Maximilian Senft ist kein gewöhnlicher Trainer. Der 37 Jahre alte Österreicher war selbst nie Profi-Fußballer, dafür Poker-Star.
"Die Grenze ist für mich erreicht, wenn es persönlich wird"
„Das sehe ich wie Jürgen Klopp“
Knapp eine Million Dollar erspielte er im Laufe seiner Karriere, während er zeitgleich bei unterklassigen Teams die Fußballschuhe schnürte.
Über verschiedene Trainerstationen in Österreich – unter anderem beim SV Ried – landete Senft in diesem Sommer schließlich beim Karlsruher SC in der 2. Bundesliga. Er folgt auf Christian Eichner und tritt damit ein schweres Erbe an.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Senft über seine Vergangenheit als Pokerspieler, Bauchgefühl und Analyse, seine Abneigung gegen Oberflächlichkeit, seinen Vorgänger Eichner und die Bundesliga-Pläne des KSC. Und er verrät, warum ihm bei der ersten Busfahrt auf den Betzenberg (1. FC Kaiserslautern – Karlsruher SC, Samstag ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) wohl selbst das Herz etwas schneller schlagen wird.
Senfts analytischer Blick auf Fußball
SPORT1: Herr Senft, bei Ihnen geht es häufig um Ideen, Überzeugungen und verschiedene Phasen des Spiels. Hand aufs Herz: Kann man Fußball auch ein bisschen zerdenken?
Maximilian Senft: (lacht) Kann man wahrscheinlich. Ich tue es nicht. Entscheidend ist: Was vermittle ich den Spielern? Mir und meinem Staff geht es darum, das Spiel so gut wie möglich zu verstehen. Je besser mein eigenes Verständnis vom Fußball ist, desto besser kann ich Ideen und Herangehensweisen vermitteln. Und dazu braucht es nachvollziehbare Klarheit. Ich denke, das gelingt unserem Staff bisher sehr gut.
SPORT1: Sie haben vor einem Testspiel zuletzt gesagt: „Wenn ich keine Fehler mache, werde ich nie wissen, wie weit ich gehen kann.“ Welchen Fehler haben Sie als Trainer gemacht, für den Sie heute tatsächlich auch dankbar sind?
Senft: Ich habe zu einer Zeit in meiner Trainerkarriere mal zwei Mannschaften gleichzeitig trainiert. Und da bin ich in der Kommunikation sicher nicht allen gerecht geworden und habe so lernen dürfen, wie wichtig das Thema Kommunikation ist.
SPORT1: Zwei Mannschaften gleichzeitig?
Senft: Es war an demselben Ort. Ich habe einerseits den SC Pinkafeld, gleichzeitig auch die Bundesliga-Damenmannschaft von Südburgenland trainiert. Trainingsbeginn war um 18 Uhr, Trainingsende um 22 Uhr, danach noch zwei Stunden heim nach Wien. Das war intensiv. Und es war eine Zeit, in der ich gelernt habe, wie wichtig es ist, sich die Zeit für die Spieler zu nehmen.
Vom Pokertisch auf den Fußballplatz
SPORT1: Bevor Sie Trainer wurden, haben Sie am Pokertisch Karriere gemacht und dabei fast eine Million Dollar verdient. Wie wird aus einem erfolgreichen Pokerspieler eigentlich ein Fußballtrainer?
Senft: Einerseits habe ich seit meinem sechsten Lebensjahr selbst Vereinsfußball gespielt, war also immer leidenschaftlicher Amateurfußballer. Bis ich 28 war, habe ich gespielt, auch noch sehr lange in Österreich in den unteren Ligen. Das heißt, diese Leidenschaft für Fußball existiert bereits seit Kindertagen. Gleichzeitig habe ich während des Pokerns auch immer gespürt, dass mir dieses Teamgefüge fehlt. Du bist viel mehr Einzelkämpfer beim Poker. Dieser Spaß daran, im Team zu arbeiten, gepaart mit der Leidenschaft für Fußball, waren die ausschlaggebenden Faktoren, die dazu geführt haben, Fußballtrainer zu werden.
SPORT1: Was hat Sie Poker über Menschen und Entscheidungen gelehrt?
Senft: Auf jeden Fall, dass man die Reflexion und Beurteilung einer Entscheidung nicht ausschließlich vom Ergebnis abhängig machen sollte. Das ist ganz wichtig. Das ist im Fußball auch entscheidend, weil du auch mal schlechte Entscheidungen triffst und das Spiel trotzdem gut ausgeht – oder umgekehrt. Und über Menschen würde ich sagen: Ich hatte an den Live-Poker-Tischen mit Menschen verschiedener Nationalitäten und mit völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten zu tun. Eine gewisse Offenheit für die Geschichten der Menschen zu haben und sich daraus auch ein Stück weit die Beweggründe für ihre Handlungen erklären zu können.
SPORT1: Beim Poker kann man die richtige Entscheidung treffen und trotzdem verlieren – und mit einer falschen sogar gewinnen. Wie viel Poker steckt deshalb heute noch in Ihrem Denken als Trainer?
Senft: Das kann dir als Trainer auch passieren. Weil ja am Ende des Tages die Spieler auf dem Platz stehen. Da können gute Entscheidungen durch eine nicht so gute Spielerleistung weniger sichtbar werden. Und umgekehrt kann auch eine schlechtere Entscheidung von mir als Trainer durch eine sehr gute Spielerleistung mal unsichtbar bleiben. Dementsprechend gibt es da totale Parallelen zwischen Fußball und Poker.
SPORT1: Was langweilt Sie?
Senft: Oberflächlichkeit.
SPORT1: Ist der Fußball bei all dem Geld nicht manchmal auch oberflächlich?
Senft: Ich finde nicht, dass der Fußball oberflächlich ist. Nur weil viel Geld im Fußball ist, heißt das ja nicht, dass er oberflächlich ist. Ich finde, das Spiel an sich hat so viel Detailreichtum. Wer da an der Oberfläche hängen bleibt, sieht nur einen Bruchteil von dem, was wirklich entscheidend ist und was letztendlich für mich den Reiz ausmacht.
„Ich habe nie angefangen, ihn ersetzen zu wollen“
SPORT1: Fußballtrainer findet man eher auf dem Trainingsplatz als auf LinkedIn. Sie sind dort ziemlich präsent. Was reizt Sie an einer Plattform, auf der man Fußballtrainer eher selten findet?
Senft: Ich möchte selbstständig Einblicke in Themenbereiche geben, die im Idealfall vor allem andere jüngere Trainer inspirieren können. Die Plattform ist da eher nebensächlich.
SPORT1: Wer hat Sie als Trainer besonders inspiriert?
Senft: Ich schaue tatsächlich viel mehr auf Trainer aus anderen Sportarten. Phil Jackson zum Beispiel, von dem habe ich zwei Bücher zu Hause liegen. Dann definitiv Steve Kerr. Die zwei würde ich nennen, weil das wirklich zwei sind, mit denen ich mich sehr viel beschäftigt habe. Und Pete Carroll noch.
SPORT1: Christian Eichner war beim KSC nicht einfach nur Ihr Vorgänger. Er war über Jahre eine Institution als Trainer. Kann ein neuer Trainer wie Sie einen solchen Vorgänger überhaupt ersetzen? Oder müssen Sie möglichst schnell aufhören, ihn ersetzen zu wollen?
Senft: (lacht) Ich habe nie angefangen, ihn ersetzen zu wollen. Wenn man selbst Trainer ist, weiß man erst mal, was es bedeutet, wenn jemand sechseinhalb Jahre Trainer bei ein und demselben Verein war. Ich kann mir sehr gut vorstellen, durch wie viele Widerstände ein Trainer geht, wenn er sechseinhalb Jahre bei demselben Club ist, weil das Fußballgeschäft diese Widerstände mitbringt, und davor habe ich großen Respekt. Gleichzeitig schlage ich hier einen neuen Weg ein. Und das, was vorher war, beeinflusst mich jetzt in meiner Arbeit wenig. Ich bin auch davon überzeugt, dass es nicht hilfreich wäre, wenn ich mich beeinflussen ließe.
SPORT1: Hatten Sie seitdem eigentlich Kontakt zu Christian Eichner?
Senft: Nein. Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, mich bei ihm zu melden, weil ich mir meine eigenen Eindrücke machen will. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte es durchaus interessant sein, sich mal zu treffen oder zu telefonieren.
Mission Top 20 in Deutschland
SPORT1: Der Präsident spricht bereits davon, dass der KSC am Ende dieser Entwicklung wieder in der Bundesliga stehen soll. Was macht eine solche Ansage mit einem neuen Trainer?
Senft: Die Strategie „Top 20 in Deutschland innerhalb der nächsten vier Jahre“ ist mir von den Verantwortlichen im Klub von Anfang an sehr transparent kommuniziert worden. Und das war auch einer der Punkte, der total anziehend war für mich. Dementsprechend war die Aussage keine Überraschung.
SPORT1: Die Frage nach dem Aufstieg kann man sich eigentlich sparen, oder? Weil jetzt ohnehin die klassische Trainerantwort kommt.
Senft: (lacht) Ich weiß nicht, ob meine Antwort die klassische Trainerantwort ist. Ich kann nur sagen: Wir befinden uns sportlich in einem großen Neu- beziehungsweise Weiterentwicklungsprozess, der sich in der neuen Zusammenstellung im Staff und vor allem in einer Verjüngung des Kaders widerspiegelt. Dementsprechend halte ich mich persönlich nicht damit auf, was in einem Jahr ist, sondern ich versuche gerade, gemeinsam mit dem Staff und den Spielern, insbesondere den Führungsspielern, eine Konstanz in die Umsetzung unserer Kernidee reinzubekommen. Wir müssen im Hier und Jetzt die Basis für eine erfolgreiche Zukunft legen. Und dafür ist ein sehr gezielter Fokus notwendig und keiner, der in die Ferne schweift. Ich weiß nicht, ob das jetzt die klassische Trainerantwort ist.
Ergebnisse als logische Konsequenz
SPORT1: Da war sie wieder, die Kernidee. Stellen wir uns vor: Der KSC spielt dreimal genau nach Ihrer Idee und verliert dreimal. Wie lange darf eine Idee wichtiger sein als die Tabelle?
Senft: Hier möchte ich differenzieren: Es ist ja nicht meine alleinige Idee. Es ist unsere Idee. Und die entwickelt sich auch gemeinsam mit den Spielern. Das ist ein wichtiger Teil der Geschichte und wird gerne übersehen. Wir sitzen viel mit den Spielern zusammen, die sich in das Ganze einbringen. Das ist ja nicht so, dass ich meinen Spielern nur erzähle, wie Fußball funktioniert. Das wäre nicht zieldienlich. Wenn wir drei Spiele lang sehr gut in unserer Idee spielen und verlieren, dann werde ich mich darüber nicht freuen. Aber dann werde ich trotzdem Zuversicht haben, dass sich die Ergebnisse schnell zum Positiven ändern, weil im Normalfall die Ergebnisse die logische Konsequenz aus guter oder nicht so guter Leistung sind.
SPORT1: Wann wird aus Überzeugung Sturheit?
Senft: Eine sehr philosophische Frage. Das gefällt mir gut. Ich versuch es mal so: Wenn du mit deiner Idee gar niemanden mehr mitnehmen kannst, dann ist es wohl eher Sturheit.
SPORT1: Was muss ein Trainer über Menschen wissen, was in keinem Trainerlehrgang gelehrt wird?
Senft: Wie gut gewisse Charaktere und Persönlichkeiten zueinander passen müssen, damit es ein funktionierender Kader ist.
SPORT1: Sehen Sie darin eine besondere Stärke von sich?
Senft: Ob das meine besondere Stärke ist, müssen andere bewerten. Aber ich würde sagen, es ist etwas, dem ich sehr viel Aufmerksamkeit schenke. Für mich ist es wichtig, den Kontext, in dem man sich befindet, zu verstehen und, wenn man zum Beispiel Spieler neu dazuholt, zu wissen, wie die bestehende Mannschaft tickt, um dann auch die richtigen Charaktere zu ergänzen.
SPORT1: Wir sind heute ziemlich philosophisch geworden.
Senft: (lacht) Die Überzeugungs-Sturheits-Frage nehme ich schon mit. Die finde ich wirklich sehr spannend.
Kritik gehört zum Trainerjob dazu
SPORT1: Kritik gehört zum Trainerjob. Jürgen Klopp hat bei seiner Präsentation als Bundestrainer gesagt: Wenn meine Familie angegriffen wird, bin ich weg. Wo liegt für Sie diese Grenze?
Senft: Als Trainer gehört es dazu, diese wöchentliche Bewertung der Medien auszuhalten. Das ist meine tiefe Überzeugung. Sobald es ins Persönliche oder Familiäre geht, sind Grenzen erreicht. Das sehe ich wie Jürgen Klopp. Und so würde ich es auch differenzieren. Ich glaube schon, dass man als Trainer – wir sind sehr privilegiert, diesen Job des Cheftrainers machen zu dürfen – akzeptieren muss, dass wir Woche für Woche medial bewertet werden. So funktioniert Fußball. Das gilt es einzuordnen. Die Grenze ist für mich immer dann erreicht, wenn es persönlich und familiär wird.
SPORT1: Diese Klopp-Pressekonferenz hat Sie offenbar beeindruckt.
Senft: Das war mit das allerhöchste Medienniveau, das ich bisher von einem Trainer gesehen habe.
„Das Herz wird bei mir etwas schneller klopfen“
SPORT1: Am Samstagabend wartet der Betzenberg. Dort müssen sich Ideen, Prinzipien und Überzeugungen unter Druck bewähren.
Senft: Übrigens: den Ausdruck „Prinzipien“ vermeide ich tatsächlich, weil Prinzip heißt „immer“ und „nie“. Da bin ich kein Freund davon. Ich spreche von Verhaltensweisen.
SPORT1: Okay. Was bleibt von all der Theorie übrig, wenn der Betzenberg bebt?
Senft: Hoffentlich etwas, an dem sich die Spieler in schwierigen Phasen festhalten können. Dafür ist es ja auch da. Hoffentlich eine Mannschaft, die einen gemeinsamen Fußball spielt. Denn darum geht es bei der Vermittlung dieser Idee: dass sie einen gemeinsamen Fußballgedanken haben und trotzdem ganz viel Platz für ihre Persönlichkeit bleibt.
SPORT1: Und Sie persönlich? Wenn Sie das erste Mal mit dem Bus den Berg hochfahren, wird das schon auch für Sie ein bisschen Herzklopfen sein, oder?
Senft: Davon gehe ich ganz stark aus. Solche großen Spiele und so große Rivalitäten sind Zutaten, die extrem reizvoll sind am Trainerjob – auch für mich. Das Herz wird bei mir am Samstag etwas schneller klopfen.