Gut gelaunt erscheint Markus Kauczinski zum exklusiven SPORT1-Interview. Locker gekleidet im Trainingsoutfit, setzt er sich auf den Stuhl, lehnt sich kurz zurück und schmunzelt über das große Mikrofon. Der 56-Jährige wirkt gleichzeitig entspannt und konzentriert – bereit, über Fußball, Führung und die besonderen Momente bei 1860 München zu sprechen.
Kauczinski: "Niederlechner hat nichts falsch gemacht"
„Ich bin kein Mann der Extreme“
Es ist diese Mischung aus Ruhe, Klarheit und einem Funken Humor, die tief in die Gedankenwelt des Trainers führt – von klarer Selbstkritik bis hin zu seiner Vision für die Mannschaft und seinem ganz persönlichen Umgang mit Druck, Emotionen und Fans.
Kauczinski steht zu Tattoo-Versprechen
SPORT1: Herr Kauczinski, das Tattoo-Versprechen bei SPORT1 hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Hätten Sie das erwartet?
Markus Kauczinski: (lacht) Das hätte ich nicht gedacht, aber ein Mann, ein Wort. Ich habe sogar schon einen Tätowierer empfohlen bekommen. Ich bin eigentlich komplett tattoo-frei. Drachen haben mich immer fasziniert – eher emotional, nicht rational. Aber die Idee mit dem Löwen gefällt mir ehrlich gesagt auch. Also: Wenn wir aufsteigen, dann gibt es eins. Hand drauf.
SPORT1: Die Löwen stehen nach dem 1:0 bei Jahn Regensburg im Toto-Pokal-Finale. Wie groß ist die Erleichterung? Das schlechteste Spiel seit Sie Löwen-Trainer sind, war das 0:4 in Regensburg im alten Jahr.
Kauczinski: Ich bin froh, dass wir einen heißen Kampf durch das eine Tor auf unsere Seite gezogen haben. In den ersten 15 Minuten haben wir ordentlich kombiniert, Möglichkeiten gehabt und gute Angriffe gestartet. Dann reißt aber der Faden und der Rest der 1. Halbzeit geht komplett an Jahn Regensburg. Wir hatten Glück, dass es zur Pause noch 0:0 stand. Für die zweite Hälfte haben wir uns vorgenommen, einfacher zu spielen und zu kombinieren, schneller den Ball in die Spitze zu bringen. Zunächst hatten wir eine brenzlige Situation zu überstehen, bevor wir das 1:0 machen durch einen schnellen Angriff, dann der zweite Ball auf Siggi (Haugen, Anm. d. Red.), der durch eine tolle Einzelaktion die Führung erzielt. Danach war es ein offener Schlagabtausch. Es war ein sehenswertes Spiel für die Zuschauer, in dem es in beide Richtungen hätte gehen können. Wir sind natürlich glücklich, dass wir das Spiel gewonnen haben.
SPORT1: Der neue Oberbürgermeister von München, Dominik Krause, folgt den Löwen auf Instagram, dem FC Bayern aber nicht. Sind Sie damit offiziell Münchens Nummer zwei?
Kauczinski: Ich habe da überhaupt keinen Vertrag mit. Rivalität gehört dazu, die muss sein – zwei Vereine in einer Stadt. Aber ansonsten ist alles von Respekt und Akzeptanz geprägt. Schön, dass er uns folgt – wem nicht, ist am Ende nicht entscheidend. Wer in so einem Amt arbeitet, sollte für beide Vereine da sein.
Kauczinski: „Authentisch bleiben, das ist entscheidend“
SPORT1: Sie haben den TSV 1860 im Oktober 2025 übernommen. Gab es einen Moment, in dem Sie gespürt haben, dass man hier wirklich etwas aufbauen kann?
Kauczinski: Ich kann das nicht auf einen Tag genau festmachen. Aber es gab erste Momente, in denen ich gemerkt habe: Die Jungs folgen mir, sie wollen sich entwickeln. Das war ein klares Signal: Die Mannschaft hört zu, folgt den Ideen und will sich entwickeln.
SPORT1: Nach dem 0:4 im Liga-Spiel gegen Regensburg haben Sie sehr klare Worte gefunden. Warum?
Kauczinski: Weil es um Glaubwürdigkeit geht. Ich kann so ein Spiel nicht schönreden. Ich war enttäuscht von mir selbst, weil ich es offenbar nicht geschafft habe, der Mannschaft zu vermitteln, worauf es ankommt. Kritik gehört genauso dazu wie Lob. Authentisch bleiben, das ist entscheidend.
Diese Rollen spielen Volland und Niederlechner
SPORT1: Im Sommer gab es viel Aufsehen um Kevin Volland und Florian Niederlechner – große Erwartungen, unterschiedliche Entwicklungen. Wie entscheiden Sie, wer spielt?
Kauczinski: Zunächst einmal ist es nie schwarz-weiß. Ich vergleiche Spieler konsequent nach Leistung, nicht nach Namen, Alter oder Vergangenheit. Wer aktuell Impact zeigt, spielt. Florian Niederlechner hat nichts falsch gemacht, aber andere waren in diesem Moment näher dran. Kevin Volland bringt Kreativität ins Spiel, andere arbeiten sich über Einwechslungen heran – so entsteht eine klare Hierarchie aus Leistung, nicht aus Ruhm oder Geschichte. Das sorgt für einen echten Wettbewerb in der Mannschaft.
SPORT1: Wie haben Sie die Mannschaft sportlich entwickelt?
Kauczinski: Zuerst ging es um Stabilität – weniger Gegentore, klare Abläufe, Kompaktheit. Danach haben wir am Ballbesitz gearbeitet, um gefährlicher zu werden. Fußball muss zur Mannschaft passen, nicht umgekehrt. Und es ist kein geradliniger Weg: Wir müssen uns immer wieder neu erfinden – wie eine Schlange, die sich häutet.
SPORT1: Gab es intern einen entscheidenden Wendepunkt?
Kauczinski: Ja, ein paar Maßnahmen haben die Gruppendynamik verändert. Die bleiben intern, aber sie waren für mich echte Gamechanger – nicht nur sportlich, sondern auch für das Miteinander in der Kabine.
SPORT1: Wie balancieren Sie zwischen Euphorie und Druck?
Kauczinski: Das sind für mich Konstrukte. Druck mache ich mir selbst über meinen Anspruch, Euphorie ist für die Fans. Ich bin kein Mann der Extreme. Ich habe oft erlebt, dass man sich freut – und kurz darauf kommt ein Rückschlag. Deshalb halte ich Emotionen eher zurück und konzentriere mich auf den nächsten Schritt. Meine Momente von Freude oder Gänsehaut entstehen eher aus kleinen Fortschritten oder echter Gemeinschaft.
1860 München? „Die Emotionalität hier ist besonders“
SPORT1: Wie erleben Sie 1860 im Alltag?
Kauczinski: Die Emotionalität hier ist besonders. Die Nähe zu den Fans, die kurzen Wege, die vielen Perspektiven – das macht den Verein lebendig. Diese Intensität habe ich so noch bei keinem anderen Verein erlebt.
SPORT1: Sie sind nicht bei Social Media aktiv. Warum?
Kauczinski: Ich habe mir das abgewöhnt, weil man dort schnell nach Bestätigung sucht, die man nicht findet. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und die Mannschaft. Die Presseabteilung hält mich informiert – das reicht.
SPORT1: Und privat?
Kauczinski: Ich habe eine Wohnung in München, der Lebensmittelpunkt bleibt aber im Raum Karlsruhe. Meine Frau pendelt, unser Sohn studiert in Duisburg. Nie komplett zusammen, aber auch nie getrennt – so funktioniert es momentan.