Nach sechseinhalb Jahren als Cheftrainer endet für Christian Eichner im Sommer eine prägende Zeit beim Karlsruher SC – eine Phase, die weit über reine Ergebnisse hinausgeht. Insgesamt ein Jahrzehnt hat Eichner den Verein in unterschiedlichen Trainerrollen begleitet, zuvor trug er bereits von 2005 bis 2009 als Profi das Trikot der Badener.
KSC-Coach Eichner: "Ich habe kurz überlegt, ob ich aufhöre"
„Habe kurz überlegt, ob ich aufhöre“
Jetzt blickt der 43-Jährige im Gespräch mit SPORT1 auf seine Zeit im Wildpark zurück: auf Höhen und Tiefen, auf Entwicklung, Verantwortung und Abschied. Gleichzeitig spricht er über das Hier und Jetzt – und über die besondere Verbindung zu seinem langjährigen Co-Trainer und Freund Zlatan Bajramović, der den Verein im Dezember verlassen musste.
Damals sprach der Klub von einer „intensiven internen und langfristigen Analyse im Sinne der Gesamtstrategie“ des KSC.
Eichner vor KSC-Abschied: „Extrem emotional“
SPORT1: Herr Eichner, noch zwei Heimspiele, dann wird das Kapitel KSC geschlossen. Noch wirkt alles relativ normal – aber der Abschied rückt spürbar näher.
Christian Eichner: Ja, aber es hat sich im Vergleich zu der Woche, in der es öffentlich wurde, wieder normalisiert. Da war es extrem – für mich persönlich, für mein Umfeld, für die Spieler. Jetzt ist wieder ein normales Maß eingekehrt. Ich glaube, der richtige Schub kommt nochmal in den letzten Tagen vor dem Heimspiel gegen Bochum.
SPORT1: Haben Sie schon Herzklopfen oder lassen Sie das eher nicht so nah an sich heran?
Eichner: Das Heimspiel gegen Bielefeld nach der Bekanntgabe war extrem emotional. Abendspiel, Flutlicht, volles Stadion – und dann machen die Jungs das dritte Tor und kommen alle zu mir. Das war ein Bild, das für meine Zeit beim KSC ganz weit vorne ist. Hier ins Stadion reinzukommen, war immer mit Gänsehaut und Herzklopfen verbunden. Es war und ist ein besonderer Platz für mich.
SPORT1: Was ist die erste Szene als Cheftrainer, bei der Sie heute sagen: So würde ich es nicht mehr machen?
Eichner: Ich würde versuchen, das erste Spiel nicht zu verlieren. Direkt nach den ersten Trainingstagen ging es damals nach Saarbrücken – damals ein sehr guter Regionalligist unter Lukas Kwasniok. Es war bitterkalt, wir verlieren im Elfmeterschießen. Damals hatte Oliver Kreuzer mich zum Cheftrainer gemacht, und dann scheiden wir direkt im Pokal aus – da hat sicher nicht jeder „Hurra“ geschrien.
SPORT1: Gab es in dieser Saison einen Moment, in dem Sie das Gefühl hatten, die Mannschaft folgt Ihnen nicht mehr so klar?
Eichner: Nein. Die Truppe hat gar nicht anders reagiert. Jedes Jahr hatte seine Herausforderungen – beispielsweise viele Leihspieler, hohe Fluktuation. Das hatte Vor- und Nachteile zugleich. Ich konnte mich in der aktuellen Saison immer auf die Mannschaft verlassen, gerade in Spielen wie gegen Kiel, wo es gewackelt hat.
KSC-Coach verrät Erfolgsgeheimnis
SPORT1: Warum hat das mit Ihnen beim KSC insgesamt so gut funktioniert?
Eichner: Ich kenne den Verein, das ist ein Vorteil. Und ich kannte die Mannschaft schon aus meiner Co-Trainerzeit. Ich konnte mich ausprobieren, habe früh Verantwortung übernommen. Die Jungs kannten mich gut, vor allem durch die Videoanalysen. Fachlich war Vertrauen da, menschlich hat es ohnehin gepasst. Trotzdem braucht es immer auch eine Portion Glück, um am Ende erfolgreich zu sein. Das Gesamtpaket war und ist einfach stimmig.
SPORT1: Die Mannschaft hat sich über die Jahre stark verändert.
Eichner: Extrem. Es gab eine Saison, der ich noch immer etwas nachtrauere, weil wir den ganz großen Wurf verpasst haben. In anderen Spielzeiten standen wir vor der Frage: Was passiert, wenn sich ein, zwei Spieler verletzen? Da hätte es ganz schön schattig werden können – und trotzdem haben wir es immer wieder aufgefangen.
Am Ende hat über die sechseinhalb Jahre das letzte Stück gefehlt, um den entscheidenden Schritt zu gehen.
SPORT1: Gab es Phasen, in denen Sie gemerkt haben, dass Ihr Ansatz an Grenzen stößt?
Eichner: Es gab in jeder Saison unterschiedlich große Meilensteine, an denen wir die ein oder andere taktische Veränderung vorgenommen haben. Wir haben gemerkt, dass es Zeit für eine Anpassung war. Dabei haben wir die Spieler integriert und in unsere Überlegungen mit eingebunden.
Eichners Co-Trainer war seine „zweite Ehefrau“
SPORT1: Ein zentraler Faktor Ihrer Zeit war die Zusammenarbeit mit Co-Trainer Zlatan Bajramovic, der den Verein im Dezember verlassen musste.
Eichner: Ich beschreibe es gern mit einer Geschichte: Zlatan kam mit Mirko Slomka, wir kannten uns nicht. Wir haben nur gegeneinander gespielt. Slomka wurde dann beurlaubt, und wir haben es zusammen mit Patrick Meister eine Zeit weitergemacht. Später bekam ich das Vertrauen von Oliver Kreuzer. Man hätte aber auch genauso gut Zlatan fragen können. Ich habe ihn direkt angerufen – und er war wahrscheinlich vor mir im Büro, nicht beleidigt, sondern sofort dabei. Irgendwann wurde Zlatan zu meiner zweiten Ehefrau. Wir wussten blind, wie der andere tickt. Es war ein klassisches „Bad cop, good cop“ – und in diesen Rollen haben wir uns über die Jahre immer gut abgewechselt. Wichtig war, dass die Spieler unterschiedliche Stimmen zu hören bekommen.
SPORT1: Erinnern Sie sich an einen Spieltag oder eine Trainingswoche, in der Sie komplett unterschiedlich auf die gleiche Situation geblickt haben?
Eichner: Nein, das gab es tatsächlich nie. In der Sache haben wir immer klar und hart, aber sachlich diskutiert – und sind am Ende immer zu einer gemeinsamen Entscheidung im Trainerteam gekommen.
SPORT1: Was hat sich verändert, seit er weg ist?
Eichner: Die Aufgaben mussten neu verteilt werden, das hat Zeit gebraucht. Diese Phase war für mich sogar schwerer als jetzt mit der Bekanntgabe meines Abschieds. Ich habe kurz überlegt, ob ich aufhöre – aber ich wollte die Mannschaft nicht im Stich lassen.
Dieser Prozess ärgert Eichner etwas
SPORT1: Wird er Sie beim nächsten Klub wieder begleiten?
Eichner: Ja.
SPORT1: Welche Entscheidung beim KSC hat Sie im Nachhinein am meisten geärgert
Eichner: Ich bin mir treu geblieben, deshalb bin ich grundsätzlich happy. Ich bin aber auch selbstkritisch genug, um zu sagen, dass ich mich im Zusammenhang mit meiner Vertragsverlängerung im Herbst 2024 mehr hätte rausnehmen und weniger emotional sein müssen.
SPORT1: Hätten Sie heute eher gesagt: Ich lasse mir mehr Zeit?
Eichner: Um die Frage der Zeit ging es mir nicht, sondern vielmehr um die Art und Weise und den Ablauf – da beziehe ich mich voll mit ein.
SPORT1: Ist Ihre Frau froh, dass das Kapitel endet?
Eichner: Meine richtige Frau, nicht Zlatan? (lacht) Diese Frage stellt sich für mich gar nicht. Wir sprechen zu Hause über alles und sie unterstützt mich bei jeder Entscheidung.
SPORT1: Wie geht es für Sie weiter – direkt oder erstmal Pause?
Eichner: Ich kann mir beides vorstellen. Die nächste Aufgabe muss mich reizen. Ich werde nichts erzwingen.
Zukunft in Deutschland? Das sagt Eichner
SPORT1: Was für ein Klub würde Sie reizen?
Eichner: Ich mag den deutschen Fußball. Wir unterschätzen oft unser Produkt. Ich mag Klubs mit Emotionen und Gemeinschaft, wo es für Gegner unangenehm ist. Im Bauch muss es etwas auslösen.
SPORT1: Dieser Abschied dürfte kein leiser werden.
Eichner: Ja, sehr wahrscheinlich. Ich habe sehr persönliche Nachrichten bekommen, das hat mich berührt. Ich habe großen Respekt vor meinem letzten Spiel.
SPORT1: Was berührt Sie besonders?
Eichner: Vor allem Kinder. Briefe, kleine Geschenke – das geht mir schon sehr nah. Das zeigt, dass man etwas hinterlässt. Das war immer mein Ziel: Dass die Leute sagen, es war eine gute Zeit. Ich bekomme sogar Bananen geschenkt, weil ich die gerne esse – und Socken. Das ist schon besonders. Und die Möglichkeit, sich hier im Stadion zu verabschieden und vielleicht irgendwann wiederkommen zu dürfen, ist im Profifußball nicht selbstverständlich. Es war eine richtig coole Zeit. Aber noch ist sie nicht zu Ende, noch haben wir drei Aufgaben vor der Brust, die wir maximal erfolgreich bestreiten wollen.