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"Emotional fällt es mir schwer, diesen Wechsel nachzuvollziehen"

Reese-Wechsel sorgt für Zündstoff

Noch im März bekannte sich Kapitän Fabian Reese offensiv zu Hertha BSC, nun führt ihn sein Weg zum neuen Ligakonkurrenten Wolfsburg. Legende Maik Franz kann es bei SPORT1 nur teilweise nachvollziehen.
Der VfL Wolfsburg stellt Tobias Strobl offiziell als neuen Cheftrainer vor. Sportdirektor Pirmin Schwegler und Sport-Geschäftsvorstand Dieter Hecking äußern sich zum Neuzugang an der Seitenlinie.
Noch im März bekannte sich Kapitän Fabian Reese offensiv zu Hertha BSC, nun führt ihn sein Weg zum neuen Ligakonkurrenten Wolfsburg. Legende Maik Franz kann es bei SPORT1 nur teilweise nachvollziehen.

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Dieser berühmte Satz wird dem ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer zugeschrieben. Er passt derzeit erstaunlich gut zur Situation von Fabian Reese.

Denn noch im März dieses Jahres bekannte sich der Publikumsliebling von Hertha BSC im Podcast „Spielmacher – Fußball von allen Seiten“ demonstrativ zu den Berlinern. „Hertha ist mein Verein“, sagte Reese damals und betonte zugleich seinen Wunsch, mit den Blau-Weißen den Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen.

Noch im März 2025 hatte Reese seine Vertragsverlängerung mit großem Brimborium auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions verkündet. Vor den Fans inszenierte Hertha die langfristige Bindung ihres Publikumslieblings bis 2030 als starkes Signal für die Zukunft und den gemeinsamen Weg zurück in die Bundesliga.

Kaum mehr als ein Jahr später ist alles anders: Reese wechselt zum Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg und soll nun dort ein Anführer bei der Mission Wiederaufstieg werden. Berichten zufolge liegt die Ablösesumme bei rund acht Millionen Euro. Für viele Hertha-Fans war das ein Schock.

Fan-Wut bei Social Media

In den sozialen Netzwerken wird Reese scharf kritisiert, zahlreiche Anhänger fühlen sich von ihrem bisherigen Identifikationsspieler verraten. Schließlich war der Offensivmann nicht nur sportlich die herausragende Figur der vergangenen Saison. Mit zehn Toren und 13 Vorlagen war er Herthas bester Scorer und einer der wenigen Lichtblicke in einer erneut enttäuschenden Spielzeit.

Dass der Wechsel nicht nur unter den Fans für Diskussionen sorgt, zeigt auch die Einschätzung von Ex-Profi Maik Franz. Der frühere Wolfsburger und Herthaner betrachtet den Transfer mit gemischten Gefühlen.

„Aus Fansicht finde ich diesen Wechsel schon bemerkenswert. Wenn du dich so klar zu Hertha BSC, zur Stadt und zum Verein bekennst und dann zu einem Aufstiegskonkurrenten wechselst, wirkt das zumindest widersprüchlich. Sportlich kann ich den Schritt verstehen – Wolfsburg ist für mich einer der absoluten Aufstiegsfavoriten. Emotional fällt es mir dagegen schwer, ihn nachzuvollziehen“, sagte Franz im Gespräch mit SPORT1.

Reese „nicht zum Sündenbock machen“

Gleichzeitig mahnt der frühere Profi zu einer differenzierten Betrachtung: „Vielleicht braucht Hertha die Ablöse dringend, vielleicht spielen wirtschaftliche Zwänge eine größere Rolle, als wir von außen beurteilen können. Deshalb sollte man den Spieler nicht direkt zum Sündenbock machen.“

Reese bestätigt die Einschätzung auf der Hertha-Homepage indirekt, indem er auch auf die Situation des bisherigen Vereins als Grund für seinen Wechsel anführt: „Nach Abschluss dieser für uns alle nicht erfreulichen Saison und der gemeinsamen Einordnung der sportlichen sowie der finanziellen Ausrichtung unserer Hertha, musste ich eine Entscheidung als Sportler treffen.“ Er wolle der aus dem verpassten Aufstieg resultierenden Neuausrichtung des Vereins „nicht im Wege stehen“.

Auch Franz verweist auf die Berliner Vereinsführung: „Der Wechsel ist für mich weniger eine Frage des Spielers als eine Frage von Hertha BSC. Wenn ein Kapitän und eine Identifikationsfigur den Verein verlässt, muss sich Hertha die Frage gefallen lassen, warum.“

Persönliche Vorwürfe gegen Reese lehnt Franz ab: „Ich kenne Fabian persönlich. Er hat mich bei zwei sozialen Projekten sehr unterstützt und war dabei immer absolut korrekt. Er hat das Herz am rechten Fleck, engagiert sich für Kinder und setzt sich immer wieder für sie ein. Am Ende möchte er sich seinen Traum von der Bundesliga erfüllen.“

Reporter-Legende zeigt Verständnis

Michael Jahn, der 24 Jahre lang für die Berliner Zeitung über Hertha BSC berichtete, zwölf Jahre lang eine Hertha-Kolumne schrieb und zehn Bücher über den Klub veröffentlichte, sieht den Wechsel ebenfalls kritisch.

Im Gespräch mit SPORT1 sagt der 74-Jährige: „Das ist natürlich ein Hammer! Ich kann Reese irgendwo verstehen, dass er wechselt, aber mit Wolfsburg bekommt das Ganze natürlich einen Beigeschmack.“

Gleichzeitig zeigt Jahn Verständnis für die Beweggründe des Offensivspielers: „Es ist seine letzte Chance, seinen Traum von der Bundesliga zu verwirklichen, und er kann weiterhin in Berlin wohnen bleiben.“

Bundesliga kein Thema für Hertha 

Für Hertha zeichnet der langjährige Beobachter dagegen ein düsteres Bild: „Die Hertha wird auch in der nächsten Saison die Bundesliga nach den Abgängen von Kennet Eichhorn (zu Bayer Leverkusen), Reese, Michal Karbownik und Leihspieler Maurice Krattenmacher (zurück zur SV Elversberg) wohl nicht erreichen, so leid es mir tut. Und das ahnt Reese. Der VfL will sofort wieder aufsteigen, und bei den Wölfen bekommt Reese einen noch besseren Vertrag als bei der Hertha.“

Den Frust der Fans kann Jahn deshalb nachvollziehen: „Viele haben noch das Bild vor Augen, wie Reese auf dem Platz seine Vertragsverlängerung bekannt gibt.“

Jahns Einschätzung unterstreicht die Zwickmühle, in der sich Reese befindet: Einerseits hatte er sich öffentlich zu Hertha bekannt, andererseits bietet sich ihm mit Wolfsburg möglicherweise die letzte realistische Chance, dauerhaft in der Bundesliga Fuß zu fassen.

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Wirtschaftlich attraktives Gesamtpaket

Zur Wahrheit gehört auch: Reeses kolportiertes Monatsgehalt von rund 150.000 Euro belastete die finanziell angeschlagene Hertha erheblich. Deshalb galt der Publikumsliebling intern nie als unverkäuflich. Wolfsburg hat Berichten zufolge rund acht Millionen Euro für den Offensivspieler auf den Tisch gelegt – für die Berliner ein wirtschaftlich attraktives Gesamtpaket.

Auch beim VfL Wolfsburg lautet das erklärte Ziel nach dem überraschenden Abstieg die direkte Rückkehr ins Oberhaus. In Wolfsburg sehen Reeses sportliche Perspektiven rosiger aus – und er hat nach eigenen Angaben auch schon persönliche Sympathie für den neuen Klub gewonnen: „Das hochprofessionelle Umfeld, aber auch die Werte, die hier vom Verein, von Volkswagen und von den Menschen drumherum vertreten werden, waren ausschlaggebend für mich.“

Nichtsdestotrotz: Zwischen dem Bekenntnis „Hertha ist mein Verein“ und dem Abschied liegen gerade einmal wenige Monate. Es ist kein Einzelfall im schnelllebigen Geschäft – für viele Hertha-Fans fühlt es sich trotzdem wie ein gebrochenes Versprechen an.