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"Ganz ehrlich: Ich fühle mich ohnmächtig"

„Ich fühle mich ohnmächtig“

Die deutsche Trainer-Legende Winfried Schäfer war jahrelang im Iran und ist den Menschen dort bis heute verbunden. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er über den Krieg, gesellschaftliche Hintergründe und das Gefühl der Hilflosigkeit.
Winfried Schäfer bei seiner Ankunft in Teheran 2017
Winfried Schäfer bei seiner Ankunft in Teheran 2017
© IMAGO / Amirhossein Kheirkhah
Die deutsche Trainer-Legende Winfried Schäfer war jahrelang im Iran und ist den Menschen dort bis heute verbunden. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er über den Krieg, gesellschaftliche Hintergründe und das Gefühl der Hilflosigkeit.

Die Bilder aus dem Iran erschüttern derzeit die Welt – und sie treffen auch einen Mann besonders, der das Land aus nächster Nähe kennt: Winfried Schäfer. Der frühere Bundesliga-Trainer (Karlsruher SC und VfB Stuttgart) arbeitete von 2017 bis 2019 beim iranischen Traditionsklub Esteghlal Teheran, knüpfte enge Freundschaften und erlebte den Alltag der Menschen fernab der Schlagzeilen.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 75-Jährige über seine Sorge um Freunde im Kriegsgebiet, seine Erfahrungen mit Politik und Fußball im Iran – und über die Hoffnung vieler Menschen auf Frieden und Freiheit.

SPORT1: Herr Schäfer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie aktuell die Bilder aus dem Iran sehen?

Winfried Schäfer: Ganz ehrlich: Ich fühle mich ohnmächtig. Nach dem, was sich letzte Woche entwickelt hat, gibt es jetzt zwei große Kriege gleichzeitig: Die Lage in der Ukraine ist bedrückend, und nun steht die Golfregion in Flammen.

Winfried Schäfer vom Iran-Krieg erschüttert

SPORT1: Fühlen Sie sich eher als Beobachter oder als Betroffener?

Schäfer: Ich habe nicht nur Freunde im Iran, sondern auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Katar. Die Vorstellung eines völlig isolierten Iran auf der einen und der arabischen Staaten auf der anderen Seite stimmt nicht - was die Menschen angeht. Die verstehen einander und arbeiten zusammen. Als ich vor Jahren in Dubai arbeitete, waren CEO und Manager meines Klubs Iraner, die mich vielen ihrer Freunde vorstellten - Iraner, die in erster oder zweiter Generation in den Vereinigten Arabischen Emiraten leben. Hass zwischen den Menschen gibt es kaum. Jedem ist bewusst, dass die Probleme vom iranischen Regime ausgehen.

SPORT1: Sie waren mehrere Jahre Trainer bei Esteghlal Teheran. Wie intensiv konnten Sie Land und Leute kennenlernen? Wie groß ist Ihre persönliche Verbundenheit heute noch?

Schäfer: Sehr groß. Meine ehemaligen Mitarbeiter - Co-Trainer, Torwarttrainer, Übersetzer, Doktor, Physios - habe ich als wunderbare Menschen erlebt. Wenn ich könnte, hätte ich sie längst mit ihren Familien hierhergebracht. Auch die Spieler und Nachbarn haben mich immer unterstützt, selbst unter schwierigen Umständen. Sogar der obligatorische „Spion“ der Sicherheitskräfte entschuldigte sich am Ende für die Intrigen und Politik, die uns das Leben schwer machten. Jeder wusste, dass die Probleme vom Regime kommen, konnte aber nichts ändern.

SPORT1: Wie viel Kontakt haben Sie noch zu ehemaligen Kollegen und Spielern?

Schäfer: Seit dem Angriff ist das schwierig. Ich stehe in Kontakt mit Verwandten meiner Freunde im Ausland, um zu erfahren, wie es denen im Iran geht. Nach den Übergriffen gegen die Protestierenden hatte ich direkten Kontakt - das war sehr intensiv. Viele ahnten schon, dass bald noch Schlimmeres passieren würde.

Wie die Politik den Fußball dominiert

SPORT1: Hat sich die Lage nach den Repressionen gegen die „Woman, Life, Freedom“-Proteste und den Krieg gegen Israel im vergangenen Jahr weiter verschärft?

Schäfer: Ja. Damals wurden Proteste unterdrückt. Spieler fehlten plötzlich beim Training, weil sie vorgeladen wurden. Was vor wenigen Wochen geschah, wurde mir als Massaker geschildert. Jetzt erlebt das Land Krieg; die großen Städte sind Dauer-Bombardement ausgesetzt. Seit meinem Weggang eskalierte die Situation kontinuierlich.

SPORT1: Wie politisch ist der Fußball im Iran - wird er instrumentalisiert oder ist er Ventil für die Menschen?

Schäfer: Fußball im Iran ist politisch aufgeladen. Abgesehen von wenigen Regime-Anhängern im Club war niemand glücklich mit der Situation. Stolz auf den Iran gab es trotzdem - auf die Kultur, nicht das Regime.

SPORT1: Wie haben Sie das als Trainer konkret erlebt?

Schäfer: Wir wurden sabotiert, also habe ich gesagt: „Only together – only us“. Staff, Spieler und Fans mussten zusammenhalten – das hat unglaubliche Kräfte freigesetzt. Vereine stehen oft für Regionen oder Ethnien: Tractor Tabriz für Aserbaidschaner, Abaz für den Süden. Esteghlal repräsentiert einen „besseren Iran“, Persepolis Geschichte und Revolution. Fußball zeigt die gesellschaftliche Uneinigkeit des Landes.

Zwiespalt zwischen Sorge und Hoffnung

SPORT1: Überwiegt die Sorge vor dem Krieg oder die Hoffnung auf Veränderung?

Schäfer: Beides ist groß. Die Menschen wollen Veränderung. Ein Minister sagte mir, dass er Frauen im Stadion und mehr Offenheit sofort umsetzen würde, aber „mit denen da oben“ könne man nicht reden. Viele arrangieren sich dennoch mit dem System und profitieren – verständlich, wenn man die Geschichte des Landes betrachtet.

SPORT1: Welche Bedeutung haben Nationalmannschaft und große Turniere wie die WM in diesem Jahr?

Schäfer: Stolz und Identität - aber die Nationalmannschaft hat seit den Protesten Probleme. Viele verstehen nicht, warum Spieler sich nicht öffentlich positionieren, und sehen sie als Instrument des Regimes - unfair für die Spieler. Einige prominente Spieler wie Ali Karimi oder Voria wurden für ihr Engagement bestraft.

SPORT1: Wie zeigt sich dieser Druck konkret bei den Nationalteams?

Schäfer: Die Frauen-Nationalmannschaft macht das ja gerade durch. Im ersten Spiel schwieg man - als Protest, so wurde es in den Medien dargestellt. Im nächsten Spiel wird dann salutiert und gesungen. Die Fans werden das mit gemischten Gefühlen sehen, aber wir können nur ahnen, wie viel Druck auf die Frauen ausgeübt wurde. Ähnliches geschah bei den männlichen Nationalspielern bei der WM in Katar. Ob die Mannschaft in den USA sein wird? Ich weiß es nicht, hoffe es aber sehr.

SPORT1: US-Präsident Donald Trump wird in Deutschland oft kritisch gesehen, unter Exil-Iranern gilt sein Ruf wegen der harten Haltung gegenüber den Mullahs als besser. Stimmt das?

Schäfer: Ja, man muss Exiliraner von denen im Land unterscheiden. Viele wünschen sich einen bestimmten Iran zurück - den des Schahs oder eine Demokratie. Sie beobachten aus der Ferne, unterstützen teils harte Maßnahmen, weil vorher niemand gehandelt hat. Sanktionen trafen oft nicht die Richtigen, friedliche Proteste werden brutal unterdrückt.

SPORT1: Was ist Ihre persönliche Hoffnung für Ihre frühere Wahlheimat?

Schäfer: Friede und Freiheit. Viele Iraner wissen, wie fortschrittlich und wohlhabend ihr Land unter einer anderen Regierung sein könnte – besonders mit Nachbarn wie Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien. Es ist schlimm, zu leiden, während man weiß, wie gut es sein könnte, und nichts tun zu können.

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