Eine kurze, wenige Sekunden lange Einblendung auf der Anzeigetafel reichte aus, um die BayArena wieder zurück zum Leben zu erwecken. 70 Minuten waren da gerade gespielt und bei den Fans die ersten Ansätze von Resignation zu spüren. Doch dann diese Nachricht: Die Bayern, die gegen Bochum früh 2:0 führten, lagen plötzlich zurück. Ein Wahnsinn.
Härter hätte es kaum kommen können
Sofort erhoben sich die Zuschauer von ihren Sitzen und verwandelten das zuvor still gewordene Stadion in ein Tollhaus. Das Gefühl aller, die es mit Bayer hielten: Wenn im Kampf um die Meisterschaft noch etwas geht, dann jetzt oder nie.
Acht Punkte lagen die Rheinländer hinter dem Tabellenführer, fünf hätten es sein können, wenn das Spiel gedreht worden wäre. Die Fans feierten jeden gewonnenen Zweikampf, bejubelten jeden öffnenden Pass und peitschten ihr Team nach vorne - was auch bitter nötig war, schließlich lief es bei ihnen nicht viel besser als bei der Konkurrenz.
Eine Art B-Elf, die Trainer Xabi Alonso ins Rennen schickte, legte den schwächsten Auftritt seit Ewigkeiten an den Tag und befand sich ebenfalls im Hintertreffen. 0:1 stand es gegen Bremen. Der Horror-Auftritt am Mittwoch in der Allianz-Arena, so sagte es Kapitän Lukas Hradecky, hatte einen „mentalen Knacks“ hinterlassen.
Doch trotz einiger guter Ansätze in der Schlussphase reichte der Funke, den die Fans entfacht hatten, nicht mehr für die große Wende. Stattdessen kam um exakt 17.22 Uhr das, was kommen musste: der Gnadenstoß der Bremer. Keke Topp und Justin Nijnmah spielten einen Konter clever zum 2:0 aus - selten leerte sich die BayArena so schnell wie in den Momenten danach. Enttäuschung allerorten. Denn das reine Ergebnis war nur ein Aspekt des Leverkusener Fußballdesasters.
Große Sorgen um Wirtz
Mindestens genauso so schlimm war das, was mit drei Bayer-Spielern passierte. Florian Wirtz, Granit Xhaka und Edmond Tapsoba mussten vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen die Bayern verletzt oder angeschlagen vom Platz.
Am heftigsten erwischte es augenscheinlich Wirtz, der sich nach einer ohnehin langen Behandlung wieder auf den Platz warf und direkt ausgewechselt wurde. Vorausgegangen war ein harter Tritt des Bremer Profis Mitchell Weiser auf den rechten Knöchel. Wirtz verließ die BayArena noch vor Spielende an Krücken und begab sich direkt ins Krankenhaus, um sich einer MRT-Untersuchung zu unterziehen.
„Es tut mir leid, er ist ja auch ein Kollege von mir“, sagte Weiser selbst bei SPORT1: „Wir kennen uns aus meiner Zeit in Leverkusen und ich schätze ihn sehr. Es tut mir leid. Ich hoffe, dass es nicht so schlimm ist und er bald wieder spielen kann.“
Der Klub kündigte für Montag eine Mitteilung zum Gesundheitszustand des Nationalspielers an. Zumindest soll dem Nationalspieler aber nicht das Saison-Aus drohen, wie der kicker berichtet.
Falls der junge Kreativkopf im zweiten Vergleich mit den Bayern am Dienstag wirklich ausfällt, wäre dies ein empfindlicher und vielleicht endgültig entscheidender Rückschlag für die letzten kleinen Hoffnungen der Werkself.
„Bei uns lief einfach nichts zusammen“
So oder so aber herrscht in Leverkusen Katerstimmung: Erstmals seit Mai 2023 wieder zwei Pflichtspiele in Folge verloren, drei Leistungsträger verletzt oder angeschlagen vom Platz gegangen, nach dem ebenso kräftezehrenden wie zermürbenden 0:3 im Hinspiel der Champions League in München vielleicht schon die nächste Titelchance verspielt.
Für die knappe Zusammenfassung des Nachmittags brauchte Alonso nicht mehr sonderlich tief in seinem Wortschatz zu wühlen. „Das Spiel war schlecht“, stellte der Spanier nüchtern fest: „Ein Scheißtag für uns.“
Die Verantwortung für eine komplett fehlgeschlagene Rotation nahm Alonso auf seine Schultern. Kaum Tempo, wenig Spielfluss, viele Ungenauigkeiten - so sah der Arbeitstag der Werkself über weite Strecken aus, immer wieder ging ein ungläubiges Raunen über die Tribüne. „Wir haben extra für solche Wochen einen so breiten Kader und wollten die Zeit zwischen zwei großen Spielen nutzen“, sagte der 43-Jährige, der so enttäuscht und angefasst wie nie zuvor während seiner Amtszeit in Leverkusen wirkte.
Alonso: „Alles war heute schlimm“
Noch am Freitag hatte Alonso erklärt, wie wichtig ein guter Auftritt gegen Bremen sei, um mit einem guten Gefühl in das Achtelfinal-Rückspiel gegen die Münchner zu gehen. Dazu hätte die Werkself in der Liga plötzlich wieder mehr Druck auf den Rekordmeister ausüben können. Doch am Ende blieb neben viel Konjunktiv nur der mögliche Verlust von Wirtz, Xhaka sowie Tapsoba - ein Nachmittag, der sich wie ein Worst-Case-Szenario, ein Super-GAU anfühlte. „Alles war schlimm“, resümierte Alonso. „Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Bayern auch verloren haben.“
Ein wenig Zweckoptimismus schob der Spanier hinterher: „Wenn ich nach Hause komme, werde ich alles beiseiteschieben und diesen Tag vergessen.“ Aber ob das leicht zu realisieren ist, bleibt fraglich. Psychologisch hätte es vor dem zweiten Königsklassen-Showdown kaum schlimmer kommen können.
Die bis nach dem Schlusspfiff im Stadion verbliebenen Fans versuchten zumindest alles, um die Mannschaft im Rahmen des Möglichen aufzumuntern und stimmten den Klassiker „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ an.
Es müssten aber schon mittelschwere Wunder geschehen, dass diese Mission gelingen kann.