Das Löwenherz blutet und ist nach vielen erfolglosen Jahren inzwischen leidgeprüft. Der Münchner Traditionsklub kämpft um die Lizenz für die 3. Liga. Wieder einmal steht der TSV 1860 München vor einer ungewissen Zukunft. Wieder einmal ist der Verein von Investor Hasan Ismaik abhängig.
1860 München: Auf das Meistermärchen folgte der tragische Absturz
Ein weiß-blaues Meistermärchen
Dabei ist der 28. Mai eigentlich ein Tag, an den man sich bei den Sechzigern gerne zurückerinnert. Immerhin fällt auf den 28. Mai 2026 das 60-jährige Jubiläum der Meisterschaft. Ein Thema, das in der Vereinsführung wahrscheinlich an Tagen wie diesen nicht die oberste Priorität besitzt.
Doch trotz der aktuellen Lage – oder sogar gerade wegen dieser – ist es wichtig, sich an diesen glorreichen Moment der Vereinsgeschichte zurückzuerinnern und ihn gedanklich aufleben lassen, wie schön Fußball sein kann.
Die Tradition ist schließlich das Lebenselixier für den Verein, dessen Geschichte viel glanzvoller war, als es der Status quo vermuten lässt. Was, außer dem Glauben, dass die ruhmreichen Momente irgendwann zurückkehren, soll die Münchner Löwen an dunklen Tagen stark bleiben lassen?
1860 feiert Meistertitel: „Das Chaos hatte das ganze Stadion erfasst“
Heute werden sich nur noch die Älteren an die triumphalen Momente aus dem Jahr 1966 erinnern. Doch diese tragen die Euphorie von damals noch immer im Herzen. Löwen-Legende Alfred Heiß kann sich an den emotionalsten Moment seiner Karriere noch bestens erinnern.
„Das war direkt nach dem Abpfiff, als wir damals Deutscher Meister geworden sind. Vom Rasen hast du nichts mehr gesehen. Wir konnten nicht einmal eine Ehrenrunde drehen, weil das Stadion so überfüllt war. Leider gibt es nur sehr wenige Bilder, auf denen wir alle gemeinsam zu sehen sind. Das Chaos hatte plötzlich das ganze Stadion erfasst“, blickte der heute 85-Jährige im Interview mit SPORT1 zurück.
Wie 1860 München sich zum Meister krönte
Wir schreiben den 28. Mai 1966. Vor dem Anpfiff des 34. Spieltags der Saison 1965/66 standen die Zeichen klar auf Meisterschaft, doch die Anspannung war allgegenwärtig. Zwar konnten die Löwen in der Vorwoche den direkten Konkurrenten, Borussia Dortmund, bezwingen, jedoch betrug der Vorsprung nur zwei Punkte und drei Tore. Dies bedeutete im Zeitalter der Zwei-Punkte-Regel, dass die Münchner einen Zähler benötigten, um den Titel zu sichern.
Dieser schwebte in Gefahr, als Uwe Seeler in der zweiten Hälfte eine frühe Führung der Münchner egalisierte. „Mei o mei, Uwe. Wenn’s nur grad’ scho aus wär’“, flehte Manni Wagner Stürmer-Star Seeler damals an. „Bleib ruhig Manni. Ihr schafft das schon. Keine Sorge“, entgegnete Seeler. „I sog’s dir Uwe, macht’s bloß koan Schmarrn. Macht’s bloß koan Schmarrn!“, war Wagner zunächst nicht überzeugt.
Der HSV-Star sollte recht behalten, zumal die Borussen gegen Frankfurt ohnehin einbrachen und 1:4 verloren. Die Löwen hingegen brachten das 1:1 gegen Hamburg ins Ziel und verewigten sich in den Geschichtsbüchern der erst drei Jahre zuvor gegründeten Bundesliga. Petar Radenkovic, Peter Grosser, Rudolf Brunnenmeier und Alfred Heiß – sie alle wurden zu Vereins-Ikonen.
München in Ekstase
Nach dem Schlusspfiff brachen bei Spielern wie Fans alle Dämme und das Grünwalder Stadion verwandelte sich in ein Tollhaus. Die 44.000 Fans feierten nicht nur auf den Rängen, sondern gemeinsam auf dem Platz. Der ganz normale Wahnsinn, wenn ein Klub seinen ersten Meistertitel feiert.
Während die Feierlichkeiten des FC Bayern auf dem Marienplatz nach Titel 35 für manche nur noch ein Routine-Programm wirken mögen, herrschte bei den Löwen komplette Ekstase. Trotz strömenden Regens ging es für die Sechziger mit den Cabrios durch die Stadt bis zum Rathaus. Präsident Adalbert Wetzel und Trainer Max Merkel reckten die Meisterschale in die Höhe, während die Fans ihre Meister-Helden frenetisch feierten.
„Die Begeisterung war sensationell“, erinnert sich Heiß. „Ich bin froh, dass diese begeisterte Masse mit uns zusammen feiert“, zeigte sich Keeper Radenkovic euphorisiert. Als Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel von den Paraden des jugoslawischen Schlussmanns schwärmte, meinte dieser nur grinsend: „Ja, ja, Herr Oberbürgermeister, so müssen wir Gastarbeiter eben arbeiten, mit Händen und Füßen!“
Der Ritt auf der Rasierklinge
„Harte Arbeit“ gehörte auch zum Credo von Erfolgstrainer Merkel. Offenbar so sehr, dass er mit seinen knackigen Trainingseinheiten den Titel sogar zwischenzeitlich in Gefahr brachte. Zu Beginn der Rückrunde fühlten sich die Löwen platt und mussten bittere Niederlagen einstecken.
Erst als der Coach aufgrund einer Erkrankung zwei Wochen ausfiel, kam es zur Wende. Für Kapitän Peter Grosser war das ein Schlüssel zur Meisterschaft. „Wir hatten zu viel Kraft verbraucht. In dieser Zeit konnten wir wieder regenerieren“, erklärte er. Das „außergewöhnlich harte Training“ habe aber auch dazu geführt, dass man besonders fit in die Saison gegangen sei.
Es folgte der bittere Absturz
Nachdem die Münchner schon 1964 den DFB-Pokal gewinnen konnten und 1965 im Finale des Europapokals der Pokalsieger gestanden hatten, brach eine blau-weiße Euphorie in München aus. Der Klub schien sich aufzumachen, national und international über Jahre hinweg zur ganz großen Nummer zu werden.
„Ich bin froh, dass diese begeisterte Masse mit uns zusammen feiert. Ich glaube, wir werden hier noch öfter gemeinsam feiern“, prophezeite Radenkovic dem Klub eine glorreiche Zukunft. Dabei sollte er sich allerdings täuschen. Der Meistertitel aus dem Jahr 1966 ist bis heute der letzte große Titel. 1970 stiegen die Löwen ab. Der Beginn einer wilden Achterbahnfahrt.
Einige Höhen, aber auch eklatante Tiefen, wie der Zwangsabstieg in die 3. Liga 1982, prägten das Bild. Von 1992 bis 1994 gelang der Durchmarsch in die Bundesliga, woraufhin eine starke Episode mit dem Erreichen des UEFA-Cups und der Teilnahme an der Qualifikation für die Champions League folgte. 2004 kam es dann zum Abstieg in die 2. Bundesliga. Die Löwen warten seit nunmehr 22 Jahren auf die Rückkehr in die Bundesliga.
Diese ist aktuell aber weit entfernt. Zunächst müssen andere Hausaufgaben erledigt werden. Der Verein muss Stück für Stück die Grundlage schaffen, um eines Tages von der ruhmreichen Tradition doch wieder eingeholt zu werden.
Es könnte gar noch schlimmer kommen. Kann der Verein bis zum 3. Juni nicht rund 2,7 Millionen Euro nachweisen, heißt es: ab in die Regionalliga.