Nur wenige hundert Meter vom RheinEnergieSTADION in Köln entfernt trifft SPORT1 auf eine Frau, die den deutschen Frauenfußball über Jahre mit geprägt hat: Inka Grings. Titel als Spielerin, internationale Erfahrungen als Trainerin – und immer wieder klare Haltung, auch in schwierigen Phasen.
Ex-DFB-Star im Interview: “Es ging um Verleumdung und Rufmord”
„Rufmord“ kostete sie den Job
Im Exklusiv-Interview spricht die 47-Jährige über ihre Stationen im Ausland, Rückschläge abseits des Rasens und die Entwicklung des deutschen Fußballs. Dabei redet sie auch über Jamal Musiala.
SPORT1: Frau Grings, zuletzt wurde es ruhig um Sie. Gleichzeitig haben Sie zuvor international gearbeitet. Nehmen Sie uns bitte durch Ihre Stationen mit.
Inka Grings: Ich war anderthalb Jahre Trainerin beim FC Zürich. Ich bin in einer schwierigen Phase eingestiegen, wir haben eine ordentliche Rückrunde gespielt, konnten den Rückstand aber nicht mehr aufholen. Im Jahr darauf lief es dann richtig gut: Meisterschaft, Pokal und erstmals die Champions-League-Hauptrunde – und das mit einem kleinen Budget.
SPORT1: Was hat diesen sportlichen Aufschwung aus Ihrer Sicht möglich gemacht?
Grings: Wir haben extrem viel in Detailarbeit investiert, einen klaren Plan verfolgt – und vor allem hat das Team hinter dem Team top funktioniert. Danach kam das Angebot der Schweizer Nationalmannschaft – das war für mich der nächste Schritt. Wir haben bei der WM in Neuseeland die beste Weltmeisterschaft der Schweizer Geschichte gespielt: Gruppensieger, kein Spiel verloren und auch kein Gegentor. Im Viertelfinale sind wir gegen den späteren Weltmeister Spanien schließlich ausgeschieden – insgesamt war es ein sehr erfolgreiches Turnier.
Grings über harte Zeit: „Es ging um Verleumdung und Rufmord“
SPORT1: Anschließend wurde es turbulent um Sie. Was ist passiert?
Grings: Ich bin in Deutschland in die Schlagzeilen geraten – im Zusammenhang mit meinem damaligen Arbeitgeber Hermann Tecklenburg und dem SV Straelen. Dabei wurden Dinge behauptet, die nicht der Wahrheit entsprachen. Es ging um Sozialabgaben, die der Arbeitgeber nicht bezahlt hat – anscheinend! Ich hatte einen ganz normalen Arbeitsvertrag.
SPORT1: Was hat Sie daran am meisten getroffen – die Vorwürfe selbst oder der Umgang der Öffentlichkeit damit?
Grings: Vor allem der Umgang damit. Das wurde medial extrem aufgebauscht und teilweise völlig falsch dargestellt. Ich habe mir sogar einen Medienanwalt an die Seite geholt – es ging um Verleumdung und Rufmord. Am Ende war das auch der Grund, warum ich meinen Job bei der Nationalmannschaft verloren habe. Das war eine sehr harte Zeit.
SPORT1: Wie sind Sie mit dieser Phase persönlich umgegangen?
Grings: Ich habe tolle Menschen um mich herum gehabt, die für mich da waren – da sind! Das Thema ist für mich abgeschlossen.
SPORT1: Wie ging es sportlich für Sie danach weiter?
Grings: Danach kam das Angebot von Club Brugge. Das war eine herausfordernde, aber auch spannende Zeit – insgesamt ein toller Club, der eine sehr interessante Ausbildung verfolgt und auch erfolgreich ist. Wir konnten Nationalspielerinnen entwickeln und hatten die Top-Torjägerin der Saison in unseren Reihen. Es war eine gute Saison.
SPORT1: Wenn Sie diese Zeit insgesamt einordnen: Was hat sie mit Ihnen gemacht?
Grings: Es war eine sehr prägende Zeit. Die Kombination aus sportlichem Erfolg und den äußeren Umständen hat mich stark geformt. Ich reflektiere und starte immer bei mir und bin super dankbar für jede Erfahrung! Aber ich habe auch gelernt, dass vieles richtig ist und man immer besser wird, wenn man offen, neugierig und fleißig bleibt. Ich liebe diese Art von Arbeit.
Popp zum BVB? „Ein absoluter Top-Transfer“
SPORT1: Kommen wir zur Gegenwart: Sie sind eng befreundet mit Alexandra Popp, die zu Borussia Dortmund wechseln wird. Wie bewerten Sie diesen Transfer?
Grings: Das ist ein absoluter Top-Transfer, den ich aus ihrer Sicht total nachvollziehen kann. Borussia Dortmund hat mit Ralf Kellermann enorme Kompetenz geholt – und mit Alexandra Popp kommt eine Spielerin dazu, die sportlich und menschlich extrem viel mitbringt. Sie ist in Topform, bringt enorme Erfahrung mit – ein absoluter Gewinn für den Verein.
SPORT1: Ist das eher ein sportlicher Meilenstein oder auch ein strategisches Projekt für den Verein?
Grings: Beides. Für Alex geht ein Kindheitstraum in Erfüllung. Ich hätte gedacht, dass sie noch einmal ins Ausland geht, aber ich verstehe den Heimwechsel total. Für den BVB ist es sportlich und strukturell ein großer Schritt.
SPORT1: Wovon hängt der Erfolg eines solchen Transfers besonders ab?
Grings: Vor allem von Erfahrung und Persönlichkeit. Alex kann eine junge Mannschaft führen. Dazu kommt ihre körperliche Stabilität – sie ist topfit und kaum verletzungsanfällig. Für mich ist das ein Transfer ohne Risiko – sportlich wie menschlich. Es gibt keinen Verlierer.
„Frauenfußball ist Fußball – Punkt“
SPORT1: Was sagt der begeisterte Empfang in Dortmund über den Frauenfußball aus?
Grings: Das zeigt, wohin wir in Deutschland noch kommen müssen – aber auch, was möglich ist. In Dortmund herrscht eine besondere Fußballkultur, unabhängig vom Geschlecht. Diese Begeisterung hilft dem Frauenfußball enorm und zeigt, dass Akzeptanz und Interesse wachsen.
SPORT1: Welche Rolle spielen Spielerinnen wie Popp generell für die Entwicklung?
Grings: Eine extrem wichtige. Solche Persönlichkeiten sorgen dafür, dass Frauenfußball als Fußball wahrgenommen wird. Wir sollten aufhören, ständig Vergleiche mit dem Männerfußball zu ziehen. Frauenfußball ist Fußball – Punkt.
SPORT1: Ist die Abhängigkeit von solchen Persönlichkeiten eher Stärke oder Schwäche?
Grings: Es gibt und es muss immer Zugpferde geben. Vorbilder, Idole – das braucht nicht nur unser Sport.
SPORT1: Wer könnte aus Ihrer Sicht künftig in solche Rollen hineinwachsen?
Grings: Es gibt viele spannende Talente mit Entwicklungspotenzial. Wichtig ist, dass sie Spielzeit bekommen und sich auf hohem Niveau weiterentwickeln können.
Entwicklung des Frauenfußballs? „Haben viel Vorarbeit geleistet“
SPORT1: Sie haben den Frauenfußball über viele Jahre erlebt. Was hätte Ihre aktive Karriere unter heutigen Bedingungen verändert?
Grings: Ich wäre wahrscheinlich noch stärker gewesen (lacht). Die heutigen Möglichkeiten sind ganz andere. Für die Voraussetzungen, die Spielerinnen heute haben, haben wir damals viel Vorarbeit geleistet. Heute ist der Frauenfußball deutlich professioneller und im Alltag angekommen. Der Fokus, sich nur auf das Wesentliche konzentrieren zu können, die Regeneration sowie die Möglichkeiten, intensiver mit mehr Optionen trainieren zu können, sind großartig.
SPORT1: Hat eine Weltmeisterschaft heute noch den gleichen Stellenwert?
Grings: Absolut. Für mich sind das die größten Highlights im Fußball. Ich finde es wichtig, dass Nationalmannschaften und Vereine einen sportlichen und respektvollen Umgang miteinander pflegen! Beides muss zusammen funktionieren. Es ist das Größte, für sein Land spielen zu dürfen – gegen die Besten der Welt.
SPORT1: Mario Basler hat den Frauenfußball zuletzt kritisiert. Was entgegnen Sie solchen Aussagen?
Grings: Ehrlich gesagt pflege ich einen respektvollen Umgang und lasse selbstverständlich auch andere Meinungen zu. Aber bei solchen Typen muss ich sagen, dass ich froh bin, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt hat.
SPORT1: Lassen Sie uns den Blick auf den deutschen Fußball insgesamt richten. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?
Grings: Wir müssen aufholen, sind aber auf einem guten Weg! Mentalität und Charakter stimmen, aber am Ende zählen Titel. Da haben wir zuletzt zu wenig erreicht.
SPORT1: Welche Faktoren sind entscheidend, um wieder zur Spitze zu gehören?
Grings: Mehr Spielzeit für junge Spieler*innen, mehr Mut in den Vereinen und mehr internationale Erfahrung. Entwicklung passiert auf höchstem Niveau – und am Ende zählen Ergebnisse.
Vor WM: Grings rät bei Musiala zur Vorsicht
SPORT1: Wie bewerten Sie die aktuellen Nominierungen bei unseren Männern?
Grings: Bei Jonas Urbig bin ich voll bei Nagelsmann. Das Leistungsprinzip zählt – nicht das Alter. Auch Spieler wie Lennart Karl bringen Flexibilität mit und überzeugen beim FC Bayern. Bei Angelo Stiller sieht man, wie stark die Konkurrenz ist.
SPORT1: Gibt es Spieler, bei denen Sie besonders genau hinschauen?
Grings: Man muss bei einigen Spielern sehr genau hinschauen, wachsam sein. Aleksandar Pavlovic ist immer wieder verletzungsanfällig. Und auch bei Jamal Musiala gilt: Sein Talent ist unbestritten, aber er ist sehr verletzungsanfällig.
SPORT1: Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll, Musiala gezielt zu schonen statt durchzuziehen?
Grings: Ich bin ehrlich – aktuell könnte die WM für Jamal Musiala noch zu früh kommen. Da geht es nicht um Qualität, sondern um körperliche Stabilität. Wenn er komplett fit wird, ist es natürlich möglich – aber im Moment sollte man eher vorsichtig sein. Man darf ja nicht vergessen: Jeder längere Ausfall bedeutet auch, dass deine körperlichen Voraussetzungen nicht stabil sind. Er ist wirklich ein toller Junge mit großartigem fußballerischem Talent. Natürlich drücke ich ihm die Daumen, dass er es schafft.
Vincent Kompany kann ganz anders mit ihm arbeiten und ihn gezielter steuern. Auf Nationalmannschaftsebene ist das nur eingeschränkt möglich. Ähnliches habe ich in Zürich mit einer Spielerin erlebt, die körperlich extrem angeschlagen war. Wir hatten einen klaren Plan mit ihr. Heute spielt sie in einem Top-Klub in Europa. Deshalb beobachte ich diese Entwicklung sehr genau.
SPORT1: Wie groß ist der Druck auf Julian Nagelsmann?
Grings: In Deutschland gibt es immer Druck – und das ist auch richtig so. Wer die Qualität hat, muss den Anspruch haben, Titel zu gewinnen. Deshalb hat Nagelsmann natürlich Druck.
SPORT1: Sie sind FC-Fan und wohnen in der Nähe des Geißbockheims. Wie bewerten Sie die Trennung von Trainer Lukas Kwasniok?
Grings: Aus Trainersicht finde ich das zweifelhaft. Gerade als Aufsteiger ist die Situation ohnehin schwierig. Ich hatte den Eindruck, dass er die Mannschaft erreicht hat. Deshalb finde ich die Entscheidung schade.
SPORT1: Zum Abschluss: Was erwarten Sie vom Testspiel der Deutschen gegen die Schweiz am Freitag?
Grings: Die Schweiz ist ein kompakter, disziplinierter und spielstarker Gegner. Wir müssen laufstark sein und im letzten Drittel konsequent agieren. Ich erwarte ein intensives Spiel – und eines, das zeigt, wo beide Teams wirklich stehen.