Tjark Ernst ist bei Hertha BSC Berlin die unumstrittene Nummer 1. In sämtlichen relevanten Statistiken rangiert er in den Top 3 der Zweitliga-Torhüter. Das hat auch die Konkurrenz aus dem In- und Ausland auf den Plan gerufen.
Hertha-Keeper: "Es wäre vermessen, jetzt ein Versprechen abzugeben"
Ernst: „Dann wird es schwer“
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 23-Jährige darüber, wie er mit den Gerüchten um seine Person umgeht, wie er die Saison mit der „Alten Dame“ bewertet und welches Ziel für die restliche Spielzeit erreicht werden soll.
Hertha? „Jeder sollte den Anspruch haben, aufzusteigen“
SPORT1: Die Saison geht in den Endspurt. Wie bewerten Sie die bisherige Spielzeit?
Tjark Ernst: In den letzten Wochen wurde schon viel darüber geredet. Wir sind natürlich denkbar schlecht in die Spielzeit gestartet, haben uns dann gefangen, einen extrem guten Lauf hingelegt und uns in eine Position gebracht, in der wir sein wollten. Wir wussten, dass wir in der Rückrunde angreifen müssen und zu Beginn die Duelle gegen die direkte Konkurrenz haben. Im Nachhinein muss man einfach sagen, dass es uns nicht gelungen ist, gegen die direkten Konkurrenten zu punkten. Wenn ich an Schalke oder Darmstadt denke, wo wir die bessere Mannschaft waren und trotzdem die Zähler liegen lassen, dann wird es schwer.
SPORT1: Vor einigen Wochen sagte Ihr Coach (Stefan Leitl, Anm. d. Red.) öffentlich, dass die Tür zum Aufstieg nun geschlossen ist. War eventuell der Druck zu groß, wenn vor der Saison das Ziel Aufstieg so öffentlich kommuniziert wurde?
Ernst: Das muss jeder für sich beantworten. Aus meiner Sicht kann ich nur sagen, dass das nicht der Fall war. Jeder Sportler und vor allen Dingen jeder Spieler, der bei Hertha BSC unterschreibt, sollte den Anspruch haben, mit dem Verein aufzusteigen. Der Verein gehört in die erste Liga, entsprechend sollte es kein Druck sein, wenn man das so öffentlich nach außen trägt. Aber man muss dazu auch sagen, dass wir in dieser Spielzeit schon mehr Punkte haben als in der vergangenen. Das soll es jetzt nicht schönreden, aber es ist dennoch Fakt. Nichtdestotrotz sind wir natürlich nicht damit zufrieden, wie es gelaufen ist.
Ernst erklärt Berliner Inkonstanz
SPORT1: In der Hinrunde hatte Hertha BSC den von Ihnen angesprochenen Lauf von sechs Siegen in Folge, mit dem Höhepunkt im Pokal gegen Kaiserslautern. Was sind die Gründe, dass im Anschluss eine Inkonstanz in den Ergebnissen reinkam?
Ernst: Das ist extrem schwer zu beantworten. Es war natürlich eine Phase, in der vieles für uns gelaufen ist, wo Spiele eher auf unsere Seite gekippt sind. Dass dann auch mal ein Spiel wie gegen Magdeburg (0:2-Niederlage, Anm. d. Red.) dabei ist, in dem wir als Mannschaft nicht an unser Maximum kommen, ist völlig normal. Aber dann sind da Spiele wie gegen Fürth, wo wir in der ersten Halbzeit alles im Griff haben und führen und es nicht schaffen, erwachsen zu Ende zu spielen. Oder gegen Bielefeld, wo wir kurz vor Schluss den Ausgleich kassieren. Da muss man schon sagen, dass wir das nicht mehr hingekriegt haben, was uns in den guten Spielen der Hinrunde ausgezeichnet hat. Es ist schwer zu sagen, woran das liegt. Das sind natürlich Kleinigkeiten wie gegen Bochum, wo wir eigentlich wieder ein gutes Spiel machen, 90 Minuten alles im Griff haben und am Ende noch ein Standardtor kassieren. Am Ende liegt es an uns, dass wir es nicht mehr so konstant hinbekommen haben.
SPORT1: Was sind die Ziele für die restliche Spielzeit?
Ernst: Es geht jetzt darum, in jedem Spiel das Maximum rauszuholen. Das sind in jedem Spiel drei Punkte. Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen sind jetzt nicht so verkehrt. Gegen Bochum haben wir nicht das Maximum rausgeholt und das ärgert uns. Deswegen wollen wir das am Sonntag gegen Düsseldorf wieder besser machen und drei Punkte einfahren. Bei allen Mannschaften, die jetzt noch kommen, ist deutlich mehr Druck auf dem Kessel als bei uns. Ich hoffe, das kann für uns zum Vorteil werden.
Ernsts Weiße Westen: „Ein schöner Side-Fact“
SPORT1: Schauen wir auf Sie. Wie bewerten Sie Ihre persönliche Spielzeit?
Ernst: Ich tue mich damit schwer, mich selber zu bewerten. Das sollen lieber andere machen. Ich bin mit meiner Saison im Großen und Ganzen zufrieden, weiß aber auch, dass ich noch Entwicklungspotenzial nach oben habe. Nichtsdestotrotz finde ich, dass ich wahrscheinlich meine beste und konstanteste Saison spiele. Ich bin aber noch ein relativ junger Torwart, weshalb ich positive und negative Erfahrungen sammle und so meine nächsten Schritte gehst. Deshalb bin ich zufrieden, weiß aber auch, dass noch einige Entwicklungspotenziale da sind.
SPORT1: Was Weiße Westen betrifft, sind Sie mit Loris Karius und Marcel Schuhen gleichauf. Ist das ein Dreikampf, den Sie am Ende der Saison für sich entscheiden möchten?
Ernst: Es ist jetzt nicht so, dass ich jede Woche auf die Statistik gucke und schaue, wer wie viele Gegentore kassiert hat oder aktuell Führender ist. Natürlich ist das eine schöne Statistik und als Torwart will man so wenige Gegentore wie möglich kassieren. Ich hoffe, dass noch einige Zu-Null-Spiele dazukommen. Und wenn ich am Ende die meisten Weißen Westen habe, ist das ein schöner Side-Fact. Aber auch dann bin ich nicht alleine dafür verantwortlich, da es ein Verdienst der ganzen Mannschaft ist, da nicht elf Spieler alleine gegen mich, sondern gegen uns als Hertha BSC spielen.
SPORT1: Ihr Vater war langjähriger Bundesliga-Torwart. Wie sehr hilft es, dass er das alles schon erlebt hat? Und inwieweit ist er auch Ihr größter Kritiker?
Ernst: Der größte Kritiker ist er nicht. Auf mich wurde von zu Hause aus nie Druck ausgeübt, das ist in meinen Augen der größte Vorteil. Natürlich hilft es, dass er einige Sachen schon erlebt hat. Die Kombination aus beidem ist für mich persönlich extrem hilfreich, weil er mich schon auch in Ruhe und mein eigenes Ding machen lässt, damit ich meine Erfahrungen mache. Aber natürlich steht er mir mit Rat und Tat zur Seite.
Wechselgerüchte um Hertha-Keeper
SPORT1: Ihre guten Leistungen haben in jüngerer Vergangenheit dafür gesorgt, dass Gerüchte um Ihre Person aufgekommen sind. Wie nehmen Sie das wahr und wie gehen Sie damit um?
Ernst: Das ist Teil des Geschäfts. Sobald man gut performt, wird man von den Medien in ein Rampenlicht gestellt. Ich bin da aber ganz entspannt, muss ich ehrlicherweise sagen. Ich konzentriere mich auf das hier und jetzt, auf die tägliche Arbeit im Training und am Wochenende. Ich habe noch einen Vertrag bis 2027 und fühle mich hier extrem wohl.
SPORT1: Sie haben Ihren Vertrag gerade angesprochen. Sehen Sie eine Zukunft bei Hertha BSC über den Sommer hinaus?
Ernst: Ich weiß, dass ich hier vollstes Vertrauen spüre und mich sehr wohl fühle. Alles andere wird man dann sehen. Hertha wird auf jeden Fall der erste Ansprechpartner sein und alles Weitere wird die Zukunft zeigen. Es wäre vermessen, jetzt irgendwelche Versprechen abzugeben.
DFB-Debüt für Ernst? „Ein Traum“
SPORT1: Sie haben schon in der U21 erste Erfahrungen sammeln können. Ist es ein Ziel, irgendwann mal den Kasten der A-Nationalmannschaft zu hüten?
Ernst: Ja absolut. Das ist natürlich ein Traum, der noch ein bisschen weiter weg ist. Bei der Nationalmannschaft irgendwann einmal im Tor zu stehen, ist ein Traum, auf den man hinarbeitet. Bei der U21-EM im Sommer konnte man schon Blut lecken, was es bedeutet, für sein Land ein Turnier zu spielen. Vier Wochen mit den Mannschaftkollegen zusammen zu sein und um das eine Ziel zu kämpfen ist etwas ganz Besonderes. Wenn es dann um dein eigenes Land geht, ist es das Größte, was im Fußball geht.