Es ist das vielleicht legendärste Comeback der deutschen Fußball-Geschichte: Am 19. März 1986, heute vor 40 Jahren drehte der damalige Bundesligist Bayer 05 Uerdingen im Europapokal-Viertelfinale gegen Dynamo Dresden ein scheinbar verlorenes Spiel in ein historisches 7:3 – nach einer 0:2-Niederlage im Hinspiel und einem 1:3-Rückstand zur Halbzeit.
29 Minuten für die deutsche Fußball-Ewigkeit: "Es war pure Magie"
Ein Fußball-Spiel für die Ewigkeit
Das „Wunder von der Grotenburg“ ging als wahrer Jahrhundertmoment in die Historie ein. Das Magazin 11 Freunde kürte es gar zum größten Fußballspiel der Geschichte. Vier Jahrzehnte danach ist bei den Protagonisten von damals die Erinnerung noch hellwach.
Uerdingens 7:3 gegen Dresden: Ein Spiel für die Ewigkeit
„Mit dem ersten Tor kam plötzlich Energie ins Stadion. Plötzlich fühltest du, dass das Unmögliche möglich sein könnte“, blickt der damalige Uerdinger Keeper Werner Vollack im Gespräch mit SPORT1 zurück: „Die Zuschauer haben uns getragen – und mit jedem Treffer wurde alles unwirklicher. Irgendwann schaust du dich nur noch an und denkst: Was passiert hier gerade?“
Passiert war im inzwischen in der Europa League aufgegangenen Europapokal der Pokalsieger Folgendes: Mit 2:0 nach Toren von Frank Lippmann und Hans-Uwe Pilz hatte der von Matthias‘ Vater Klaus Sammer trainierte DDR-Pokalsieger das Hinspiel vor 40.000 Fans im Rudolf-Harbig-Stadion gewonnen.
Auch im zweiten Duell in der ehemaligen Grotenburg-Kampfbahn schien alles für Dynamo zu laufen: 0:1 durch Ralf Minge gleich in Minute 1. 1:2 durch Lippmann nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Wolfgang Funkel. 1:3 durch ein von Dresdens und später Bayer Leverkusens Sturm-Ikone Ulf Kirsten eingeleitetes Eigentor durch Rudi Bommer kurz vor der Pause.
„In der Kabine herrschte Totenstille“
Die Halbzeit sei bedrückend gewesen, erzählt Uerdingens Vollack heute: „In der Kabine herrschte Totenstille. Wir saßen da, mit Handtüchern vorm Gesicht, und konnten kaum glauben, was gerade passiert war. Wut, Enttäuschung – alles zugleich. Uns war klar, dass wir aus diesem Wettbewerb ausgeschieden waren. Niemand sagte ein Wort.“
Einer jedoch wollte noch etwas loswerden: „Nur unser Kapitän Matthias Herget brach das Schweigen, als wir rausgingen: ‚Lasst euch nicht noch mehr von Dresden vorführen. Zeigt, dass wir anständig aus diesem Wettbewerb gehen.‘ Seine Worte hallten nach, sie gaben uns einen Funken Hoffnung.“
Aus dem Funken wurde unverhofft eine Feuersbrunst.
„Wir hatten uns so viel vorgenommen, und die Hälfte der Zuschauer war schon auf dem Heimweg“, erinnert sich der heute 70 Jahre alte Vollack: „Es fühlte sich an, als hätte das Schicksal uns im Stich gelassen. Und dann kam Wolfgang Funkel.“
Wolfgang Funkel leitet die unglaubliche Wende ein
Mit einem Elfmetertor nach einem Foul an Bruder Friedhelm begann der jüngere Funkel in der 58. Minute die Aufholjagd. Bald darauf wusste das legendäre Dynamo-Kollektiv mit Kapitän Dixie Dörner, Kirsten, dem damals 18 Jahre jungen Matthias Sammer und dem tragisch früh verstorbenen Mittelfeld-Lenker Jörg Stübner nicht mehr, wie ihm geschah.
64. Minute: Eigentor Ralf Minge nach Freistoß Herget – 3:3. 67. Minute: Rechtsschuss Wolfgang Schäfer – 4:3. 78. Minute: Sololauf Dietmar Klinger – 5:3. 81. Minute: Elfmeter Wolfgang Funkel nach Handspiel Dörner – 6:3.
„Als das 6:3 fiel, war klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, erinnert sich Vollack nach einer nachdenklichen Pause mit gesenkter Stimme: „Etwas war entfacht, das sich nicht mehr aufhalten ließ. Das Stadion bebte, und wir waren mittendrin, als würde jeder Ball, jeder Schuss, jeder Pass das Unmögliche bestätigen.“
Das Unmögliche geschah in der 87. Minute: Sololauf Schäfer – 7:3!
29 Minuten für die deutsche Fußball-Ewigkeit waren vollendet, der sensationelle Halbfinaleinzug für das Team des späterer Lauterer Meistertrainers Kalli Feldkamp war perfekt, ein Mythos war geboren.
„Ich weiß nicht, wie man beschreiben soll, was er getan hat“, verneigt sich Vollack vor Matchwinner Wolfgang Funkel: „Drei Tore – und doch war es mehr als das. Es war pure Magie. In meinen 17 Jahren Profifußball habe ich niemanden erlebt, der so eine Leistung abrufen konnte.“
„Dieses Spiel war mehr als Fußball“
Auch Wolfgang Funkel selbst ist das Spiel seines Lebens – natürlich – noch in bester Erinnerung: „Wenn man heute daran denkt, läuft einem immer noch ein Schauer über den Rücken. Dieses Spiel war mehr als Fußball – es war ein Moment, in dem alles möglich schien. Man spürte im Stadion förmlich, wie die Mannschaft und die Fans eins wurden“, sagt der 67-Jährige SPORT1.
Ähnlich beseelt ist der fünf Jahre ältere Bruder Friedhelm, der in Uerdingen insgesamt 14 Jahre aktiv war und dort später auch seine Trainerkarriere startete.
„Dieses Spiel steht sinnbildlich dafür, dass Fußball sich nicht immer an Logik hält“, sagt Friedhelm Funkel heute zu SPORT1: „Es sind genau solche Abende, in denen sich Charakter, Mentalität und Teamgeist verdichten. Uerdingen hat damals gezeigt, dass eine Partie erst mit dem Schlusspfiff entschieden ist – und genau das macht dieses Spiel bis heute so besonders.“
Im Halbfinale musste sich Uerdingen Atlético Madrid unter dem späteren spanischen Europameister-Trainer Luis Aragonés beugen, den Pokal holte am Ende Dynamo Kiew mit dem Sturmduo Oleg Blochin und Igor Belanow, gecoacht von Ikone Walerij Lobanowskyij.
Nostalgische Reunion 40 Jahre danach
Das Grotenburg-Wunder prägt bis heute die Erinnerung an den Klub, der inzwischen KFC Uerdingen heißt und nach diversen sportlichen und wirtschaftlichen Abstürzen inzwischen in der Oberliga Niederrhein spielt.
In Krefeld steht das Wunder aus besseren Zeiten heute im Mittelpunkt einer großen Nostalgie-Veranstaltung: Neben Vollack und den Funkels werden zahlreiche weitere Helden von damals erwartet, darunter Matthias Herget und viele mehr. Der heute 91 Jahre alte Feldkamp wird per Video zugeschaltet und seine Erinnerungen teilen. Später tritt auch ein Überraschungsgast auf, der Teil des historischen Spiels war.
Am Abend läuft das Spiel selbst über die Leinwand – 90 Minuten, die in der deutschen Fußballgeschichte einmalig waren.