Viele Jahre lang war Ron-Thorben Hoffmann Nachwuchskeeper beim FC Bayern. Aktuell erlebt der gebürtige Rostocker bei Eintracht Braunschweig einen nervenaufreibenden Kampf um den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga.
"Hansi Flick hat damals ein Monster kreiert"
„Flick kreierte damals ein Monster“
Im exklusiven SPORT1-Gespräch spricht der 26-Jährige über Führungsqualitäten, mentale Stärke im Abstiegskampf und prägende Jahre in München. Dabei erklärt der Torwart auch, welche Weltstars ihn besonders beeinflusst haben und warum Manuel Neuer für ihn bis heute eine Ausnahmeerscheinung ist.
Was Hoffmann an Neuer so bewundert
SPORT1: Herr Hoffmann, Sie hatten in Ihrer Karriere viele große Kapitäne. Von wem konnten Sie sich am meisten abschauen?
Hoffmann: Die größte Inspiration war ganz eindeutig Manuel Neuer. Er folgt dem Leitspruch ‚Lead by Example‘ und hat seine Führungsrolle bestens vorgelebt. Wenn ich Bezug zu Eintracht Braunschweig herstelle, dann fällt mir als Erstes Ermin Bicakcic ein, der diesen Verein geatmet hat.
SPORT1: Was würden Sie sagen, was zeichnet einen guten Kapitän aus?
Hoffmann: Definitiv das richtige Maß zu erkennen, wann was gebraucht wird. Ob man draufhauen muss oder ob man jemanden in den Arm nehmen muss. Jeder Spieler funktioniert anders. Das ist die größte Challenge, die ich für mich festgestellt habe. Es ist für mich etwas Besonderes, von einem Traditionsverein wie Eintracht Braunschweig der Kapitän zu sein.
„Abstiegskampf ist immer Stress“
SPORT1: Sie stecken diese Saison zum fünften Mal im Abstiegskampf. Drei Mal haben Sie mit Braunschweig bisher die Klasse gehalten, einmal sind Sie mit Bayern II abgestiegen. Was geht einem in solchen Saisons durch den Kopf?
Hoffmann: Abstiegskampf ist immer Stress! Man spielt nicht nur für sein persönliches Schicksal, sondern auch für den Verein und für Arbeitsplätze. Da hängt ein ganzes Umfeld dran, das ist uns allen bewusst. Ich finde es gut, sich mit dem Verein zu identifizieren, bei dem man aktuell ist. Klar ist aber auch: Ich will nach dem Abstieg mit Bayern II keinen mehr dazubekommen!
SPORT1: Abstiegskampf findet zum Großteil im Kopf statt. Steckt in diesem mentalen Bereich vielleicht sogar noch das größte Potenzial im Profifußball, wo man sich verbessern kann?
Hoffmann: Das ist richtig, der Kopf spielt eine Riesenrolle. Wenn man seine Emotionen nicht kontrollieren und steuern kann und nicht weiß, wie man unter Druck funktioniert, dann ist das kontraproduktiv. Die besten Sportler dieser Welt sind die Druckresistentesten. Wir sehen es bei Rafael Nadal oder Cristiano Ronaldo. Das sind absolute Vorbilder. Das sind teilweise Kontrollfreaks ihrer eigenen Emotionen. Ich persönlich habe einen Mentaltrainer, der Sachen mit mir zusammen einordnet. Ich bin der Meinung, dass dieser Bereich auch trainiert werden muss! Das ist genauso Training wie im Gym oder auf dem Platz, denn es ist absolut entscheidend für Performance. Da steckt noch ein enormes Potenzial drin.
Wechsel zum FC Bayern als „Full-Circle-Moment“
SPORT1: Sie haben gleich vier Mal den Verein gewechselt. Angefangen in Ihrer Heimat bei Hansa Rostock, ging es 2009 in die Jugend von Hertha BSC, vier Jahre später zu RB Leipzig und wiederum zwei Jahre später ins Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern München. Waren es im Nachhinein zu viele Wechsel?
Hoffmann: Jeder Wechsel hatte seine Begründung. Ich war bis zum zehnten Lebensjahr bei Hansa Rostock, damals noch als Feldspieler. Dann sind meine Eltern beruflich umgezogen und ich wollte weiter auf einem hohen Niveau spielen, so folgte der Wechsel zu Hertha, wo ich dann auch den Weg ins Tor gefunden habe. Mein erster bewusster und „eigener“ Schritt war dann der Wechsel nach Leipzig. Die Bedingungen vor Ort haben mir imponiert, bei RB gab es richtige Torwart-Experten. Dennoch war der Weg nach Leipzig nicht leicht für mich, da ich sehr heimat- und familienverbunden bin. Meine Familie hat mich damals aber bedingungslos unterstützt, obwohl ich großes Heimweh hatte.
SPORT1: Und wie kam es dann zum Wechsel zum FC Bayern?
Hoffmann: Im Jahr 2015 kam dann der Anruf vom FC Bayern München. Uwe Gospodarek und Tim Walter haben sich gemeldet – und es gibt ja viele, die sagen, sie haben in Bayern-Bettwäsche geschlafen. Bei mir gibt es Beweise und lustige Bilder mit meiner Familie vor der Allianz Arena! Das war ein Full-Circle-Moment, als ich die Gelegenheit hatte, nach München in die U17 zu gehen.
Hoffmann schwärmt von Müller und Lewandowski
SPORT1: Was läuft beim FC Bayern im Nachwuchs anders?
Hoffmann: Mir hat es schon damals imponiert, welcher Ehrgeiz vom ganzen Verein vorgelebt wird. Das war ganz besonders. Ich habe mir den Weg durch die U-Mannschaften gebahnt und bin bis zum zweiten Torwart der Profimannschaft gekommen. Ich habe Spiele auf der Bank erlebt in der Bundesliga, in der Champions League. Ich durfte die größten Trophäen dieser Welt in der Hand halten. Das hat in mir den Hunger erweckt, das auch schaffen zu wollen und nicht nur in einem Team dabei zu sein, welches diese Erfolge erreicht hat. Der Ehrgeiz, den ich dort tagtäglich erlebt habe, beispielsweise bei Manuel Neuer oder Joshua Kimmich, hat mich sehr angetrieben.
SPORT1: Gibt es noch weitere Beispiele?
Hoffmann: Ja, auch Thomas Müller oder Robert Lewandowski. Sie alle sind nicht umsonst absolute Weltstars. Wie viel Arbeit und Besessenheit dahintersteckt, diesen Weltstar-Status zu erhalten, das hat mich sehr beeindruckt. Ich bin dankbar, dies in jungen Jahren erlebt haben zu dürfen. Meine persönlichen Wechsel zu Sunderland und nach Braunschweig – das ist alles mit dem Hintergrund passiert, dass ich meinen eigenen Weg auf dieses Niveau zurückbauen will. Wo das dann genau ist, das ist dahingestellt.
SPORT1: Wie kam es eigentlich dazu, dass ein Kind aus Rostock dann Bayern-Fan wird?
Hoffmann: Das ist eine gute Frage! Kinder mögen immer die Mannschaften, die erfolgreich sind und wo Spieler aktiv sind, die cool sind. Bei mir war es Oliver Kahn, der positiv verrückt war, einfach ein Besessener. Mein erstes Trikot hatte ich auch von ihm.
Toni Kross? „Für mich der erfolgreichste deutsche Fußballer“
SPORT1: Toni Kroos ist einen ganz ähnlichen Weg gegangen, aus der Rostocker Jugend zum FC Bayern. War er ein Vorbild?
Hoffmann: Auf jeden Fall. Sein Vater war auch in der Akademie von Hansa aktiv, zu ihm hatte ich einen persönlichen Bezug. Er ist für mich der erfolgreichste deutsche Fußballer aller Zeiten. Seine Karriere ist unglaublich beeindruckend.
SPORT1: Ihre Liste an Jugendtrainern kann sich sehen lassen. Tim Walter und Sebastian Hoeneß waren zwei Förderer von Ihnen …
Hoffmann: Ich habe von diesen Trainern so viel gelernt! Tim Walter war mein erster Trainer, der war ein Positivverrückter! Auch er war besessen von Erfolg und hat den Fußball geliebt. Für solche Trainer macht es einfach Spaß zu spielen. Dieses Mantra, jedes Spiel gewinnen zu wollen, das kriegt man auch aus mir nicht mehr raus.
SPORT1: Wie war die Zusammenarbeit mit Sebastian Hoeneß?
Hoffmann: Auch er nötigt mir den größten Respekt ab, wir haben mit ihm bei den Bayern die Drittliga-Meisterschaft gewonnen und er hat sich jetzt seinen Weg bis hin zum Pokalsieger und Champions-League-Trainer erarbeitet. Aber auch Hansi Flick bei den Profis hat mich beeindruckt. Er ist einfach ein Menschenfänger, der in einer ganz schwierigen Situation bei Bayern übernommen und ein Monster kreiert hat, das alles aufgefressen hat.
Das schwierige Erbe von Manuel Neuer
SPORT1: Wie schwer war es für Sie, dass Sie diesen letzten Schritt zum Profieinsatz bei den Bayern nie gehen konnten?
Hoffmann: Schwer gar nicht, weil ich vor allem dankbar war, mit Manuel Neuer, Sven Ulreich und Alex Nübel zusammengearbeitet zu haben. Das ist das höchste Level, das es weltweit gibt. Daher hege ich keinen Groll, sondern bin dankbar, ein Teil der erfolgreichsten Zeit des Vereins der letzten Jahre gewesen zu sein. Mir war klar, dass ich meinen eigenen Weg in die Bundesliga finden muss und die Extra-Meile gehen muss, die ich dann ja auch gegangen bin. Manu (Neuer, Anm. d. Red.) war damals in seiner absoluten Prime und war unangefochten.
SPORT1: Wie ist das Verhältnis heute zu Manuel Neuer?
Hoffmann: Er spricht auf Augenhöhe mit dir, ist ein toller Mensch. Ich habe auch jetzt noch regen Kontakt mit ihm. Ich weiß, dass ich ihn immer anrufen könnte, wenn ich was habe.
SPORT1: Mittlerweile ist Jonas Urbig der Herausforderer von Neuer. Trauen Sie Urbig zu, langfristig die Nummer eins in München zu werden?
Hoffmann: Ich glaube, das Erbe von Manuel Neuer zu übernehmen, ist keine leichte Aufgabe. Jonas Urbig hat sich sehr stark reingearbeitet, hat viel von Manuel Neuer aufgesaugt. Seine Leistungen waren sehr positiv, es ist aber sehr schwer zu sagen, ob er der Erbe von Neuer sein kann.
Hoffmann spricht sich für Neuer-Comeback aus
Hoffmann: Rein von der Qualität her müsste er im Kader sein. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Ob es am Ende so kommt, wird man sehen …
SPORT1: Zurück zur Aktualität: Der 34. Spieltag steht vor der Tür, Sie kämpfen noch um den Klassenerhalt. Es geht ausgerechnet nach Schalke zu Ihrem alten Klub (Sonntag ab 15.30 Uhr im LIVETICKER). Haben Sie schon Kontakt aufgenommen, dass die einen Gang rausnehmen sollen?
Hoffmann: Es wird eine sehr gelöste Stimmung vor Ort sein. Wir sind gut beraten, die Wucht richtig einzuschätzen. Wir werden gegen 62.000 Menschen ankämpfen müssen, wollen aber unbedingt diese 40 Punkte und den Klassenerhalt erreichen!