Gerd Müller und Thomas Müller: Die beiden verbindet mehr als nur ihr Nachname und ihr gemeinsamer Werbespot für die Milchmarke vor 15 Jahren.
Hässlicher Abschied einer FCB-Ikone
Beide gehören zu den absoluten Vereins-Ikonen des FC Bayern, prägten den Klub aus München und den deutschen Fußball über viele Jahre wie wenige andere. Eine weitere Gemeinsamkeit kommt nun offenbar hinzu: ein Abschied, der rühmlicher hätte laufen können.
Es sieht alles danach aus, als ob Thomas Müller bei Bayern gehen muss, obwohl er gern noch ein Jahr drangehängt hätte. Schon jetzt sieht unglücklich aus, wie Max Eberl im Januar den Eindruck erweckte, als ob Müller selbst entscheiden könnte, wie es für ihn weitergeht - was Klubpatron Uli Hoeneß dann öffentlich einkassierte.
„Ein ziemlich bitteres Ende“, kritisierte Bayerns langjähriger Torwart Sepp Maier bei SPORT1 den sich anbahnenden Abgang von Thomas. Dasselbe lässt sich auch darüber sagen, wie einst die Ära des 2021 verstorbenen Gerd Müller in München ausklang.
Gerd Müllers unrühmlicher Bayern-Abschied
„Es war kein rühmlicher Abschied – ganz im Gegenteil", erinnerte sich Maier 2015 in der Biografie „Gerd Müller - der Bomber der Nation“ der Journalisten Patrick Strasser und Udo Muras (für die Thomas Müller das Vorwort schrieb).
Der Anfang vom Ende war damals eine folgenschwere Auswechslung. Am 3. Februar 1979 war Gerd Müller beim 1:2 gegen Eintracht Frankfurt vom frisch verpflichteten Trainer Pal Csernai in der 82. Minute vom Feld genommen worden.
Es war ein damals unerhörter Vorgang um den größten Torjäger der deutschen Fußballgeschichte, der im Lauf seiner Bundesliga-Karriere sagenhafte 365 Treffer erzielte - und noch in der Saison 1977/78 mit 24 Toren in 33 Spielen Top-Goalgetter der Bundesliga war.
In der darauffolgenden, turbulenten Spielzeit lief es für den damals 33 Jahre alten Müller nicht mehr ganz so gut (9 Tore in bis dahin 18 Spielen) - trotzdem war nicht nur für ihn ein Schock, wie radikal Csernai mit dem damaligen Kapitän brach.
Coach Csernai mit gnadenlosem Urteil
„Man muss zugeben: Gerd spielte nicht seine beste Saison, trotzdem hätte man das anders lösen können. Mit dieser Auswechslung hat Trainer Csernai ihn brüskiert“, sagte Maier, der sich mit einigen Mannschaftskollegen in der Folge für Müller eingestanden hatte: „Wir haben uns beim Trainer beschwert und gesagt, dass man so etwas mit so einem verdienten Spieler nicht macht. Es ging schließlich um Gerd Müller – nicht um irgendeinen Spieler.“
Doch das Tischtuch zwischen Csernai und Müller war bereits zerschnitten. Vor dem besagten Spiel hatte der Trainer ihn bereits vor versammelter Mannschaft für fehlende Laufbereitschaft kritisiert.
„Müllers Leistungen reichen für die Bundesliga nicht mehr aus. Der Verein kann es sich deshalb nicht leisten, ihm noch eine Chance zu geben“, befand Csernai - der in der nachlassenden Form Müllers einen Grund sah, dass Bayern unter dem im Winter gefeuerten Vorgänger Gyula Lorant als Tabellenvierter unter den eigenen Ansprüchen blieb.
„Brauche einen Torschützen, kein Denkmal“
Nicht nur Csernai wandte sich damals öffentlich gegen Müller. „Ich brauche einen Torschützen und kein Denkmal“, moserte auch der damalige Präsident Wilhelm Neudecker. Auch Csernais Führungsspieler Paul Breitner stützte seinen Coach, nannte es zustimmend einen „großen Spruch“, als der in Bezug auf Müller sagte: „In unserem Job ist für Nostalgie kein Platz.“
Müller wiederum unterstellte Csernai eine persönliche Aversion gegen ihn: „Der Csernai weiß, dass ich immer noch zu Gyula Lorant stehe, dass ich seinen Vorgänger für einen guten Trainer halte. Deswegen tut er das, deswegen will er mich fertigmachen!“
Knapp eine Woche nach der Auswechslung war Schluss. Müller spielte beim 4:0 gegen Dortmund zwar noch einmal über 90 Minuten, die Partie am 10. Februar 1979 sollte jedoch sein letztes Spiel für den FC Bayern gewesen sein. Nur knapp über 10.000 Zuschauer sahen den letzten Auftritt des Bombers im Bayern-Dress.
Schlammschlacht um Geld
Der Konflikt um Müller - der Csernai eine persönliche Abneigung gegen ihn vorwarf - eskalierte hässlich: Am 13. Februar kündigte das Klubidol fristlos, zwei Tage später rechnete er öffentlich mit den damaligen Verantwortlichen das langjährigen Arbeitgebers ab.
„Ich hätte gern noch diese Saison für den FC Bayern gespielt. Aber nach dem, was in den letzten drei Wochen passiert ist, musste ich mich zu diesem Schritt entschließen. Wenn man glaubt, ich sei nur noch Ballast, dann ist es wohl besser, wenn ich aufhöre“, schrieb Müller in einer Erklärung, die von der Nachrichtenagentur dpa veröffentlicht wurde.
Müller flüchtete in die USA zu den Fort Lauderdale Strikers in Florida - zwei Jahre nachdem schon sein guter Freund und Weggefährte Franz Beckenbauer in die MLS gewechselt war.
Das unrühmliche Ende bei Bayern wurde durch einen Streit um die Ablösesumme noch unschöner: Angeblich war Müller von Präsident Wilhelm Neudecker ein ablösefreier Wechsel versprochen worden, wenn er den Klub an den Einnahmen eines Abschiedsspiels beteilige. „Jetzt will er plötzlich davon nichts mehr wissen“, ärgerte sich der Bomber in der Folge in einem Interview mit dem kicker. Schließlich einigten sich die Parteien in einem persönlichen Gespräch dann doch auf einen ablösefreien Wechsel und eine sofortige Freigabe.
Auch nach Müllers Abgang blieb die Bayern-Saison turbulent: Im Frühjahr folgte noch eine große Spielerrevolte gegen Boss Neudecker, als der Csernai durch den als Schleifer berüchtigten Max Merkel ersetzen wollte - und der Rücktritt Neudeckers im März. Der spätere Rekordmeister beendete die Saison als Tabellenvierter.
Rückkehr in den Neunzigern
Müller überstürzter Wechsel in die USA blieb nachhaltig in schlechter Erinnerung: Der heimatverbundene Müller fühlte sich in Amerika nicht ganz wohl, seine damaligen Alkoholprobleme verschlimmerten sich. Erst rund zehn Jahre später überwand er seine persönlich schlimmste Zeit, als die alten Kollegen um Beckenbauer und Uli Hoeneß (in der ereignisreichen Abschiedssaison Müllers an den 1. FC Nürnberg verliehen und dann zum Manager berufen) ihn zu einer Entziehungskur drängten und als Stürmertrainer danach wieder im Klub integrierten.
Danach blieb das Verhältnis der Bayern zu Gerd Müller intakt, zwei Jahre nach seinem Tod weihten die Münchener eine Statue Müllers vor der Allianz Arena ein.
Die Ereignisse des Jahres 1979 zeigen jedoch: Der Abschied verdienter Klub-Legenden kann trotz aller Verdienste eine komplizierte und bittere Angelegenheit werden.