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So etwas gibt es im Profifußball selten

Sowas gibt es im Profifußball selten

Vom Bundesliga-Torwart an die Spitze des VfL Bochum: Andreas Luthe spricht im SPORT1-Podcast LEADERTALK über Loyalität, Führung und seine besondere Verbindung zum Revierklub. Dabei erklärt er, wie der VfL den Wandel schaffen soll, ohne seine Identität zu verlieren.
Bochums Vorstandsboss Andreas Luthe erklärt das Aus von Trainer Dieter Hecking und Geschäftsführer Dirk Dufner.
Vom Bundesliga-Torwart an die Spitze des VfL Bochum: Andreas Luthe spricht im SPORT1-Podcast LEADERTALK über Loyalität, Führung und seine besondere Verbindung zum Revierklub. Dabei erklärt er, wie der VfL den Wandel schaffen soll, ohne seine Identität zu verlieren.

Vom Bundesliga-Torwart zum Vorstandsvorsitzenden eines Traditionsvereins – Andreas Luthe hat einen Weg eingeschlagen, den es im deutschen Profifußball nur selten gibt. Der langjährige Keeper des VfL Bochum, des FC Augsburg, von Union Berlin und des 1. FC Kaiserslautern hat sich schon während seiner aktiven Karriere intensiv mit Führung, Wirtschaftspsychologie und Organisationsentwicklung beschäftigt.

Heute trägt er Verantwortung für mehr als 30.000 Mitglieder des VfL Bochum und gestaltet die Zukunft eines Vereins, der wie kaum ein anderer für Identität, Nähe und Tradition steht.

In LEADERTALK erklärt Luthe, weshalb gute Führung immer individuell sein muss, welche Rolle Urs Fischer für seine Entwicklung spielte, was ihn die Kulturen in Augsburg, Union Berlin und Kaiserslautern gelehrt haben und warum der VfL Bochum den Spagat zwischen Tradition und Transformation meistern muss, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Es ist ein Gespräch über Führung und Verantwortung, über Menschen und Vereinskultur, über die Kraft von Identifikation und darüber, wie sich ein Traditionsverein in einer sich rasant verändernden Fußballwelt neu aufstellen kann, ohne seine Seele zu verlieren.

„Loyalität ist für mich ein Geben und Nehmen“

Loyalität ist für Luthe kein Begriff für Sonntagsreden. Sie entsteht nicht durch Verträge, sondern durch Vertrauen, gemeinsame Erfahrungen und das Gefühl, einem Verein etwas zurückgeben zu wollen. Genau diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere – vom Jugendspieler bis zum heutigen Vorstandsvorsitzenden des VfL Bochum. „Loyalität ist für mich ein Geben und Nehmen. Und dieses Geben und Nehmen spielt in meiner Verbindung zum VfL Bochum halt eine ganz, ganz wesentliche Rolle.“

Als ihn der VfL Bochum mit 13 oder 14 Jahren verpflichtete, gehörte er nach eigener Einschätzung „längst nicht unter den Top-Talenten in Deutschland“. Trotzdem investierten Trainer und Verantwortliche Zeit, Geduld und Vertrauen in seine Entwicklung. „Der Klub und seine Menschen, seine Mitarbeiter haben viel Zeit darauf investiert, mich zu entwickeln und sind letztendlich auch dafür verantwortlich, dass aus meinem bescheidenen Talent dann doch eine beachtliche Karriere geworden ist.“

Vom Jugendspieler zum Bochum-Chef

Aus dieser Erfahrung entstand eine tiefe Verbundenheit. Seine Rückkehr nach Bochum zum Ende seiner Karriere sei deshalb weit mehr gewesen als eine sportliche Entscheidung. „Da ging es zum Ende meiner Karriere wirklich nicht mehr darum, irgendwie Geld zu verdienen oder sportliche Erfolge zu feiern, sondern das hat eingezahlt auf die Loyalität, auf meine Verbindung zu diesem Verein.“

Dass dieser Weg schließlich auf den Vorstandsstuhl führte, war selbst für ihn nicht vorhersehbar. Heute versteht sich Luthe nicht nur als Vorsitzender des Vereins, sondern als Vertreter seiner Mitglieder. „Letztendlich bin ich ja der Vorsitz, der verlängerte Arm unserer 30.000 Mitglieder.“ Genau darin unterscheide sich Bochum von vielen anderen Klubs. Der VfL sei weit mehr als ein Fußballverein. „Stadt und Klub sind mehr oder weniger eins.“

„Stadt und Klub sind mehr oder weniger eins“

Diese Identifikation sei überall spürbar. In den Straßen der Stadt, rund um das Stadion an der Castroper Straße und bei den Menschen, die den Verein tragen. „Statistisch ist jeder zehnte Mensch, der da in Bochum durch die Stadt läuft, sogar Vereinsmitglied.“ Diese Nähe bringe aber auch Verantwortung mit sich. Wer das Trikot des VfL Bochum trägt, müsse verstehen, welche Werte dieser Verein verkörpert.

„Fans beim VfL Bochum wollen vor allen Dingen sehen, dass sich Spieler für diesen Klub zerreißen.“ Nicht Perfektion entscheide darüber, ob ein Spieler akzeptiert werde. „Das ist der einzige Weg, wie man als Spieler beim VfL Bochum scheitern kann. Wenn einem das die Menschen nicht glauben.“

Wirtschaftspsychologie prägt Luthes Blick

Dass Luthe heute an der Spitze eines Traditionsvereins steht, hat auch mit seinem ungewöhnlichen Lebensweg zu tun. Lange bevor er sich als Bundesliga-Torhüter etablierte, absolvierte er eine Ausbildung zum Fachinformatiker und begann ein Studium der medizinischen Informatik. Später folgten Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie.

Während viele Profis ihre gesamte Energie ausschließlich in den Fußball investieren, interessierte sich Luthe schon früh für Themen außerhalb des Sports. „Bei uns in der Familie spielt es einfach eine große Rolle, sich mit variantenreichen Themen zu beschäftigen.“ Gerade die Wirtschaftspsychologie habe seinen Blick auf Teams, Führung und Organisation nachhaltig geprägt. „Das Thema der Wirtschaftspsychologie ist so variantenreich und lässt sich so prima auf den Spitzenfußball übertragen.“

Heute profitiert er davon in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender. Denn viele Fragen, die ihn damals als Spieler beschäftigten, begleiten ihn heute aus einer anderen Perspektive. Rückblickend beschreibt sich Luthe als Fußballer, der Entscheidungen verstehen wollte. „Mir ist es nicht immer leicht gefallen, Entscheidungen einfach ohne Erklärung zu akzeptieren.“

Daraus entwickelte sich sein heutiges Führungsverständnis. Menschen seien unterschiedlich, deshalb müssten sie auch unterschiedlich geführt werden. „Ein Führungsstil über jeden zu stülpen, ist selten eine gute Idee.“ Mit einem Schmunzeln ergänzt er: „Elf Andreas Luthes in einem Team, das würde auf keinen Fall funktionieren.“

Was für Luthe gute Führung ausmacht

Vielfalt sei für ihn keine Herausforderung, sondern eine Stärke. Entscheidend sei, unterschiedliche Persönlichkeiten so einzubinden, dass sie ihre Wirkung entfalten können. Gerade deshalb habe er auch schwierige Phasen seiner Karriere akzeptieren können. „Wenn ich das Gefühl hatte, dass ich trotzdem irgendwie einen Impact habe, eine Wirksamkeit habe, dann hat mir es trotzdem Spaß gemacht.“

Für Luthe ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben von Führung: Menschen nicht ausschließlich über ihre Position zu definieren, sondern ihnen das Gefühl zu geben, einen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg zu leisten.

Den prägendsten Trainer seiner Karriere hat er schnell gefunden: Urs Fischer. Der heutige Trainer von Mainz 05 habe es geschafft, unterschiedlichste Persönlichkeiten zu einer erfolgreichen Mannschaft zu formen. „Er hat es über seine Führungsart und Weise, über sein Führungstalent, seine Art und Weise, wie er Menschen managen konnte, eben geschafft, diesen wilden Haufen auf ein Ziel auszurichten.“ Für Luthe liegt darin die eigentliche Kunst erfolgreicher Führung. „Der größte Hebel eigentlich als Führungskraft ist aus meiner Sicht, zwischen Sachebene und der emotionalen Ebene zu unterscheiden.“

„Das ist Leadership“

Die besten Trainer seiner Karriere seien auf dem Platz kompromisslos gewesen, hätten ihre Spieler gefordert und auch unbequeme Wahrheiten ausgesprochen. Nach dem Training seien sie den Menschen jedoch wieder auf Augenhöhe begegnet. „In der Sache hart zu sein, Dinge, auch wenn sie unangenehm sind, ansprechen zu können, ohne verletzend zu werden, ohne emotional zu werden.“ Für Luthe beschreibt genau dieser Gedanke gute Führung. „Das ist Leadership.“

Dass der Ex-Keeper heute auf eine außergewöhnlich enge Verbindung zu jedem seiner ehemaligen Vereine zurückblickt, ist kein Zufall. Schon während seiner Karriere achtete er bewusst darauf, wohin ihn sein Weg führen sollte. „Ich habe ja bei meiner Auswahl der Klubs, bei meiner Karriereplanung sehr penibel darauf geachtet, dass das Stationen sind, mit denen ich mich total identifizieren kann. Wo ich die Fantasie hatte vor der Vertragsunterschrift, dass das mehr werden kann als nur eine Geschäftsbeziehung.“

Klubs mit ganz eigener Identität

Genau darin sieht Luthe rückblickend eines der größten Qualitätsmerkmale seiner Laufbahn. Noch heute kehre er gerne zu seinen früheren Vereinen zurück – nicht wegen der Erinnerungen an Spiele, sondern wegen der Menschen und der Kultur, die ihn dort geprägt haben. Jeder Verein habe dabei seine eigene Identität.

Beim FC Augsburg beeindruckte ihn vor allem die Bodenständigkeit der Menschen und des Vereins. „Den Begriff der Demut würde ich schon auch verwenden. Das spürst du auch. Bayerisch Schwaben ist sehr demütig und zurückhaltend.“

„Der FCK ist ein schlafender Riese“

Union Berlin verbindet Luthe bis heute mit einem außergewöhnlichen Gemeinschaftsgefühl. „Wie man mit seinen Ehemaligen umgeht, das ist einzigartig in Deutschland, vielleicht sogar in Europa.“

Und wenn er über den 1. FC Kaiserslautern spricht, wird deutlich, welche emotionale Kraft Fußball entwickeln kann. „Der FCK ist ein schlafender Riese.“ Vor allem der Betzenberg habe ihn nachhaltig geprägt. „Ich bin fest davon überzeugt: Jeder Spieler, der da mal mit dem FCK-Trikot auf dem Betzenberg aufgelaufen ist, der wird das nie wieder vergessen.“

Luthe über die Verantwortung der Vereine

Trotz seiner Begeisterung für unterschiedliche Vereinskulturen unterscheidet Luthe klar zwischen der Verantwortung eines einzelnen Spielers und der Verantwortung eines Vereins. Nicht jeder Profi müsse sich gesellschaftlich engagieren oder zu jedem Thema öffentlich Stellung beziehen. Eine Vorbildfunktion trage allerdings jeder.

„Was jedem Einzelnen klar sein muss, ist, dass er eine gewisse Vorbildfunktion da draußen einnimmt.“ Noch größer sei jedoch die Verantwortung der Vereine selbst. Gerade Klubs müssten sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst sein und Werte glaubwürdig vorleben. Diese Haltung prägt auch seine Arbeit als Vorstandsvorsitzender. Der VfL Bochum stehe vor großen Herausforderungen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, verändertes Zuschauerverhalten und die Modernisierung des Stadions würden den Verein in den kommenden Jahren nachhaltig verändern.

Bochum zwischen Tradition und Wandel

Für Luthe geht es deshalb nicht darum, Tradition gegen Fortschritt auszuspielen. Die eigentliche Aufgabe bestehe darin, beides miteinander zu verbinden.

„Der VfL Bochum muss in diese Neuzeit überführt werden, ohne sein Gesicht, ohne seine DNA, ohne seine Wurzeln zu verlieren.“ Dabei versteht er Veränderung nicht als Projekt weniger Entscheidungsträger, sondern als gemeinsamen Prozess. Die Mitglieder, die Fans und die Menschen der Stadt müssten diesen Weg mitgehen können. Denn genau diese Nähe mache Bochum aus.

Luthe schwärmt von Uwe Rösler

Cheftrainer Uwe Rösler verkörpert für Luthe: fachliche Klarheit, Konsequenz und gleichzeitig einen respektvollen Umgang mit Menschen. „Uwe verbindet aus meiner Sicht genau dieses Element, was ich an Trainern in meiner Karriere immer so geschätzt habe.“

Besonders beeindruckt ihn dabei eine Fähigkeit: „In der Sache unglaublich hart zu sein. Denn wir bewegen uns im absoluten Top-Bereich. Da muss es möglich sein, unangenehme Dinge, sachliche Dinge sehr direkt kommunizieren zu können. Aber trotzdem diese emotionale Intelligenz zu haben, Menschen zu fangen – diese Kombination ist bei ihm außerordentlich.“

Mounir Zitouni (55) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Führungskräfte in Bundesligaklubs und Unternehmen in punkto Leadership, Kommunikation und Teamentwicklung. Der ehemalige Profifußballer hat zudem die Autobiographie von Dieter Müller geschrieben und im Buch „Teams erfolgreich führen“ (Metropolitan-Verlag, 2024) die Erkenntnisse aus den Gesprächen im Podcast LEADERTALK zum Thema Leadership zusammengefasst.