Während sich die Darts-Welt den Mund über ihn zerriss, saß Luke Littler Anfang April mit seiner Familie in einem Café in L‘Albir an der spanischen Mittelmeerküste und genoss in T-Shirt und kurzer Hose sichtlich die mediterrane Sonne. Es schien ein Sinnbild zu sein, wie viel all die externen Einflüsse und jüngsten Geschehnisse den Back-to-back-Weltmeister interessieren: gar nicht! Doch so scheint es eben nur. Denn so unbeeindruckt der 19-Jährige nach außen wirkt, sieht es in ihm doch ganz anders aus.
Wie bekommt Littler das wieder in den Griff?
Der Reifeprozess des Besten der Welt
Littler durchlebt aktuell die schwierigste Phase seiner jungen Sportlerkarriere, der Mann aus Warrington muss lernen mit Missgunst und Antipathie umzugehen. „Es ist kein Wunder, wenn man die Nummer eins der Welt ist und das auch noch mit so großem Abstand“, befindet SPORT1-Experte Max Hopp.
Einen Star – und das ist Littler nicht nur in der Darts-Welt zweifelsohne – machen eben auch „Hater“ aus. Eigene Handlungen intensivieren diesen Gegenwind zudem. Was jedoch derzeit darunter leidet: die sportlichen Schlagzeilen.
Littler reist zur Pro Tour – ohne mitzuspielen
Am vergangenen Premier-League-Spieltag in Brighton spielte Littler beim 4:6 gegen Stephen Bunting mit nur 83,94 Punkten den schlechtesten TV-Average seiner Karriere, wirkte aufgrund des negativen Publikumsempfangs nahezu gelangweilt. European-Tour-Events lässt er zugunsten privater Eventbesuche bei Pferderennen oder Kurzurlaube nahezu gänzlich aus, so wird er auch am kommenden Wochenende in Sindelfingen nicht ans Oche treten.
Unter der Woche reiste Littler gar zur Pro-Tour nach Wigan – aber lediglich, um sich Fanartikel von Justin Hood abzuholen, nicht um selbst beim Floor-Turnier anzutreten. Arroganz zu attestieren wäre diesbezüglich übertrieben. Es sind jedoch Aktionen, die Littler in der Szene nicht gerade liebenswürdiger machen.
Vor allem aber fällt nicht zum ersten Mal auf: Die Einwirkungen von außen haben einen größeren Einfluss als ihm lieb wäre. Schon bei der WM 2025 brach Littler ein Interview mit Sky UK-Reporterin Abigail Davies unter Tränen ab – der Leistungsdruck wurde schlicht zu groß. Buhrufe und Pfiffe der Fans quittierte er in der Vergangenheit mit hämischem Lachen auf der Bühne, Spott auf Social Media und gereizten Aussagen in Interviews.
Und im entbrannten Zoff (SPORT1 berichtete) mit Gian van Veen, immerhin Vize-Weltmeister und die Nummer drei der Welt, legte der 19-Jährige nach mehreren Wochen Wirbel mit einem Interview beim Portal Online Darts noch einmal nach. Die Kernaussage in Richtung seines niederländischen Kontrahenten: „Ich hoffe, das geht raus an die Leute, dass er eigentlich derjenige ist, der seinen Job nicht gemacht hat in Sachen respektvolles Verhalten.“ Und das, obwohl van Veen angeboten hatte, das Kriegsbeil zu begraben.
Littler-Zoff mit van Veen? „Haben eine kleine Rivalität“
Es scheint fast, als würden die Sticheleien in einem Privatduell an der Spitze der Darts-Welt kulminieren. Denn van Veen weicht keinesfalls zurück – und könnte somit für interessante Finalwochen in der Premier League sorgen.
„Ich finde das sehr spannend. Sie gehen sich nicht an die Gurgel, es ist ein kleiner Beef auf sportlicher Ebene – aber Barca gegen Real ist auch nicht interessant, weil die sich lieben. Wir haben eine kleine Rivalität, das habe ich bei Littler und Luke Humphries vermisst“, meint SPORT1-Experte Robert Marijanovic.
Um den rauer werdenden Gegenwind der Fans und dessen Auswirkungen auf Littlers Leistungen, macht sich ein anderer Experte dagegen keine Gedanken. „Um Luke Littler muss man sich keine Sorgen machen. Er wird spätestens zu den großen Turnieren, angefangen mit der entscheidenden Phase in der Premier League und dem World Cup of Darts Mitte Juni in Frankfurt, wieder voll da sein – auch mental“, befindet Max Hopp.
Littler eröffnet Premier-League Abend in van Veens Heimat
Darüber hinaus hilft die enge Begleitung des Littler-Trosses im Umgang mit den negativen Stimmen: Der 19-Jährige wird von seinen Eltern und Freundin Faith Millar auf jeglichen Reisen begleitet. Zudem steht ihm mit Gary Plummer der Mann hinter der Herstellerfirma „Target“ beratend und managend zur Seite. Selbst Phil Taylor schaltete sich jüngst als „erfahrener Onkel“ ein und riet Littler zu einem Social-Media-Ende.
Am Donnerstagabend steht jedenfalls die nächste Probe für Familie Littler um den Teenager-Filius auf dem Plan: Der Tabellenzweite der Premier League eröffnet den elften Spieltag (ab 19.15 Uhr LIVE auf SPORT1) mit seinem Viertelfinale gegen Gerwyn Price.
Dass dieser Abend jedoch ausgerechnet in Rotterdam, rund eine Autostunde entfernt von van Veens Heimat, stattfindet, dürfte die Fan-Reaktionen auf Littler nicht gerade freundlicher machen.