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"Immer weiter zugespitzt": Fan-Legende Franz Hell im SPORT1-Interview zum Zwangsabstieg von 1860 München

1860? „Ich bin schockiert“

Der Zwangsabstieg in die Regionalliga schockt den TSV 1860 München. Im SPORT1-Interview spricht Fan-Legende Franz Hell über die Gefühlslage, Ursachen und Zukunftsaussichten.
Der Hammer ist perfekt! Der TSV 1860 München konnte die klaffende finanzielle Lücke nicht stopfen und erhält deshalb keine Lizenz für die 3. Liga.
Der Zwangsabstieg in die Regionalliga schockt den TSV 1860 München. Im SPORT1-Interview spricht Fan-Legende Franz Hell über die Gefühlslage, Ursachen und Zukunftsaussichten.

Der „schwarze Mittwoch“ trifft den TSV 1860 München zum zweiten Mal innerhalb von neun Jahren bis ins Mark – und doch wirkt dieser Absturz für viele noch schmerzhafter als der erste. Für die Fans der Löwen fühlt sich der Zwangsabstieg an wie die bittere Wiederholung einer Geschichte, die man längst hinter sich glaubte.

Fan-Legende Franz Hell ist seit dem ersten Bundesligaspiel der Löwen im August 1963 gegen Eintracht Braunschweig Anhänger des Vereins. Als Jugendlicher besuchte er zwischen 1963 und 1970 vor allem die Heimspiele, ehe er ab 1970 über mehr als fünf Jahrzehnte bis 2020 – abgesehen von wenigen verpassten Partien – bei nahezu allen Punkt-, Pokal- und Europapokalspielen sowie zahlreichen Freundschaftsspielen als Allesfahrer dabei war.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 72-Jährige über den emotionalen Schock, Gesellschafter Hasan Ismaik, die Ursachen – und die Frage, wie es mit den Löwen überhaupt weitergehen kann.

Fan-Legende Franz Hell: „Ich bin geschockt“

SPORT1: Herr Hell, der erneute Absturz in die Regionalliga – wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Franz Hell: Irgendwie kann ich es immer noch nicht richtig begreifen. Ich bin genauso wie die meisten Löwenfans schockiert, dass es jetzt wieder runtergeht – obwohl ich es in den vergangenen Wochen leider schon befürchtet hatte. Trotzdem trifft es einen, wenn es dann wirklich passiert, noch einmal ganz anders.

SPORT1: Woran scheitert der TSV 1860 aus Ihrer Sicht?

Hell: Es fühlt sich so an, als ob wir nicht an Punkten scheitern, sondern an Strukturen. Wenn ich die letzten Stellungnahmen lese, wirkt es auf mich wie ein Konstrukt, das seit Jahren nicht mehr wirklich zusammengefunden hat. Aber am Ende gehört immer mehr dazu – das kann man nie nur auf eine Seite schieben.

SPORT1: Viele Fans sprechen von einer tiefen Spaltung im Klub.

Hell: Das ist leider so. Es gibt seit Jahren zwei Lager – und das hat sich immer weiter zugespitzt. Da sind Verletzungen entstanden – auf allen Seiten. Und irgendwann wird es dann schwierig, überhaupt noch gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

„Hasan Ismaik hat sicherlich auch Fehler gemacht“

SPORT1: Wenn man über die Entwicklung von 1860 spricht, kommt man an Hasan Ismaik nicht vorbei. Wie bewerten Sie seine Rolle insgesamt?

Hell: Hasan Ismaik hat sicherlich auch Fehler gemacht. Allein schuld an der Entwicklung ist er aber aus meiner Sicht nicht. Man muss das Gesamtbild betrachten – und das ist deutlich komplexer, als es oft dargestellt wird.

SPORT1: Der Investor hat nach eigenen Angaben seit 2011 rund 80 Millionen Euro investiert. Trotzdem fehlt der sportliche und wirtschaftliche Durchbruch – wie erklären Sie sich das?

Hell: Genau das ist ja der Punkt, der die Lage so schwierig macht. Da ist viel Geld geflossen, ohne dass sich daraus eine nachhaltige Stabilität entwickelt hat. Das liegt aber nicht nur an einzelnen Entscheidungen, sondern an der gesamten Struktur und den Rahmenbedingungen.

SPORT1: Kritiker sagen, dass durch das 50+1-Regelwerk und die Aufteilung der Verantwortlichkeiten immer wieder Konflikte entstanden sind – etwa bei Trainer- oder Geschäftsführerentscheidungen. Wie sehen Sie das?

Hell: Das ist sicher ein Faktor. Entscheidungen wurden teilweise auf unterschiedlichen Ebenen getroffen, und am Ende trägt nicht immer derjenige die Konsequenzen, der sie auch angestoßen hat. Das sorgt zwangsläufig für Spannungen im System.

SPORT1: Ein Beispiel sind auch Vertragsauflösungen von Trainern und Geschäftsführern, die der Verein beschlossen hat – die finanziellen Folgen aber oft bei der KGaA bzw. indirekt beim Investor hingen blieben. Ist das ein strukturelles Problem?

Hell: Das zeigt, wie kompliziert das Konstrukt ist. Wenn sportliche oder personelle Entscheidungen teuer werden, trifft das letztlich immer die gesamte Gesellschaft. Und genau da entstehen dann Reibungen, wenn Verantwortung und Finanzierung nicht deckungsgleich sind.

SPORT1: Dazu kommen zusätzliche Belastungen wie DFB-Strafen für Pyro-Vorfälle oder auch Fanproteste gegen Ismaik selbst. Hat das das Verhältnis weiter verschärft?

Hell: Solche Dinge helfen natürlich nicht. Wenn auf der einen Seite finanzielle Belastungen entstehen und gleichzeitig auf der anderen Seite offene Ablehnung sichtbar wird, dann trägt das nicht zu einer Deeskalation bei – im Gegenteil.

SPORT1: Wie sehr hat sich das Verhältnis zwischen den Gesellschaftern dadurch insgesamt verändert?

Hell: Da sind über die Jahre viele kleine und große Verletzungen entstanden – auf allen Seiten. Irgendwann ist es dann schwer, noch das Vertrauen zu finden, das man für gemeinsame Entscheidungen eigentlich bräuchte.

SPORT1: Hätte man diese Entwicklung verhindern können?

Hell: Im Nachhinein ist das schwer zu sagen. Aber klar ist: Wenn der Wille zur Einigung dauerhaft auf beiden Seiten vorhanden gewesen wäre, hätte es vielleicht andere Lösungen gegeben. Offenbar ist dieser Wille im Laufe der Jahre immer wieder verloren gegangen.

„Das ist ein riesiger Rückschlag“

SPORT1: Was bedeutet der erneute Absturz sportlich und emotional?

Hell: Das ist ein riesiger Rückschlag. Regionalliga heißt nicht nur weniger Aufmerksamkeit, sondern auch ein völlig anderer sportlicher Alltag. Und emotional ist es für die Fans brutal, weil viele geglaubt haben, diese Phase sei endgültig vorbei.

SPORT1: Wie geht es jetzt weiter mit den Löwen?

Hell: Die nächsten Wochen werden extrem wichtig. Es wird darum gehen, ob man überhaupt wieder Ruhe in den Verein bekommt. Sportlich muss man neu anfangen – aber genauso wichtig ist, dass man die Gräben irgendwann wieder ein Stück weit zuschüttet.

SPORT1: Haben Sie trotz allem noch Hoffnung?

Hell: Der Glaube ist nicht weg, aber er ist natürlich erschüttert. 1860 hat schon viele Krisen überstanden. Die Frage ist nur, wie oft ein Verein das auf diese Art noch durchstehen kann.