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"Der Mensch wurde vorgeführt": Ex-Berater Förster springt Süle zur Seite

„Der Mensch Süle wurde vorgeführt“

Die aktive Profi-Laufbahn von Niklas Süle ist inzwischen Geschichte. Im Interview mit SPORT1 zieht sein früherer Berater Karlheinz Förster Bilanz und moniert den teilweise respektlosen Umgang mit seinem Klienten.
Niklas Süle darf in seinem letzten Heimspiel für Borussia Dortmund sein 300. Bundesliga-Spiel bestreiten, bevor er nach der Saison seine Karriere beendet. Der Innenverteidiger äußert seine Dankbarkeit.
Die aktive Profi-Laufbahn von Niklas Süle ist inzwischen Geschichte. Im Interview mit SPORT1 zieht sein früherer Berater Karlheinz Förster Bilanz und moniert den teilweise respektlosen Umgang mit seinem Klienten.

Niklas Süle hat im Profifußball viel erreicht. Er gewann die Champions League, wurde fünfmal Deutscher Meister und bestritt 49 Länderspiele. Dennoch fällt die Karrierebilanz seines früheren Beraters Karlheinz Förster zwiespältig aus.

Förster begleitete Süle bereits in dessen Jugend bei der TSG Hoffenheim, betreute ihn später als Profi und brachte ihn schließlich zum FC Bayern. Nach fünf Jahren in München wechselte Süle 2022 zu Borussia Dortmund, wo er seine Profikarriere diesen Sommer im Alter von nur 30 Jahren beendete.

Bei SPORT1 spricht Förster über Süles frühen Abschied, dessen außergewöhnliches Talent und den in seinen Augen teilweise respektlosen öffentlichen Umgang mit ihm.

„Der Zeitpunkt hat mich überrascht, seine Entscheidung nicht“, sagt der 68-Jährige über Süles Rücktritt vom Profifußball. Der Innenverteidiger habe seinem Körper über viele Jahre sehr viel zugemutet und schwere Verletzungen erlebt. „Mit 30 Jahren aufzuhören, obwohl man noch weitere Verträge bekommen könnte, ist keine Flucht. Es ist eine selbstbestimmte Entscheidung“, betont Förster.

Förster: „Einer der besten Innenverteidiger Europas“

Süle kann auf eine beeindruckende Laufbahn zurückblicken. Dennoch ist der Europameister von 1980 überzeugt, dass für seinen ehemaligen Klienten sogar noch mehr möglich gewesen wäre.

„Niklas hat eine große Karriere gespielt und fast alles gewonnen. Aber wenn Sie mich fragen, ob er sein außergewöhnliches Potenzial vollständig ausgeschöpft hat, lautet meine ehrliche Antwort: nein. Er hätte über viele Jahre einer der besten Innenverteidiger Europas sein können.“

Nach Einschätzung Försters vereinte Süle außergewöhnliches Tempo und technische Stärke mit großer körperlicher Präsenz. Er habe einen Stürmer körperlich dominieren und zugleich das Spiel sauber eröffnen können. In Bestform sei Süle ein internationaler Topverteidiger gewesen.

Auch in der deutschen Nationalmannschaft hätte er nach Ansicht Försters dauerhaft eine zentrale Rolle einnehmen können: „Vom Talent her hätte Niklas über Jahre der Abwehrchef der Nationalmannschaft sein können.“

Zwei Kreuzbandrisse – 2014 im Trikot der TSG Hoffenheim und 2019 beim FC Bayern – warfen Süle in seiner Karriere zurück. Sie seien nach Ansicht Försters aber nicht die alleinige Erklärung dafür, dass er sein außergewöhnliches Potenzial nicht dauerhaft ausschöpfte. Auch wechselnde Rollen und eigene Entscheidungen hätten verhindert, dass er langfristig zum unangefochtenen Abwehrchef wurde. „An seinen Fähigkeiten lag es jedenfalls nicht“, stellt Förster klar.

Förster kritisiert respektlosen Umgang mit Süle

Während seiner Karriere wurde Süle immer wieder wegen seines Gewichts und seiner mangelnden Fitness kritisiert. Insbesondere Fotos aus dem Training oder nach der Sommerpause sowie öffentlich diskutierte Gewichtsangaben lösten regelmäßig Debatten über seine körperliche Verfassung aus. Sachliche Kritik an der Fitness eines Profis sei zwar legitim, sagt Förster. Im Fall Süles sei jedoch irgendwann eine Grenze überschritten worden. „Jedes Foto und jedes angebliche Kilo wurden öffentlich seziert. Das war teilweise respektlos und hatte mit fairer sportlicher Bewertung nichts mehr zu tun.“

Die ständigen Diskussionen hätten Süle stärker getroffen, als dieser nach außen erkennen ließ. „Niklas hat nach außen häufig gelassen gewirkt. Ich habe aber erlebt, dass diese Diskussionen nicht spurlos an ihm vorbeigingen“, berichtet Förster.

Besonders gestört habe ihn, dass es irgendwann nicht mehr allein um Süles Leistungen gegangen sei: „Irgendwann wurde nicht mehr nur der Fußballer bewertet, sondern der Mensch vorgeführt.“

Förster selbst habe Süle während der gemeinsamen Jahre durchaus deutlich die Meinung gesagt, wenn er den Eindruck hatte, dass dieser mehr tun oder konsequenter sein müsse. Schließlich sei ein Berater nicht dazu da, einem Spieler ständig zu erzählen, wie großartig er sei. Süle habe gewusst, dass Försters Kritik nicht gegen ihn gerichtet gewesen sei, sondern dass dieser das Beste aus ihm herausholen wollte.

Nach dem Ende der Zusammenarbeit brach der Kontakt zwischen beiden ab. „Wir gingen auseinander, danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Aber ich habe seinen weiteren Weg natürlich aufmerksam verfolgt“, berichtet Förster. Einen nachhaltigen persönlichen Konflikt habe es jedoch nicht gegeben: „Wir sind damals nicht im Bösen auseinandergegangen. Niklas ist ein guter Junge.“

Förster: „Das ist kein Absturz“

Inzwischen spielt der frühere Nationalspieler beim SV 1946 Tiefenbach in der Kreisliga – ganz in Försters Nähe. Bei seinem ersten Einsatz erzielte Süle zwar ein Tor, konnte die 2:7-Niederlage seiner Mannschaft aber nicht verhindern.

Süles Rückkehr in den Amateurfußball weckt bei seinem früheren Berater Erinnerungen: „Jetzt, wo er wieder vor meiner Haustür spielt, denke ich schon an unsere gemeinsame Zeit zurück. Ich werde Niklas allerdings nicht in Tiefenbach besuchen.“

Förster begrüßt den ungewöhnlichen Schritt ausdrücklich: „Nach all den Jahren im Millionengeschäft spielt er jetzt mit Freunden, weil er einfach wieder Freude am Fußball haben möchte. Das ist kein Absturz, sondern eine bewusste Rückkehr zu den Wurzeln dieses Sports.“

Dass selbst ein Champions-League-Sieger in der Kreisliga nicht automatisch gewinnt, kommentiert Förster mit einem Augenzwinkern: „Jetzt weiß er zumindest, dass auch die Kreisliga kein Selbstläufer ist.“

Niemand werde dort ehrfürchtig auf Süle warten. Vielmehr wollten die Gegenspieler später erzählen können, dass sie den ehemaligen Bayern- und Dortmund-Star geschlagen hätten. „Das kann für ihn durchaus anstrengend werden“, sagt Förster lachend.

„Der Profifußball hat Spuren hinterlassen“

Süle selbst begründete seinen Schritt damit, dass es ihm in Tiefenbach wieder um den Sport und nicht um Geschäft oder Geld gehe. Für Förster gehe es zu weit, deshalb von einem durch den Profifußball zermürbten Spieler zu sprechen. Ganz ohne Folgen seien die vergangenen Jahre aber nicht geblieben.

„Der Profifußball hat bei Niklas sicher Spuren hinterlassen. Wenn jede Aktion analysiert und jede körperliche Veränderung kommentiert wird, verliert man möglicherweise irgendwann die Unbeschwertheit.“

In Tiefenbach könne Süle sich genau diese Freude nun zurückholen. Bestimmte Spiele, volle Stadien und große Erfolge werde er vermutlich vermissen, den täglichen Druck dagegen wohl deutlich weniger.