Bundesliga>

Eine unverhoffte Chance bei Bayer Leverkusen

Nur eine Nummer eins auf Zeit?

Nach der Verletzung von Mark Flekken ist Bayer Leverkusen zwischen den Pfosten zum Umdenken gezwungen. Janis Blaswich erhält eine unverhoffte Chance und hütet nun das Tor. Die Frage ist nur: Wie lange?
Bayer Leverkusen gerät bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand. Der Eckball bringt SPORT1-Experte Peter Neururer im Fantalk in Rage.
Nach der Verletzung von Mark Flekken ist Bayer Leverkusen zwischen den Pfosten zum Umdenken gezwungen. Janis Blaswich erhält eine unverhoffte Chance und hütet nun das Tor. Die Frage ist nur: Wie lange?

Oft stand Janis Blaswich am Samstag nicht im Mittelpunkt. Nach drei Minuten parierte er einen Abschluss von Jens Stage, nach knapp einer halben Stunde faustete der 34-Jährige einen Schlenzer von Romano Schmid aus der Gefahrenzone. Beim Pfostentreffer von Justin Njinmah kurz vor der Pause blieb ihm nur zuzuschauen und zu hoffen. Ansonsten? Relativ überschaubarer Betrieb. Doch das alles Entscheidende passte am Ende: das Ergebnis.

„Das war ein ganz wichtiger Sieg. Wir standen defensiv eigentlich sehr gut“, sagte Blaswich nach Leverkusens 1:0 gegen Werder Bremen in aller Gelassenheit. „Ein paar hohe Bälle sind in die Box geflogen, insgesamt haben wir wenig anbrennen lassen.“ Glanzvoll oder spektakulär war der Nachmittag in der BayArena nicht, das ließ allein schon der nüchterne Tonfall des Torhüters erahnen. Nach drei Niederlagen zum Jahresauftakt zählte für die angeschlagene Werkself jedoch einzig das Resultat – nicht die Kür.

Leverkusen: Flekken soll bis mindestens Mitte März fehlen

Für Blaswich selbst war es dennoch ein kleines persönliches Ausrufezeichen. Sein Debüt für die Rheinländer feierte der Routinier beim 0:1 in Hoffenheim, nachdem sich der etatmäßige Stammtorwart Mark Flekken am Knie verletzt hatte. Beim 0:2 in der Champions League gegen Olympiakos Piräus folgte der erste Startelf-Einsatz, nun gab es im dritten Anlauf endlich Zählbares – auch, weil Blaswich seinen Kasten erstmals sauber hielt. „Es ist schön, dass ein Tor reicht. Den Schwung müssen wir jetzt mitnehmen“, sagte er und brachte die Lage sachlich auf den Punkt.

Denn die kommenden Wochen werden richtungsweisend sein. Für das zuletzt wankende Team ohnehin, ganz besonders aber für Blaswich. Flekken wird voraussichtlich bis Mitte, womöglich sogar bis Ende März fehlen. Was bis dahin im Tor des Vizemeisters passiert, bleibt vorerst offen. Mehrere Konstellationen sind denkbar – mit einem Torhüter, der unverhofft seine Chance bekommt und sich plötzlich in einer Hauptrolle wiederfindet. Einmal mehr könnte Blaswich zeigen, dass Karrieren ihre spannendsten Kapitel oft dann aufschlagen, wenn niemand damit rechnet. Oder eben auch nicht.

Nagelsmann nominierte Blaswich einst für das DFB-Team

Ein kleiner Rückblick auf den klassischen Spätstarter lohnt sich. Ausgebildet bei Borussia Mönchengladbach, wo er lange für die zweite Mannschaft spielte, sammelte Blaswich zwischen 2016 und 2018 leihweise Spielpraxis bei Dynamo Dresden und Hansa Rostock. Es folgte der Schritt ins Ausland: Vier Jahre lang hütete er das Tor von Heracles Almelo in der Eredivisie. Als Blaswich dort sein Debüt gab, war er bereits 27 Jahre alt. Zur Saison 2022/23 wagte er schließlich den Sprung in die Bundesliga und schloss sich RB Leipzig an, zunächst eingeplant als verlässliche Nummer zwei hinter Péter Gulácsi.

Dann nahm die Geschichte eine unerwartete Wendung. Gulácsi zog sich drei Monate später einen Kreuzbandriss zu, Blaswich ging ins Tor – und nutzte die Gelegenheit. Mit Leipzig gewann er den DFB-Pokal, seine Leistungen brachten ihm sogar eine Berufung in die Nationalmannschaft ein. Bundestrainer Julian Nagelsmann nominierte ihn als dritten Torhüter und lobte Blaswich als „guten Fußballer“, der auf der Linie „sehr stark“ sei und eine „tolle Ausstrahlung“ habe. Bei der ersten Begegnung habe er ihn als „extrem positiv verrückt“ wahrgenommen, sagte Nagelsmann, „diese Art hat mir imponiert“.

Anfang Februar 2024 kehrte Gulácsi dennoch ins Leipziger Tor zurück – und Blaswich suchte sein Glück bei RB Salzburg. Gestartet Kapitän, geriet er in einer insgesamt schwachen Saison aber zunehmend unter Druck. Mehrere Fehler machten ihn zum Sündenbock der Fans, einmal schlug die Stimmung sogar ins Spöttische um: Nach einer simplen Parade brandete ironischer Jubel auf, begleitet von lautstarken Forderungen nach Ersatzkeeper Alexander Schlager. Der verdrängte Blaswich wenig später tatsächlich. So kam es im vergangenen Sommer zum nächsten Neustart – diesmal bei Bayer.

Leverkusen: Rolfes holt noch einen Torwart

Bis zum Gastspiel in Hoffenheim kam Blaswich lediglich in Testspielen zum Einsatz. In der Kabine hingegen erarbeitete sich der Neuzugang rasch ein gutes Standing, wurde zu einem, der nicht nur mitmacht, sondern mitzieht und im Zweifel auch mal laut wird. Durch den längerfristigen Ausfall von Flekken rückt er nun aus der zweiten Reihe in die erste – und ist plötzlich Platzhirsch. Zumindest vorerst. Denn auch er weiß: Vorschusslorbeeren sind rasch verteilt, müssen aber erst bestätigt werden.

Nicht zuletzt deshalb hat Geschäftsführer Simon Rolfes noch einmal auf dem Torhütermarkt zugeschlagen. Mit Jonas Omlin kommt vorübergehend ein weiterer Keeper nach Leverkusen. Der Schweizer wechselt auf Leihbasis bis zum Saisonende von Borussia Mönchengladbach zu Bayer. Am Montagmorgen absolvierte Omlin den Medizincheck, am Dienstag folgte die offizielle Vorstellung. Dem Vernehmen nach soll es sich um eine Ergänzung handeln. Omlin komme, um Blaswich zu unterstützen, nicht um ihn zu verdrängen. Zumindest voraussichtlich.

Wie sieht Blaswichs langfristige Perspektive aus?

„Das könnte man so interpretieren“, ließ sich Rolfes am Samstag eine kleine Hintertür offen. „Am Ende geht es immer um Leistung. Aber wir haben Janis im Sommer geholt, weil das Vertrauen da ist, dass er auch spielen kann.“ Doch Vertrauen, so viel dürfte sicher sein, ist im Fußball eine variable Größe. Blaswich steht damit erneut vor einem Konkurrenzkampf. Nach seiner Zeit in Salzburg ist ihm nur allzu bewusst, wie grell das Rampenlicht auf dieser Position sein kann– und wie gering die Fehlertoleranz ist. Wer patzt, wird schnell zum Platzhirsch auf Zeit. Andererseits hat Konkurrenz schon so manche Karriere in überraschende Bahnen gelenkt.

Zumal Flekken, der verletzte Stammkeeper, insbesondere bei den Bayer-Fans nie unumstritten war. Für Blaswich eröffnet sich damit eine Chance – vielleicht sogar mehr als das. Kann er die Gelegenheit also mit konstant starken Leistungen ergreifen und sich dauerhaft empfehlen? Rückt er nach Flekkens Rückkehr doch wieder ins zweite Glied? Oder droht ihm am Ende womöglich, das interne Duell gegen Omlin zu verlieren? Trainer Kasper Hjulmand rief jedenfalls ein offenes Rennen im Tor aus.

Blaswich werde am Mittwoch zum Abschluss der Ligaphase der Champions League gegen den FC Villarreal (ab 21 Uhr im LIVETICKER) beginnen, „er ist die Nummer eins“, sagte der Däne auf einer Pressekonferenz, schob jedoch nach: „Und dann sehen wir weiter.“ Im Moment scheint alles möglich. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Kaum jemand dürfte das besser wissen als Blaswich.

Auch Interesse an der NFL? NEU: Die NFL-Highlights im Video bei SPORT1