Der Frust ist groß – und musste jetzt offenbar raus. Nachdem HSV-Stürmer Robert Glatzel die vergangenen vier Bundesligaspiele komplett auf der Bank verbracht hatte, hat er nun im Interview mit der Hamburger Morgenpost seinen Frust geäußert.
Hamburger SV: Aussortierter Held lässt Frust raus
Dicke Luft beim HSV
Der 32-Jährige erzählte, er habe bereits vor zwei Wochen nach dem Nachholspiel gegen Bayer Leverkusen (0:1) Trainer Merlin Polzin um eine Erklärung gebeten. Wie die Antwort ausfiel, verriet er zwar nicht. Klar ist aber, dass dies keine Auswirkungen auf die weiteren Einsatzzeiten hatte.
„Warum ich dann auch die nächsten beiden Spiele nur auf der Bank saß, kann ich nicht verstehen“, sagt Glatzel. Bei den folgenden Partien gegen den VfL Wolfsburg (2:1) und den 1. FC Köln (1:1) musste er mit ansehen, wie andere Stürmer den Vorzug bekamen – wieder einmal.
HSV: Downs und Königsdörffer vor Glatzel
In der kompletten Bundesliga-Saison stand Glatzel nur dreimal in der Startelf (ein Tor). Zum Vergleich: Damion Downs, der erst im Winter verpflichtet wurde und noch kein einziges Tor geschossen hat, stand sechsmal in der Startelf.
Dabei agiert der 21-Jährige im Sturm äußerst glücklos. Gegen Köln konnte er beispielsweise eine Top-Flanke von Fábio Vieira nicht verwerten – der Ball prallte ihm vom Oberschenkel ab.
Trainer Polzin dürfte bewusst sein, dass Downs momentan nicht als Torjäger funktioniert. Doch er setzt trotzdem auf ihn, weil er andere Eigenschaften an ihm schätzt.
„Natürlich weiß ich, dass du als Stürmer auf die Tore wartest und danach lechzt. Aber für mich ist wichtig, dass wir als Mannschaft erfolgreich sind“, sagte der Trainer. Der Erfolg der Mannschaft stehe eben im Vordergrund.
Downs sei gut darin, „das Pressing zu steuern, das Pressing auszulösen, für die Mitspieler die Räume freizuziehen.“ Ähnlich sei dies bei Ransford Königsdörffer, der in der laufenden Bundesliga-Saison bereits auf 22 Startelf-Einsätze kommt.
Polzin hielt an ihm stets fest, obwohl er an den ersten 20 Bundesliga-Spieltagen lediglich ein Tor zustande bekam. Immerhin: Im Februar hatte Königsdörffer ein kurzes Hoch und schoss in den Spielen gegen Heidenheim (2:0) und Union Berlin (3:2) drei Tore.
Glatzel kennt die Begründung – und hat kein Verständnis
Und doch ist Glatzel der Spielertyp, der im Sturm die meiste Treffsicherheit verspricht. In 145 Pflichtspielen erzielte er 82 Tore für den HSV, bereitete zudem 21 Treffer vor. Doch er ist eben kein Spieler, der sich durch ein starkes Pressing oder ein schnelles Umschaltspiel auszeichnet.
„Natürlich haben wir auch schon mal darüber geredet“, sagt Glatzel über diese vermeintlichen Defizite. „Und er hat auch seine Begründung, die er mir klar gesagt hat. Dass ich jetzt gar nicht mehr gespielt habe, ist für mich allerdings nicht verständlich.“
Unter vielen Fans, das verraten die Kommentare in den sozialen Medien, ist das Ignorieren von Glatzel umstritten.
Auch Hamann versteht Bankplatz von Glatzel nicht
Und auch TV-Experte Dietmar Hamann sagte im Januar bei SPORT1, er könne die Argumentation von Polzin nicht nachvollziehen: „Das ist ein Abschluss-Stürmer. So einem Spieler musst du auch die Freiheiten geben, vorne zu bleiben. Er soll seine Energie aufbewahren für die Situationen, in denen er das Tor machen kann.“ Doch das widerspricht eben der Spielphilosophie von Polzin.
Offenbar hat Glatzel selbst kaum noch Hoffnung, dass sich an seiner Situation etwas ändert. Ansonsten hätte er sich wohl kaum öffentlich über seine Situation beschwert. Zwar sagt er: „Ich will kein Feuer legen oder mich über die Mannschaft stellen. Das bin ich nicht. Ich will einfach nur mal ein paar Dinge loswerden und mich positionieren.“ Doch wenn ein Spieler dies über die Medien tut, leitet er oftmals das Ende seiner Vereinszugehörigkeit ein.
Glatzel denkt laut über Abschied nach
Zusätzliche Brisanz erhält das Thema durch Glatzels vertragliche Situation in Hamburg. „Ich habe noch ein Jahr einen Vertrag“, erklärt der Angreifer: „Klar ist aber auch, dass ich so eine Situation, wie ich sie in den letzten neun Monaten hatte, auf keinen Fall noch mal erleben will. Das steht für mich fest.“
Wie Polzin auf die Aussagen von Glatzel reagiert, dürfte sich bei der Pressekonferenz am Donnerstag im Hinblick auf das Spiel gegen Borussia Dortmund zeigen. Vermutlich wird er sich ähnlich äußern wie zuletzt, als er noch einmal klarstellte, die Einsatzverteilung sei „weniger eine Entscheidung für den einen und gegen den anderen, sondern eine Entscheidung für die Mannschaft.“ Und in der spielt Glatzel momentan keine Rolle.