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Wird das vermeintlich undenkbare Infantino-Szenario Wirklichkeit?

Passiert das Undenkbare?

Lange galt Gianni Infantino als unantastbar, doch nach seinen gescheiterten Investorenplänen bröckelt der Rückhalt für den FIFA-Präsidenten immer mehr. Wie konnte es nur so eskalieren?
Die FIFA ist der mächtigste Fußballverband der Welt und zugleich einer der umstrittensten. Milliardenumsätze, politischer Einfluss und zahlreiche Korruptionsskandale haben ihr Image über Jahrzehnte geprägt. Wir werfen wir einen Blick hinter die Kulissen und zeigen, wie aus dem Hüter des Weltfußballs ein Verband wurde, der immer wieder in die Schlagzeilen gerät.
Lange galt Gianni Infantino als unantastbar, doch nach seinen gescheiterten Investorenplänen bröckelt der Rückhalt für den FIFA-Präsidenten immer mehr. Wie konnte es nur so eskalieren?

Seit gut zehn Jahren amtiert Gianni Infantino inzwischen als FIFA-Präsident und damit de facto als mächtigster Mann im Weltfußball. Trotz früherer Verfehlungen und zwischenzeitlich immer wieder aufkeimender Kritik galt der heute 56-Jährige lange als unantastbar.

Doch mit dem mittlerweile geplatzten Investorendeal, bei dem private Investoren über eine neue Tochterfirma Anteile an Turnieren des Weltverbandes hätten erwerben sollen, scheint Infantino den Bogen endgültig überspannt zu haben, selbst langjährige Unterstützer und Weggefährten rücken inzwischen von ihm ab. Auch hochrangige Politiker wie Kanadas Premierminister Mark Carney oder der britische Amtskollege Andy Burnham wenden sich öffentlich gegen den 56-Jährigen.

Die Konsequenz ist, dass ein lange undenkbar scheinendes Szenario nicht mehr ausgeschlossen scheint: Infantino muss um seine Zukunft in der FIFA fürchten – auch wenn er offensichtlich nicht bereit ist, das kampflos hinzunehmen.

Nach einem Krisentreffen der Nacht zum Donnerstag verkündete die FIFA Infantinos Verbleib, mischte dabei zartes und unkonkretes Bedauern über die Vorgänge der vergangenen Tage mit Gegenangriffen auf Infantinos Kritiker.

UEFA äußert scharfe Kritik an Infantino

Als Ersatzkandidat der UEFA für den damals gesperrten Michel Platini im Februar 2016 an die Macht gespült, galt der damalige UEFA-Generalsekretär nach der von Korruptionsskandalen geplagten Ära von Sepp Blatter für viele eigentlich als Hoffnungsträger, der den Weltverband zum Positiven reformieren könnte.

Ein zentraler Baustein seiner damaligen Kandidatur war das Versprechen eines Neuanfangs und von mehr Transparenz: „Ich werde unermüdlich dafür arbeiten, den Fußball wieder zur FIFA zu bringen und die FIFA wieder zum Fußball. Das ist, was wir tun müssen“, hatte Infantino seinerzeit erklärt.

Doch im Laufe der Jahre stellten sich Infantinos Äußerungen zunehmend als leere Worthülsen heraus, die ihm zunächst aber keinen Schaden zufügen konnten, aber nun nach dem eigenmächtig und klammheimlich ausgearbeiteten Investorendeal endgültig um die Ohren fliegen.

Vor allem die UEFA – seit jeher einer der größten Kritiker von Infantino – blickte mit Argusaugen auf das Vorgehen des FIFA-Präsidenten. So warf sie ihm nun vor, gegen zwei seiner früheren Wahlversprechen eklatant verstoßen zu haben: Transparenz sowie die Verwendung der FIFA-Gelder zum Wohle sowie zur Entwicklung des Fußballs.

„Beide Versprechen hat er nicht eingehalten. Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er durchzusetzen versuchte, war alles andere als transparent. Und trotz Reserven von über fünf Milliarden Dollar hat er es auch versäumt, das Geld der Verbände zum Wohle des Fußballs einzusetzen“, hieß es unlängst in einem UEFA-Statement.

Allgemein sei der FIFA-Rückzieher der UEFA zufolge „ein Sieg für den gesamten Fußball“. Doch: „Damit darf die Geschichte noch nicht zu Ende sein. Der Vorschlag ist vom Tisch. Die Aufgabe, das Vertrauen in die FIFA wiederherzustellen, hat gerade erst begonnen.“

Doch wie konnte es nur so eskalieren? Schließlich war die XXL-Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA für Infantino ein immenser Erfolg, vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. Rekordeinnahmen von rund 15 Milliarden US-Dollar soll die WM im Juni und Juli der FIFA eingebracht haben.

Globale Entrüstung wegen Investorenplänen

Aber der in der Schweiz geborene Funktionär wollte im Anschluss noch mehr und trieb mit seinen Investorenplänen die kommerzielle Ausschlachtung des Fußballs weiter voran – womit er jedoch ein klassisches Eigentor fabrizierte. Mit der UEFA als Vorreiter wurde der Gegenwind in den vergangenen Tagen immer heftiger.

Nach dem europäischen Dachverband lehnte zunächst auch der Kontinentalverband CONCACAF (Verband für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik) den Investorendeal einstimmig ab, ehe sich wenig später der asiatische Verband AFC mit der UEFA und der CONCACAF solidarisierte.

Der Stein war nun endgültig ins Rollen geraten. Die globale Entrüstung entlud sich zunehmend. Die 55 Mitgliedsverbände der UEFA stimmten am vergangenen Donnerstag gar dafür, einen WM-Boykott zu unterstützen, sollte der Deal durchgehen.

Die FIFA zeigte sich von der Kritik jedoch zunächst unbeeindruckt und hielt noch am Freitag an ihrem Vorhaben fest. „Wir respektieren die öffentlich geäußerten Rückmeldungen und Bedenken und bekräftigen unser Bekenntnis zu einem offenen und demokratischen Konsultationsprozess“, teilte die FIFA mit.

Doch das Kind war bereits in den Brunnen gefallen. Infantino konnte nicht mehr gegensteuern und musste in der Nacht auf Samstag zähneknirschend konstatieren: „Unser Ziel war und ist es stets, zu vereinen und Verbesserungen zu bewirken. Nach sorgfältiger Abwägung aller Standpunkte ist deutlich geworden, dass das Projekt zu einer Spaltung geführt hat, die – ungeachtet des Ausmaßes der Unterstützung – nicht mehr im Sinne des ursprünglich verfolgten Ziels ist.“

Trotz des Endes der Investorenpläne betonte Infantino, in den kommenden Tagen „alle interessierten Parteien wieder zusammenbringen“ zu wollen, „geleitet von unserem gemeinsamen Interesse am Fußball und mit dem Ziel, den Fußball überall weiter voranzubringen, insbesondere in jenen Ländern, die unsere Unterstützung am meisten benötigen“.

Rückhalt in den eigenen Reihen bröckelt

Die benötigt nun aller Voraussicht nach Infantino selbst, der sich mit seinen Plänen selbst einen Bärendienst erwiesen hat. Denn auch in den eigenen Reihen bröckelt die Zahl seiner Verbündeten. So trat Infantinos leitender Berater Carlos Cordeiro aus Protest gegen die Investorenpläne zurück: „Es ist ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft des Sports“, sagte der Amerikaner.

Noch heftiger fiel die Kritik von Infantinos jahrelangem Vertrauten Kevin Lamour, Betriebsdirektor der FIFA, aus: „Nicht nur die Vizepräsidenten der FIFA, die Mitglieder des FIFA-Rates, die Konföderationen, die Verbände, die Spieler, die Ligen, die Vereine und die Fans wurden ignoriert. Auch die eigene Verwaltung der FIFA wurde getäuscht“, schrieb Lamour in seiner Stellungnahme bei der Nachrichtenagentur AP. Sie alle hätten „etwas Besseres verdient als Verachtung und Einschüchterung“.

Auch FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström sowie Trainer-Legende Arsène Wenger, der seit 2019 als Direktor der Abteilung für globale Fußballentwicklung für den Weltverband arbeitet, distanzierten sich von Infantinos Plänen. „Die Entscheidung, das Projekt zurückzuziehen, war absolut notwendig und unumstritten“, schrieb Wenger in seinem Statement. Gräfström scheint von Infantino derweil wieder eingefangen worden zu sein.

Juristisches Nachspiel droht

Nicht nur sportpolitisch, auch juristisch könnte es brisant werden, da die UEFA mit rechtlichen Schritten droht. Das geht aus einem Anwaltsschreiben hervor, das mehreren Medien vorliegt. Der Brief der amerikanischen Großkanzlei Dechert weist Infantino im Namen der UEFA an, „alle Dokumente und elektronisch gespeicherten Informationen“ im Zusammenhang mit der Gründung des Tochterunternehmens „FIFA Forward Enterprise“ (FFE) zu „identifizieren, ausfindig zu machen und zu sichern“.

Dass sich die Schlinge für Infantino innerhalb kürzester Zeit nun zunehmend zuzieht, kommt für den FIFA-Präsidenten zur Unzeit, schließlich will er sich im kommenden März in seinem Amt bestätigen lassen. Mehrere europäische Nationalverbände, darunter England, Schweden und Serbien, haben bereits durchsickern lassen, Infantino die Unterstützung zu entziehen. Fürsprecher hat der 56-Jährige vor allem noch in finanziell schlechter aufgestellten afrikanischen und asiatischen Nationen, die weiter auf die finanzielle Hilfe der FIFA bauen.

Auch wenn der Druck auf Infantino von Stunde zu Stunde wächst und auch bereits zahlreiche Forderungen nach einem Rücktritt publik geworden sind, dürfte der Machtkampf rund um den FIFA-Präsidenten die Fußball-Welt noch länger in Atem halten.

Ein freiwilliger Rückzug des gebürtigen Schweizers schien schon vor dem Krisentreffen am Mittwoch unrealistisch. Nun hat sich bestätigt, dass Infantino weiter alle Mittel auffahren wird, um sich im Amt zu halten.