. Aber wenn ich einen Spieler außerhalb der Niederlande wählen müsste, wäre es Adrian Lewis. Ich mag seinen Rhythmus, seinen Stil. Als ich mich intensiver mit Darts beschäftigt habe, wurde er Back-to-back Weltmeister. Damit hat es bei mir angefangen.
Kurios: Nijmans Kindheitsfreund wurde auch Darts-Profi
SPORT1: Kurioserweise sind Sie ja sogar damals in unmittelbarer Nähe von Niels Zonneveld, der heutigen Nr. 35 der Welt, aufgewachsen. Richtig?
Nijman: Wir waren Nachbarn! Ich habe einen drei Jahre älteren Bruder, er hat mit Niels Darts gespielt. Als ich später alt genug war, habe ich dann auch mitgemacht.
SPORT1: Wer war der Beste?
Nijman: Am Anfang war es sogar mein Bruder, weil er der Älteste war. Aber wir haben ihn ein paar Jahre später schnell überholt (lacht).
SPORT1: Aus Ihrer Jugendphase stammt auch Ihr Walk-On-Song – „Summer of 69“ von Bryan Adams.
Nijman: Ich mochte immer mehr die alte Musik. Wir haben damals eine kleine Liste erstellt, da waren „Let Me Entertain You“ von Robbie Williams, „Jump“ von Van Halen und einige niederländische Songs drauf. Dann bin ich mit einem meiner besten Freunde zu einem Konzert von Bryan Adams gefahren – und als wir es live hörten, waren wir sicher, dass es das war: „Summer of 69“ war die beste Wahl.
Nijman offenbart: „Er hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen“
SPORT1: Derart private Anekdoten hört man von Ihnen selten. Gibt es dafür einen Grund?
Nijman: Ich bin eher der Typ, der alles so privat wie möglich hält und nicht wirklich jemand, der in den sozialen Medien postet. Es ist nicht so, dass ich es nicht will oder, dass ich Geheimnisse habe. Aber ich bin eher der familiäre Typ und verbringe viel Zeit mit den Menschen, die mich unterstützen: meine Eltern, mein Bruder und meine Freundin.
SPORT1: Im Darts-Kosmos steht Ihnen zudem eine Person besonders nahe: Daryl Fitton, der „Player Development Manager“ Ihres Sponsors Mission Darts. Er betreut neben Ihnen auch Spieler wie Deutschlands Dominik Grüllich und Yorick Hofkens.
Nijman: Daryl hat mir bei allem geholfen. Er hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen, und er hat mir dabei geholfen, so zu spielen, wie ich es jetzt tue. Selbst beim Turnier am vergangenen Wochenende in Sindelfingen habe ich ihn zwischen dem Viertelfinale und dem Halbfinale angerufen, weil das Viertelfinale nicht das beste Spiel war.
SPORT1: Immerhin haben Sie da den wohl besten niederländischen Dartspieler jemals – Michael van Gerwen – zum ersten Mal in Ihrer Karriere geschlagen…
Nijman: Es war aber nicht das beste Spiel. Ich habe mich dann kurz mit Daryl unterhalten und danach lag mein Average wieder zehn bis zwölf Punkte höher (schmunzelt) – und ich bin dennoch gegen Gerwyn Price ausgeschieden.