Ein langgezogener Jubelschrei voller Genugtuung hallte am Freitag durch die Stuttgarter MHP-Arena, selbst über weit entfernte Mikros an der Seitenlinie hätte man Leon Goretzkas Brüllen in der 64. Minute noch vernommen. Zuvor hatte der 30-Jährige das Spiel für die Bayern gedreht und nach einer perfekt antizipierten Balleroberung den Treffer zum 2:1 markiert. Fleiß und Video-Studium zahlen sich eben aus!
Plötzlich wieder Maschine
An diesem Abend sollte allerdings nicht Goretzkas Top-Performance im Mittelpunkt stehen, sondern die Zukunft seines guten Kumpels Joshua Kimmich.
Doch Goretzka, der sich bei seinem emotionalen Jubel sicherlich nicht aus Versehen auf das Münchner Vereinswappen auf seinem Trikot klopfte, muss Respekt gezollt werden. Der gebürtige Bochumer wurde von den Bossen an der Säbener Straße im Grunde bereits vollkommen abgeschrieben, ist aber einfach nicht kleinzukriegen.
Der FC Bayern kann sich glücklich schätzen
Einzig und allein Goretzka selbst wollte die Bayern im Sommer nicht verlassen, auch wenn die Verantwortlichen um Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund sich einen Abgang des Großverdieners (Schätzungen zufolge 17 Millionen Euro pro Jahr) gewünscht hätten. Jetzt können sie sich allesamt glücklich schätzen, dass Bayerns Stehaufmännchen Nummer eins sich im Sommer vehement gegen einen Wechsel gewehrt hat.
Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Goretzka ein Szenario dieser Art durchmachen muss und am Ende als Gewinner aus der Geschichte herausgeht. So war es schon phasenweise unter Julian Nagelsmann und auch unter Thomas Tuchel.
In dieser Saison sind es häufig die verletzungsbedingten Ausfälle von Aleksandar Pavlovic und Joao Palhinha, durch die der Box-to-box-Achter Spielzeit erhalten hat, die für ihn überhaupt nicht vorgesehen war. Doch Goretzka spielt groß auf, während Palhinha bestenfalls eine wechselhafte Leistung zeigt, oder das Spiel von der Bank aus verfolgen muss.
Schweige-Kurs wird fortgesetzt - mit einer kleinen Ausnahme
Wie viel Goretzka sein Treffer gegen Stuttgart bedeutete, war ihm beim Jubel anzusehen. Stichwort: Genugtuung.
Trotzdem setzt er seinen Schweige-Kurs fort. Schon Mitte Januar bei seinem Doppelpack gegen Wolfsburg hatte er zahlreiche Medienanfragen abblitzen lassen. Seit dem Wechsel-Theater um seine Person bleibt Goretzka der Mixed Zone nach dem Spiel fern, so natürlich auch in Stuttgart.
Auf dem Weg aus dem Kabinentrakt lehnte er die Anfragen der Reportermenge ab. Als SPORT1 ihm allerdings zu seinem Tor gratulierte, hielt Goretzka inne und drehte sich kurz um, bedankte sich und schien sich ehrlich über die Glückwünsche zu freuen, bevor er Richtung Bus ging.
Hat sich an den Plänen der Bayern etwas geändert?
Mehr Worte sind Goretzka derzeit nicht zu entlocken. Nur in spielbezogenen Superflash-Interviews spricht er, allerdings nur über das unmittelbare Geschehen auf dem Rasen.
Doch wie geht es für Goretzka weiter? Hat sich durch seine starken Leistungen etwas an der Planung der Bayern geändert?
Die klare Antwort lautet: Nein, Goretzka bleibt trotzdem Verkaufskandidat. An der Haltung der Bayern, dass sie Goretzka gerne abgeben würden, ändert auch die ungewisse Zukunft von Kimmich nichts.
Goretzkas Zukunft hängt eher mit der von Palhinha zusammen. Sollte der Portugiese München wieder verlassen, wäre womöglich ein Platz für Goretzka frei.
Matthäus mit Goretzka-Plädoyer
Rekordnationalspieler und TV-Experte Lothar Matthäus hat eine andere Haltung und empfiehlt den Bayern, Goretzkas bis 2026 laufenden Vertrag zu verlängern.
„Wenn man den in Stuttgart gesehen hat - nicht wegen des Tores - sondern wie gierig, wie gallig er Fußball gespielt hat, würde ich mir als Bayern München mal überlegen, ob ich Goretzka vielleicht auch verlängern würde“, betonte Matthäus bei Sky90.
„Er lebt seinen zweiten Sommer - trotz dieser ganzen Geschichten um ihn herum“, zeigte sich der 63-Jährige beeindruckt von Goretzkas Leistung, obwohl um seine Person viel Trubel herrscht.
Jeder profitiert von Goretzkas Top-Form
Genau wie Kimmich, würde womöglich auch Torhüter Manuel Neuer den Aussagen von Matthäus zustimmen. Beide sind gut mit Goretzka befreundet und sprachen sich bereits in der Sommervorbereitung für ihren Kumpel aus, der damals frisch auf dem Abstellgleis gelandet war.
Und trotzdem gibt es für Goretzka vermutlich nur einen Ausweg, den Abgang aus München. Mit seinen starken Leistungen hat er die Einschätzungen der Bayern-Bosse womöglich in einigen Aspekten widerlegt, im Grunde profitiert der Klub, genauso wie er selbst, aber natürlich auch davon.
Denn: Wer Goretzka in diesem Sommer verpflichten will, der muss den Bayern noch ein kleines, aber feines Ablösesümmchen überweisen. Je besser er spielt, desto höher die Summe.