Die Nachspielzeit der ersten Halbzeit lief, da waren die Nerven der rund 1.400 mitgereisten Leverkusener Fans längst überdehnt. Nach gerade einmal zwei Minuten war Bayer am Dienstag bei Olympiakos Piräus in Rückstand geraten, spielte anschließend keineswegs schlecht, verzweifelte jedoch am Umgang mit den eigenen Möglichkeiten. Mal fehlte die Präzision, mal die Überzeugung, mal stand ein starker Torhüter im Weg. Man litt kollektiv. Doch Sekunden später wurde klar: Schlimmer geht immer.
Bundesliga: Paradoxe Krise! Drei Ohrfeigen aus dem Nichts
Drei krachende Ohrfeigen aus dem Nichts
Ein letzter Versuch vor der Pause. Ibrahim Maza setzte sich inmitten einer Drangphase auf der rechten Seite durch und passte an den Fünfmeterraum zu Christian Kofane, der über den Ball schlug. Eine Szene mit absolutem Symbolcharakter, die postwendend bestraft wurde. Piräus klärte, schaltete blitzschnell um – und erhöhte am anderen Ende des Feldes durch Mehdi Taremi in vollendeter Abgeklärtheit auf 2:0. Diesmal also nicht nur Chancenwucher, sondern auch noch ein weiteres Gegentor obendrauf. Maximal bitter.
Wie sich zeigen sollte, war dies ein empfindlicher Wirkungstreffer. Nach dem Seitenwechsel war der Stecker bei den Rheinländern endgültig gezogen. Auf den ordentlichen Auftritt der ersten Hälfte folgte ein kompletter Fadenverlust. Leverkusen verfiel zunehmend in jene rätselhaften Muster, die man aus den vergangenen Tagen allzu gut kennt. Das 1:4 gegen Stuttgart, das 0:1 in Hoffenheim, nun die Schlappe in Piräus: drei Spiele, drei krachende Ohrfeigen. Der Fehlstart ins neue Jahr ist perfekt, der Krisenmodus wieder aktiviert. Gefühlt aus dem Nichts.
Leverkusen droht die Ziele zu verpassen
Eigentlich lief vieles rund. Trainer Kasper Hjulmand stabilisierte das Team nach seiner Ankunft so schnell, wie es wohl nur wenige für möglich gehalten hatten. Bis Ende November holte der Vizemeister unter seiner Leitung 22 von 27 möglichen Punkten – ein klubinterner Startrekord, der angesichts der Umstände beinahe verblüffte. Viele Verletzte, ständige englische Wochen und kaum Zeit, mit der im Sommer neu zusammengestellten Werkself Automatismen einzuüben. Dann drehte sich der Wind schlagartig.
In der Bundesliga ist Bayer nach inzwischen sogar vier Niederlagen aus den vergangenen sechs Partien – wohlgemerkt eine mehr als in den beiden vorherigen Spielzeiten zusammen – auf Rang sechs abgerutscht und droht das selbst erklärte Ziel zu verpassen: die erneute Qualifikation für die Champions League. In ebenjener Königsklasse wiederum ist nach dem Remis in Piräus das fast schon sicher geglaubte Ticket für die Playoffs plötzlich in Gefahr. Der Druck steigt – und zwar gleich in zwei Wettbewerben.
„Wir müssen die nächsten beiden Spiele unbedingt gewinnen“, sagte Hjulmand nach dem misslungenen Gastauftritt in Piräus bei DAZN mit Blick auf die anstehenden Aufgaben gegen Werder Bremen sowie den FC Villarreal und erkannte: „Wir haben uns selbst unter Druck gesetzt.“ Zwei Siege sind im Grunde Pflicht. Allerdings stellt sich die Frage, ob Bayer aktuell stark genug ist, um diese Schlüsselduelle wirklich zu gewinnen. Denn es scheint fast wie ein Paradoxon: Je mehr trainiert wird, je länger die Zusammenarbeit andauert, desto weniger Fortschritte sind zu erkennen.
Erstaunliche Analyse von Andrich
Gegen die aggressiv agierenden Stuttgarter und Hoffenheimer wirkte Bayer rat- und hilflos. Besonders kritisiert wurden mangelnde Intensität und Zweikampfführung. Defensiv fehlte es zudem an der nötigen Kompaktheit: Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen – vor allem zwischen der Abwehrkette und dem defensiven Mittelfeld – waren viel zu groß. Hjulmands Elf wirkte dabei eher wie eine Ansammlung einzelner Individualisten im gleichen Trikot, nicht wie ein gefestigtes Team. Eine klare Rollenverteilung fehlte gänzlich – gleiches galt für die Offensive.
Robert Andrichs Worte am Samstag lieferten dafür einen indirekten Beleg: „Natürlich gibt es Situationen, da müssen wir uns in der Mannschaft klar werden: Was wollen wir spielen – und wie wollen wir die Spiele angehen? Da bringt es nichts, wenn vier Leute das eine spielen und drei Leute das andere. Dann kannst du nichts gewinnen.“ Gemeint war offenbar Grundsätzliches. Unter anderem die Frage, ob man spielerisch Lösungen finden oder den Gegner lieber mit langen Bällen aushebeln sollte. Eine bemerkenswerte Zustandsbeschreibung.
Seit Jahresbeginn stehen dem Vizemeister 1:7 Tore in drei Partien zu Buche, den einzigen Treffer erzielte Alejandro Grimaldo gegen Stuttgart per Elfmeter. Aus dem Spiel heraus blieb die Werkself bislang ohne Treffer. Trotz Ballbesitz und Abschlüssen mangelte es an festen Verbindungen im Zentrum. Viele Angriffe endeten entweder in Einzelaktionen oder verpufften bei Seitenverlagerungen. Grimaldo und Aleix Garcia, die primär dafür zuständig sein sollten, dem Spiel Ordnung zu geben und in engen Phasen als Fixpunkt zu fungieren, konnten diese Rolle zuletzt nicht erfüllen.
Leverkusen: Rolfes zählt seine Mannschaft an
Talent und Technik sind unbestritten wichtig, doch sie allein reichen nicht aus. Die besten Spieler nützen wenig, wenn sie nicht bereit sind, füreinander zu kämpfen oder die gleiche Idee zu verfolgen. Jeder muss wissen, was von ihm erwartet wird. In Piräus klappte das – losgelöst vom Ergebnis – eine Halbzeit lang, ehe ein erneuter Rückfall folgte. Denn wer nach dem Seitenwechsel drückende Leverkusener erwartet hatte, wurde enttäuscht. Das, was Bayer meist bespielte, waren vielmehr ungefährliche Räume. Sportchef Simon Rolfes zählte sein Team hinterher gar an.
„Es muss auch von der Mannschaft kommen. Es gibt Phasen, in denen du unter Druck stehst“, betonte Rolfes nach dem neuerlichen Tiefschlag. „Wir müssen insgesamt bissiger werden und mit mehr Entschlossenheit in den Aktionen spielen. Für unsere Überlegenheit in der zweiten Halbzeit hatten wir zu wenig Chancen.“ Gegen Bremen und danach gegen Villarreal fordert der 44-Jährige „von der ersten bis zur letzten Sekunde alle Bereitschaft, Leidenschaft und Aufmerksamkeit“. Der Ton im Rheinland wird, passend zur Jahreszeit, spürbar rauer und ungemütlicher, die Krise immer akuter.
Die brennende Frage, die schon in den nächsten beiden Spielen beantwortet werden muss, lautet somit: Was ist eigentlich Leverkusens wahres Leistungsvermögen? Ist es das, was Bayer im späten Herbst zeigte – oder waren das nur positive Ausreißer nach oben, mittlerweile von der Realität überholt? An Hjulmand liegt es nun, ein neues Feuer zu entfachen und das Rätsel zu lösen. Ansonsten dürfte die Unruhe bald weiter zunehmen.