Luke Littler hat am Donnerstagabend seine Titelsammlung ausgebaut und in seiner dritten Premier-League-Saison zum zweiten Mal die Trophäe gewonnen. Der 19-Jährige jubelte nach einem der besten Finals der Geschichte zunächst ausgelassen, in den Armen seiner Familie kamen ihm sogar die Freudentränen. Danach sahen die Zuschauer etwas, was man zuvor noch nie bei Littler bestaunen durfte.
Luke Littler: Risse in der ehrgeizigen Fassade
So hat man Littler noch nie gesehen
In der Darts-Welt gilt der Engländer als jemand, an dem so ziemlich alles abprallt. Gerne provozierte er in der Vergangenheit die Fans und seine Gegner. Im Siegerinterview mit Sky Sports UK bekam dann allerdings seine mitunter kühle Fassade Risse.
Littler weint auf der Bühne
Angesprochen auf die 17 Wochen der Premier League, sagte Littler: „Die ersten vier Wochen waren eine Achterbahnfahrt. Ich stand am Tabellenende, aber dann, am 5. Spieltag, gewann ich meinen ersten Abend. Ich musste mich wieder aufraffen – es waren harte Zeiten. Ich glaube, ich hatte in Brighton zwischenzeitlich einen Durchschnitt von 79 Punkten oder so, und es war hart. Aber ich stehe hier mit dem Pokal.“
Die Nummer eins der Welt drehte sich daraufhin weg und hielt sich eine Hand vors Gesicht. Die Tränen schossen ihm in die Augen und das Interview musste unterbrochen werden. Sein Finalgegner Luke Humphries ging zu Littler und nahm ihn in den Arm.
Littler: „Ich will das nicht mehr machen“
Da der 19-Jährige noch nicht bereit war, weiterzureden, stellte sich die Nummer zwei der Welt vor das Mikrofon und verschaffte Littler Zeit, um durchzuschnaufen. Nachdem Humphries ihn nochmals in den Arm genommen hatte, probierte Littler es ein zweites Mal.
Dabei zeigte er sich so ehrlich wie noch nie zuvor und gab einen Einblick in seine Gefühlswelt: „Nach Brighton und dem Vorfall in Manchester saß ich zu Hause und sagte zu Faith (Litters Freundin; Anm. d. Red.): ‚Ich will das nicht mehr machen, einfach nicht jede Woche dieses Publikum‘. Ich sagte zu ihr: ‚Mir geht es richtig schlecht.‘“
Zoff mit van Veen
Mitten im Satz übermannten den Champion erneut die Gefühle und er bekam kein Wort mehr heraus. Das Interview wurde daraufhin abgebrochen. Ungefragt ging Littler mit seiner Aussage auf eine Aktion zwischen ihm und Gian van Veen ein, die die Darts-Szene mehrere Wochen beschäftigte.
Bei seinem Heimspiel in Manchester verhielt sich der 19-Jährige daneben und hetzte im Decider das Publikum gegen van Veen auf. Er verlor dennoch die Partie und verließ wutentbrannt die Bühne. Von Reue war im Anschluss nichts zu merken – ganz im Gegenteil, denn er legte auf Social Media noch mal nach. Littler war sich keiner Schuld bewusst und beteuerte auch Wochen nach dem Vorfall, sich nicht mit van Veen ausgesprochen zu haben.
Littlers Vater meldet sich zu Wort
Die Fans quittierten sein Verhalten im Anschluss mit Abneigung. Littler wurde stets bei seinen Walk-Ons an den Premier-League-Abenden ausgebuht. Bis zum Donnerstagabend schien es so, als hätte dies nichts mit dem Engländer gemacht.
Sportlich ließ sich der zweimalige Weltmeister nur eine Woche nach dem Zoff etwas anmerken, denn in Brighton spielte er den schlechtesten TV-Average in seiner jungen Karriere. Danach war er aber wieder der Alte, was in dem Titelgewinn am Donnerstagabend mündete.
Was ihm und seiner Familie der Titelgewinn bedeutete, machte sein Vater auf Instagram deutlich: „Puh, zum Glück ist diese 17-wöchige Tour endlich vorbei. Es war seit Brighton mental eine harte Zeit für uns alle, aber wir haben es überstanden, und so verrückt es auch klingen mag: Nach allem, was wir durchgemacht haben, war das für uns bedeutender als der Weltmeistertitel.“
Er fügte hinzu: „Danke an alle im Hintergrund, Sponsoren, Freunde und Familie.
Caitlin (Littlers Schwester, Anm. d. Red.) hat es versprochen: Er gewinnt die Weltmeisterschaft wieder, wir machen ein Familienfoto auf der Bühne – das ist jetzt das nächste Ziel, kein Druck, Luke, dann ist das Leben perfekt!“
Der deutsche Darts-Profi Gabriel Clemens skizzierte bei SPORT1, in welchem Gefühlschaos sich Littler in den vergangenen Wochen wohl befunden haben muss: „Es geht ihm auf jeden Fall nah. Er ist 19 und sieht ja auch, dass in der Halle so viele Menschen ein Luke-Littler-Trikot anhaben. Aber trotzdem wird er ausgebuht. Es ist auch ein bisschen paradox.“
Darts-Legende: Littler? „Als wäre er Staatsfeind Nummer eins“
Auf der anschließenden Pressekonferenz erklärte Littler, warum er in der Vergangenheit seine Gefühle verbarg – sogar vor seiner Familie: „Wir alle haben Gefühle. Wir wollen einfach unser Leben leben, und ich kann kaum glauben, dass ich gewonnen habe. Ich bin meiner Familie und natürlich Faith so dankbar. Wir Männer wollen eigentlich nicht wirklich über sowas reden, aber ja, ich musste mit Faith sprechen und ihr sagen, wie ich mich fühlte. Ich musste es einfach vor allen herauslassen. Ich bitte nicht um Mitleid, ich habe es nur der Welt erzählt.“
Darts-Legende Wayne Mardle reagierte bei Sky Sports UK auf Littlers Gefühlsausbruch: „Wir wissen, wie mental stark er ist, aber wenn man sich fühlt, als wäre man der Staatsfeind Nummer eins, kann man das Gefühl haben, nicht mehr antreten zu wollen. Aber er ist angetreten, und das ist das Ergebnis davon.“
Mardle betonte, dass er Littlers Reaktion sehr rührend empfand und bestärkte den Youngster zugleich, häufiger diese weiche Seite von sich zu zeigen: „Ich liebe die Reaktion. Davon wollen wir mehr sehen. Wir wollen nicht, dass jemand einen Pokal gewinnt und sagt: ‚Oh, ich habe wieder einen gewonnen, na und?‘ Das ist wunderbar anzusehen. Auch wenn er schon so erfolgreich ist, bedeutet es ihm immer noch alles.“
Humphries zeigt wahre Größe
Nachdem sich der 19-Jährige wieder etwas hatte entspannen können, kam er noch zu SPORT1 zum Interview und bezeichnete die Premier-League-Saison als ein „Auf und Ab“, gleichzeitig hob er Humphries heraus, der ihm auf der Bühne mit seinem Verhalten sehr geholfen habe: „Es ist sehr schön, so jemanden wie Luke auf und neben der Bühne zu haben. […] Er hat erkannt, dass ich das Interview nicht mehr weiterführen kann und das macht auch eine Freundschaft aus.“
Humphries wurde auf der Pressekonferenz ebenfalls auf die Szenen auf der Bühne angesprochen. Für ihn habe sich die Frage, ob er Littler helfen sollte, gar nicht gestellt: „Ich umarme ihn einfach, ich bin immer für ihn da, wenn er mich braucht. Es ist manchmal emotional, weil man 16, 17 Wochen unterwegs ist und er eine schwere Zeit hinter sich hat. Seit Manchester haben sich die Emotionen bei ihm wahrscheinlich immer mehr aufgestaut.“
Die Nummer zwei der Welt meinte in aller Deutlichkeit: „Ich liebe ihn über alles. Er ist einer meiner besten Freunde. Und wenn ich eingreifen muss, um ihm ein bisschen Druck zu nehmen, damit er sich entspannen kann, dann tue ich das.“
Humphries beschrieb Littlers Worte als emotional und appellierte abschließend: „Ich glaube, die Fans wollen ihn spielen sehen. Darts braucht Luke Littler, Luke Littler braucht Darts nicht. Das ist die Wahrheit. Es ist schön zu sehen, dass er bei den Fans wieder Fuß gefasst hat. Ich glaube, jeder denkt, er sei ein Roboter – das ist er aber nicht. Er ist ein normaler Mensch, auch ein guter Junge, und ich glaube, deshalb versucht er, das allen zu zeigen.“