Wenn Fußballprofis etwas überhaupt nicht gerne haben, dann ist es im Normalfall die Rolle des Zuschauers. Auf der Tribüne zu sitzen und tatenlos zuzusehen, was das Team, das man Siegen sehen möchte, unten auf dem Platz so treibt. Doch für Isak Bergmann Johannesson war das am späten Dienstagabend ausnahmsweise anders. Er besuchte den Signal-Iduna-Park, die Heimspielstätte von Borussia Dortmund. Nicht aber, um dem BVB im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League die Daumen zu drücken, sondern um seinen besten Freund zu unterstützen.
Der Traum vom Aufstieg
Seinen Kumpel kennen sie bei den Schwarz-Gelben mittlerweile ziemlich gut. Hakon Haraldsson heißt er - und ist der Mann, der den Ausgleichstreffer für den OSC Lille schoss. „Ich hatte absolute Gänsehaut, als er das Tor erzielt hatte“, erzählte Johannesson nach seinem kleinen Ausflug der besonderen Art im SPORT1-Interview. „Wir haben ein sehr enges Verhältnis zueinander und unterstützen uns gegenseitig, dieser Treffer bedeutet uns beiden sehr viel“, fügte der Düsseldorfer an. Dass Haraldsson beim 1:1 letztlich sogar zum entscheidenden Spieler avancierte und als Man-of-the-Match gewählt wurde, mache ihn unheimlich stolz.
„Wir kennen uns seit wir drei oder vier Jahre alt sind, haben früher in einem kleinen Ort mit 6.000 Einwohnern nebeneinander gewohnt und schon früh gemeinsam Fußball gespielt“, verriet der 21-Jährige, der wie Haraldsson der Jugend des IA Akranes angehörte und seinem Freund nun liebend gerne nacheifern möchte. Dieser hat es immerhin geschafft, einen der größten Vereine Deutschlands gehörig zu ärgern. Das will Johannesson am Samstag ebenfalls vollbringen. Mit Fortuna Düsseldorf gastiert er dann beim Spitzenreiter der 2. Bundesliga, dem Hamburger SV, und ist Liebling der Fans sowie großer Hoffnungsträger seiner Farben.
Johannesson ist Dreh- und Angelpunkt bei der Fortuna
Gut war Johannesson, erst vom FC Kopenhagen ausgeliehen, dann im Sommer für zwei Millionen Euro fest verpflichtet, zweifellos schon in der vergangenen Saison. Diese Spielzeit aber legte er nochmal mindestens eine Schippe drauf. Neun Tore und sieben Assists stehen nach lediglich 23 Spielen auf seiner Habenseite - ein bärenstarker Wert für einen Mittelfeldspieler, der in der Regel als Sechser oder Achter aufläuft. Bereits jetzt ist der Youngster Dreh- und Angelpunkt in Düsseldorf, geht nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz voran, dirigiert neben der Schaltzentrale mitunter sogar das gesamte Offensivspiel und spricht immer öfter auch Klartext.
Kurzum: Der Isländer begeistert - und zwar auf allen Ebenen. „Ich spiele die vielleicht beste Saison meiner Karriere und bin momentan sehr zufrieden“, redete er selbst nicht großartig drumherum. „Ich habe viele Tore geschossen, viele Tore vorbereitet und merke, dass der Trainer mir vertraut - das bedeutet mir sehr viel.“ Fortuna-Coach Daniel Thioune hat Johannesson trotz seines noch so jungen Alters vor Saisonbeginn deutlich mehr Verantwortung übertragen und ihn in den Mannschaftsrat berufen. Das zahlt sich aus, sein Schützling wächst rasant mit den neuen Aufgaben und gehört mittlerweile zu den besten Spielern der Liga.
Dass sich die Rheinländer zuletzt einige spielerische Durchhänger leisteten und auf Platz sieben trotzdem noch voll im Aufstiegsrennen mitmischen, steht mit ihm in enger Verbindung. Johannesson liefert. Immer und immer wieder. Ob er das große Ganze auch jederzeit im Blick hat oder, wie angeblich so viele andere, nur von Spiel zu Spiel schaut? „Klar, ich schaue jede Woche auf die Tabelle und gucke, wie groß der Abstand nach oben ist. Diese Liga ist verrückt. Wir sind nur vier Punkte von Platz eins entfernt, deshalb müssen wir konzentriert bleiben, unsere Arbeit machen und uns auf jedes einzelne Spiel fokussieren. Ich bin überzeugt, dass wir bis zum Ende oben mitspielen können“, antwortete er, ohne zu zögern.
Bundesliga? „Das Ziel aller in der Mannschaft“
Es zeigt, was Johannesson für ein Typ ist. Ehrgeizige Ambitionen statt leerer Worte. Dass er vom Potenzial her locker bei einem Verein in der ersten Liga spielen könnte, ist kein Geheimnis. Doch der Isländer liebt den Klub und die gesamte Stadt, das betont er während des Gesprächs auffallend oft. So will er seinen großen Wunsch am liebsten an Ort und Stelle realisieren. „Ich möchte unbedingt in der Bundesliga spielen und könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mir diesen Traum als Spieler von Fortuna Düsseldorf zu erfüllen“, betonte der in England geborene Profi, „das ist nicht nur mein Ziel, sondern das Ziel aller in der Mannschaft. Wenn das nicht der Fall wäre, würde auch etwas schieflaufen.“
In der vergangenen Saison waren die Düsseldorfer und Johannesson schon extrem dicht am Aufstieg dran, scheiterten aber dramatisch in der Relegation am VfL Bochum. Diesmal wollen sie das finale Lachen unbedingt auf der eigenen Seite haben. Natürlich kommt es dabei auf die ganze Mannschaft und nicht auf einen Einzelnen an. Und doch hängt es auch am neuen Leader, der Toni Kroos zu seinen großen Vorbildern zählt, wie er verrät. „Er war immer fit, immer da, immer anspielbar auf dem Platz - ich liebte seine Spielweise“, führte Johannesson aus, „und Kevin de Bruyne würde ich noch nennen. Er schießt viele Tore und gibt viele Vorlagen, das inspiriert mich.“
Johannesson sieht kein Endspiel
Johannesson, der bereits 31 Länderspiele in seiner Vita stehen hat, wollte im Vorjahr vor allem als Vorbereiter glänzen. Als Thioune das hörte, blickte er nur skeptisch zurück und suchte ein ums andere Mal das Gespräch mit seinem Schützling - mit Erfolg. Inzwischen weiß er, dass es am Ende einzig und allein auf Tore ankommt. Während er den Ball vor einem Jahr gerne noch einmal auf den inzwischen nach Belgien abgewanderten Top-Torjäger Christos Tzolis ablegte, sieht die Situation heute ganz anders aus. Die Mischung macht‘s, Johannesson fand eine exzellente: So verkörpert er nun einen Spielentwickler, Vorlagengeber und abschlussstarken Spieler zugleich.
Die Fortuna-Fans hoffen angesichts der kniffligen Tabellensituation, dass er das auch am Samstag auf den Platz bringen kann. Mit einer Pleite könnte immerhin entscheidend an Boden verloren werden, die Düsseldorfer stehen also durchaus unter Zugzwang. Dennoch sieht Johannesson das Kräftemessen mit dem HSV nicht als Endspiel im Aufstiegskampf, dafür sei die Saison noch zu lang. Aber: „Wenn wir in Hamburg gewinnen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“, stellte er klar. Und irgendwie wäre es ja auch typisch für die Liga, wenn die Spitzengruppe noch enger zusammenrücken würde.