Christian Eriksen hat schon vieles erlebt. Der Abstiegskampf zählt da aber nicht dazu. Erstmals in seiner langen Karriere steckt er mit dem VfL Wolfsburg genau dort drin. Am Wochenende kommt es zum ersten von 12 Endspielen, gegen den direkten Konkurrenten aus Augsburg.
Er spielte bei vielen internationalen Topklubs - das schätzt er an der Bundesliga
Wofür Eriksen die Bundesliga schätzt
Im exklusiven SPORT1-Interview blickt er auf sein erstes halbes Jahr in der Bundesliga zurück, erklärt, warum er an den Klassenerhalt glaubt und wieso er irgendwann stolz auf seine Karriere blicken kann.
„Fühle mich sehr willkommen“
SPORT1: Herr Eriksen, Sie sind nun seit knapp sechs Monaten in Wolfsburg. Wie würden Sie die Zeit bislang bewerten?
Christian Eriksen: Die Zeit ist sehr schnell vergangen. Man sagt, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass es einem gefällt. Das Sportliche steht natürlich für sich, aber ich fühle mich seit Tag eins im Verein und in der Stadt sehr willkommen.
SPORT1: Sie waren schon bei vielen großen Vereinen: Ajax Amsterdam, Tottenham Hotspur, Inter Mailand und Manchester United. Was ist der Unterschied zwischen denen und dem VfL Wolfsburg?
Eriksen: Der größte Unterschied ist sicherlich die Fanbase. Wolfsburg ist sehr mit der Region verbunden. Die anderen Mannschaften sind weltweit große Vereine und große Marken. Wolfsburg ist auch eine große Marke, vor allem spürt man hier die enge Verbindung zwischen Verein, Volkswagen, Fans und Stadt. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied.
SPORT1: Und zwischen der Bundesliga und den anderen Ligen?
Eriksen: Die Bundesliga ist ein offener Wettbewerb mit vielen Chancen auf beiden Seiten. Für Fans und Spieler ist es eine spannende Liga mit vielen Aufs und Abs. Die Intensität im Spiel ist gut, anders als in der englischen Premier League. In jeder Partie hast du deine Chancen, das macht Spaß.
SPORT1: Mit 34 Jahren sind Sie einer der ältesten in der Mannschaft. Wie können Sie mit Ihrer Erfahrung den Jüngeren helfen?
Eriksen: Ich versuche auf und neben dem Platz Ruhe auszustrahlen. Wenn jemand Fragen hat, dann kann er immer gerne kommen. Ansonsten versuche ich auf dem Feld voranzugehen und hoffe, dass die anderen folgen.
Arnold? „Können uns sehr gut ergänzen“
SPORT1: In den vergangenen Partien spielten Sie neben Maximilian Arnold im zentralen Mittelfeld. Wie gut harmonieren Sie?
Eriksen: Es ist schön, mit ihm auf dem Platz zu stehen. Ich habe schnell gemerkt, dass er durch seine lange Zeit hier der Mr. Wolfsburg ist. Der Unterschied zwischen uns ist sicherlich der starke Fuß. Ansonsten sehen wir den Fußball in einer ähnlichen Art und Weise und können uns so sehr gut ergänzen.
SPORT1: Wolfsburg steht in der Tabelle aktuell auf Rang 15. Was sind die Gründe für die aktuelle Platzierung?
Eriksen: Ich glaube, wir waren bislang nicht stabil genug. Wir hatten ein paar gute Spiele. Aber auch viele schlechte, wo es nicht für uns lief, in denen wir auch falsche Entscheidungen getroffen haben, Tore oder Elfmeter hergeschenkt haben. So machten wir uns selbst das Leben sehr schwer. Dennoch bin ich positiv gestimmt, dass wir das ändern können. Das konnte man auch schon in einigen Spielen gegen Top-Mannschaften sehen. Wir arbeiten daran, es auch gegen jeden anderen Club zu zeigen.
SPORT1: Aufgrund der Wolfsburger Krise gab es auch schon einen Trainerwechsel. Wie bewerten Sie die Arbeit von Daniel Bauer?
Eriksen: Er macht definitiv einen sehr guten Job. Natürlich gibt ein Trainerwechsel oft einen Push, was sich auch bei uns in Punkten widerspiegelt hat. Nun adaptieren wir immer besser seine Idee vom Fußball, die wir auf dem Platz immer besser umzusetzen wissen. Das kann man in den Spielen phasenweise sehen. Es liegt an uns Spielern, den Matchplan umzusetzen und die Punkte einzufahren.
SPORT1: Ein guter Auftritt gegen Dortmund, der Punktgewinn gegen Leipzig. Beide sind Mannschaften aus der Top 6. Was kann man aus diesen Spielen für die kommenden Aufgaben mitnehmen?
Eriksen: Natürlich ist es sehr enttäuschend, wenn du gegen den BVB kurz vor Schluss noch das entscheidende Gegentor kassierst. Auch gegen Leipzig haben wir hinten raus zwei wichtige Zähler hergeschenkt. Das gilt es abzustellen. Wir sollten versuchen, so lange wie möglich im Spiel zu bleiben und unsere Punkte einzufahren. Wir müssen weitermachen und zeigen, dass wir, egal ob es Dortmund, Leipzig oder Augsburg ist, diese Spiele gewinnen wollen.
SPORT1: Am Samstag wartet mit dem FC Augsburg (15.30 Uhr im LIVETICKER) ein direkter Konkurrent. Wie wichtig wird das Spiel?
Eriksen: Je länger die Saison dauert, desto wichtiger werden die Spiele für uns. Sie stehen in der Tabelle knapp über uns, das heißt, um sie einzuholen, müssen wir die Partie gewinnen. Generell müssen wir die Spiele gegen die direkte Konkurrenz für uns entscheiden. Nun ist es an der Zeit, zu beweisen, dass wir dazu in der Lage sind.
Abstiegskampf? „Braucht viel Arbeit und Fokus“
SPORT1: In nahezu jeder Saison standen Sie am Ende der Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz. Ist Abstiegskampf für Sie ungewohnt?
Eriksen: Mit dem Alter weiß man damit umzugehen, aber natürlich spielt man lieber um die oberen Plätze oder auf der europäischen Bühne. Aktuell ist es eine Situation, mit der wir umgehen müssen. Aber ich fühle mich gut. Wenn ich mich umschaue und sehe, welche Spieler hier sind, bin ich sicher, dass wir nach oben klettern werden. Doch es braucht viel Arbeit und Fokus, damit das funktioniert.
SPORT1: Was macht Sie optimistisch, dass der VfL Wolfsburg am Ende der Saison den Klassenerhalt schafft?
Eriksen: Unser Glaube, wie wir in die Spiele gehen und die Chancen, die wir in diesen haben. Wie schon erwähnt: Wir müssen stabiler werden, Gegentore und Elfmeter vermeiden. Dazu sollten wir die Chancen, die sich uns ergeben, konsequent nutzen.
SPORT1: Einer, der weiterhin ein entscheidender Faktor sein könnte, ist Mohammed Amoura. Wie wichtig ist er für den VfL Wolfsburg?
Eriksen: Er macht Tore, entsprechend ist er ein sehr wichtiger Teil unserer Mannschaft. Im Moment brauchen wir alle Tore, die wir bekommen können. Wir müssen ihn und seine Stärken einsetzen, damit er seine Chancen bekommt und trifft.
„Habe noch keine Pläne“
SPORT1: Ihr Vertrag läuft im Sommer 2027 aus. Haben Sie für die Zeit danach schon Pläne? Ist ein Verbleib in Wolfsburg realistisch?
Eriksen: Nein, tatsächlich habe ich noch keine Pläne. Ich genieße einfach nur den Moment und freue mich auf jedes Spiel, das ich spielen kann. Wir werden sehen, wo wir in einem halben oder einem Jahr stehen.
SPORT1: Wie erwähnt haben Sie schon für viele große Mannschaften gespielt, sind in Italien und den Niederlanden Meister geworden. Was bedeutet Ihnen das alles?
Eriksen: Ich bin froh, dass die Karriere noch nicht vorbei ist. Aber natürlich bin ich sehr stolz, wenn ich auf alle Spiele, Trophäen und Feierlichkeiten zurückschaue. Aber auch auf die schwierigen Partien, wie beispielsweise die Niederlagen in den Finals. Wenn meine Karriere irgendwann zu Ende ist, werde ich zurückschauen und sagen: ‘Hey, das hast du geschafft‘.
SPORT1: Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Karriere noch erreichen wollen?
Eriksen: Auf meiner Bucket-List steht sicher noch ein Lauf mit der dänischen Nationalmannschaft in einem großen Wettbewerb. Ich hatte meine Chancen, aber weiter als das Viertelfinale hat es noch nie geklappt.
SPORT1: Während unseres Interviews ist erneut deutlich geworden, wie bodenständig Sie sind. Wie würden Sie sich beschreiben? Trifft das zu?
Eriksen: Da haben Sie recht. Ich glaube, ich bin sehr bodenständig und nehme die Dinge, wie sie sind. Auf dem Platz fordere ich sehr viel von mir und meinen Mitspielern ein. Außerhalb des Grüns bin ich dagegen ein sehr entspannter Typ, der positiv ist und immer das Beste aus jeder Situation machen möchte.