Der Weg nach Veldhoven führt vorbei an gepflegten Vorgärten, stillen Straßen und der typisch niederländischen Ruhe. Dort lebt ein Mann, der auf Schalke bis heute als Mythos verehrt wird. Huub Stevens empfängt SPORT1 exklusiv in seinem neuen Zuhause.
Schalke 04: Trainer-Legende mit eindringlicher Warnung! "Reicht noch nicht"
Schalke-Legende warnt eindringlich
Der „Knurrer von Kerkrade“, wie er aufgrund seiner mürrischen Art genannt wurde, wirkt entspannt und ausgeruht. Doch sobald es um Schalke 04 geht, ist sofort wieder diese besondere Energie spürbar. Der Aufstieg der Königsblauen hat auch bei der Trainer-Legende Erinnerungen geweckt – an große Europapokal-Nächte, emotionale Paraden durch Gelsenkirchen und an die unvergleichliche Wucht, die dieser Verein entfalten kann, wenn Fans und Mannschaft eins werden.
Im Interview spricht Stevens über den emotionalen Bundesliga-Aufstieg, die neue Euphorie auf Schalke, die Arbeit von Trainer Miron Muslic – und warum er trotz aller Freude eindringlich vor zu hohen Erwartungen warnt.
Schalke-Aufstieg: „Die Atmosphäre war überragend“
SPORT1: Herr Stevens, viele Schalke-Fans sagen gerade: „Der Fußballgott muss ein Schalker sein.“ Ausgerechnet das erste Spiel nach dem Aufstieg ging gegen den 1. FC Nürnberg verloren – also gegen die Freunde aus Franken. Was bedeutet Ihnen dieses besondere Duell?
Huub Stevens: Die Niederlage in Nürnberg wird Schalke verkraften können. Trotz der Feierlichkeiten nach dem Aufstieg und des Ibiza-Trips hat die Mannschaft beim 0:3 eine ordentliche Leistung gezeigt. Und wenn Schalke verliert, dann offenbar am liebsten gegen die Nürnberger Freunde. Die Fanlager verbindet viel. Direkt nach dem Aufstieg mit so einem Spiel weiterzumachen, das passt irgendwie zu Schalke. Die Atmosphäre war überragend.
SPORT1: Wie haben Sie den Aufstieg erlebt?
Stevens: (lacht) Ich war gegen Düsseldorf im Stadion. Es war kein überragendes Spiel, aber sehr professionell von Schalke. Sie sind nicht in Schwierigkeiten geraten und haben es sauber zu Ende gebracht. Über die gesamte Saison gesehen ist das ein verdienter Aufstieg.
SPORT1: War das für Sie ein emotionaler Moment?
Stevens: Ein Tränchen gab es nicht. Aber ich bin lange mit Schalke verbunden, da fühlt man natürlich mit. Wenn du siehst, wie die Menschen feiern, ist das schon etwas Besonderes. Das war schön zu erleben.
Stevens emotional: „Dieses Gefühl habe ich wieder gespürt“
SPORT1: Hat Sie diese Stimmung im Stadion an frühere Schalke-Momente erinnert?
Stevens: Als ich Schalke gegen Fortuna Düsseldorf wieder im Stadion erlebt habe – ich war einige Monate nicht dort –, kamen Erinnerungen an früher hoch. An die Spiele gegen Mailand, an die Zeit, als wir erfolgreich waren. Wie die Leute das genossen haben, wie wir zurückgekommen sind und später die Parade in Gelsenkirchen gemacht haben. Dieses Gefühl habe ich jetzt wieder gespürt. Nach dem Spiel wurde lange gefeiert, alle wollten diesen Moment genießen. Das war wirklich das Gefühl von früher.
SPORT1: Ist das diese spezielle Kraft, die Schalke damals schon ausgezeichnet hat?
Stevens: Diese Kraft war eigentlich immer da. Aber die Menschen müssen auch etwas haben, worauf sie stolz sein können. Die Leute hier haben viel mitgemacht, viel Kritik und viele Probleme erlebt. Jetzt hatten sie endlich wieder etwas zu feiern. Das ist großartig für die Fans.
SPORT1: Nach dem Aufstieg ging es für die Mannschaft erst einmal nach Ibiza. Gehört so etwas für Sie nach einer Saison mit so viel Druck einfach dazu?
Stevens: Wenn man aufsteigt, muss man auch feiern dürfen. Wichtig ist nur, dass danach wieder gearbeitet wird. Aber solche Momente gemeinsam zu erleben, das stärkt auch eine Mannschaft.
SPORT1: Wie eng ist Ihr Bezug zum Verein heute noch?
Stevens: Ich habe noch Kontakt, auch zu Youri Mulder (Direktor Profifußball bei Schalke; Anm. d. Red.). Wenn es Themen gibt, sprechen wir über Spiele oder über den Verein. Ich hoffe einfach, dass es Schalke gut geht.
SPORT1: Wie haben Sie seine Entwicklung zur Führungsperson gesehen?
Stevens: Das war absehbar. Er hatte schon als Spieler Persönlichkeit und hat immer mitgedacht. Er ist ein echter Blau-Weißer und jetzt am richtigen Platz.
SPORT1: Sie sagen selbst: Schalke bleibt im Herzen.
Stevens: Ja, aber das gilt für viele. Ich habe auch bei anderen Vereinen gearbeitet und überall gute Kontakte. Aber Schalke – und auch PSV – sind besonders. Schalke bleibt tief im Herzen.
„In der aktuellen Form wird es schwer in der Bundesliga“
SPORT1: Was sagt der Aufstieg über den aktuellen Zustand des Vereins aus?
Stevens: Ich hoffe, dass es finanziell besser aussieht, aber das kann ich nicht beurteilen. Sportlich ist klar: Es muss viel passieren. Vier, fünf, vielleicht sechs neue Spieler sind nötig, die wirklich zu Schalke passen. In der aktuellen Form wird es schwer in der Bundesliga.
SPORT1: Also eher Abstiegskampf als Stabilität?
Stevens: Realistisch gesehen ja. Schalke will mitspielen und gute Spiele gegen große Gegner machen – das ist klar. Aber dafür reicht es im Moment noch nicht.
SPORT1: Was ist jetzt entscheidend?
Stevens: Ein echter Neuanfang. Der Aufstieg ist die Basis, jetzt müssen die richtigen Schritte folgen. Trainer und Trainerteam sind in Ordnung, jetzt muss aufgebaut werden. Ich sage nur: Glück auf!
SPORT1: Welche Typen braucht Schalke jetzt in der Bundesliga?
Stevens: Spieler mit Mentalität. Spieler, die Verantwortung übernehmen und füreinander arbeiten. Genau das braucht Schalke.
SPORT1: Welche Spieler haben Sie besonders überzeugt?
Stevens: Kenan Karaman hat mich beeindruckt. Auch der linke Verteidiger Moussa Ndiaye hat mir zuletzt gegen Düsseldorf sehr gefallen. Und Edin Dzeko ist ein wichtiger Spieler – wegen seiner Mentalität und seiner Art, Verantwortung zu übernehmen.
SPORT1: Und Loris Karius?
Stevens: Er gehört grundsätzlich in die Bundesliga. Aber es wird auch Spieler geben, die es schwer haben werden. Der Trainer weiß genau, wer dieses Niveau hat. Wichtig ist, dass Schalke Schritt für Schritt weiterkommt.
Muslic „erreicht Spieler und Fans“
SPORT1: Trainer Miron Muslic war für viele eine Überraschung.
Stevens: Ja, der Name war mir zunächst nicht so bekannt. Aber großes Kompliment: Es passt vom ersten Tag an. Er gibt alles für Schalke, ist ehrlich, direkt und erreicht Spieler und Fans. Das ist hier extrem wichtig.
SPORT1: Kann man Ihre Rolle damals mit seiner vergleichen?
Stevens: Nein. Ich habe eine bestehende Mannschaft übernommen. Muslic musste ein Team erst aufbauen. Das ist eine andere Aufgabe.
SPORT1: Sportvorstand Frank Baumann wirkt sehr ruhig im Hintergrund.
Stevens: Er passt gut zu Schalke. Nach außen ruhig, intern sicher auch mal klarer. Er ist eine wichtige Figur im Gesamtgefüge. Und er braucht die richtigen Leute um sich herum – wie Youri und den Trainer.
SPORT1: Kann Kontinuität auf Schalke funktionieren?
Stevens: Das wäre sehr wichtig. Alle müssen zusammenarbeiten: Trainer, Management, Verein. Die Stimmung ist gut, jetzt muss man das nutzen.
SPORT1: Muslic hat bis 2028 verlängert. Ein Signal?
Stevens: Ja, ein starkes. Aber im Fußball hängt vieles von Entwicklungen ab. Er weiß, wie groß Schalke ist. Aber er hat hier eine echte Chance, etwas aufzubauen.
Schalke-Legende Stevens hat einen Wunsch
SPORT1: Was braucht der Verein jetzt?
Stevens: Zeit, Vertrauen – und dass alle zusammenarbeiten. Alte und neue Kräfte gemeinsam. Nur so wird Schalke stabil.
SPORT1: Gehört für Sie auch Clemens Tönnies weiterhin zu Schalke?
Stevens: Mein Rat wäre: Holt Clemens Tönnies wieder mit ins Boot. Das wäre wichtig, denn der Verein braucht finanzielle Unterstützung. Und Clemens hat Schalke im Herzen. Beim Zoff mit den Ultras hat man ihm Unrecht getan. Das hat Clemens nicht verdient.