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Ein Spiel, das alles über sein Standing aussagt

Ein nicht gefeierter Matchwinner

Serhou Guirassy polarisiert bei Borussia Dortmund zunehmend, der Rückhalt der eigenen Fans bröckelt. Beim knappen Sieg in Heidenheim trifft der Stürmer erstmals seit längerer Zeit wieder doppelt – und bleibt dennoch ein Matchwinner mit Beigeschmack.
Beim Elfmeter der Dortmunder sah es zunächst so aus, als wollte sich Nico Schlotterbeck die Kugel schnappen. Trainer Niko Kovac erklärt, dass der Verteidiger damit nur die Bahn für Serhou Guirassy freihalten wollte.
Serhou Guirassy polarisiert bei Borussia Dortmund zunehmend, der Rückhalt der eigenen Fans bröckelt. Beim knappen Sieg in Heidenheim trifft der Stürmer erstmals seit längerer Zeit wieder doppelt – und bleibt dennoch ein Matchwinner mit Beigeschmack.

Um den aktuellen Stand der Dinge rund um Serhou Guirassy bei Borussia Dortmund zu erfassen, reichte am Sonntagabend im Grunde eine einzige Szene. Sie spielte sich in der Nachspielzeit ab, als der 29-Jährige für Salih Özcan ausgewechselt wurde und langsam den Platz verließ. Fast unbemerkt schlich der Stürmer Richtung Seitenlinie. Keine Anerkennung von den Rängen, kein aufmunterndes Klatschen, keine erkennbare Regung. Nichts. Im Signal Iduna Park herrschte eine Stille, die irritierte.

Ein Matchwinner, der im eigenen Stadion nicht gefeiert wird – das ist in der Bundesliga selten. Sekunden später ließ sich Guirassy kurz vor der Südtribüne neben dem Tor nieder, das ihm zuvor eigentlich die Erlösung gebracht hatte. Zwei Treffer erzielte der Guineer beim 3:2 gegen Heidenheim – so viele wie in seinen 15 Bundesliga-Spielen zuvor zusammen – und dem BVB drei enorm wichtige Punkte gesichert. Doch all das reichte nicht, um die Zweifel zu übertünchen.

Guirassy verspielt Kredit bei BVB-Fans

Galt Guirassy in der vergangenen Saison als absolute Lebensversicherung in der Offensive, hat sich das Bild in seinem zweiten Jahr bei Borussia Dortmund grundlegend gewandelt. Warum, weiß bis heute niemand so recht. Der einst so treffsichere Torjäger wirkt oft uninspiriert und lässt selbst beste Chancen liegen. Vor allem aber polarisiert er – und verliert zunehmend den Kredit bei den eigenen Fans. Selbst das doppelte Erfolgserlebnis am Sonntagabend konnte daran kaum etwas ändern.

Klar ist: Viele Anhänger wünschen sich schon seit Längerem, dass Niko Kovac auf eine Aufstellung ohne den seit Monaten kriselnden Guirassy setzt. Der BVB-Coach aber stärkte seinem Sorgenkind zuletzt den Rücken. „Wenn unser Stürmer fünf, sechs Tore mehr hat, ist er nicht nur glücklicher, sondern wir auch erfolgreicher. Aber es wäre zu leicht zu sagen, dass es nur an ihm liegt. Jeder Stürmer lebt von der Zuarbeitung“, erklärte Kovac noch in der vergangenen Woche. Gegen Heidenheim jedoch blieb zunächst einiges fragwürdig. Einmal mehr.

Guirassy wirkte vor der Pause eher wie ein Fremdkörper, übersah besser postierte Mitspieler oder konnte Bälle nicht festmachen. Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: Als er nach dem Seitenwechsel zwei Zuspiele auf Höhe der Mittellinie verstolperte, hallten sofort deutlich vernehmbare Pfiffe durch das Stadion. Die Geduld der Fans schien erschöpft. Ihre Vorwürfe, der Angreifer spiele eigensinnig und zeige in puncto Präsenz, Körpersprache und Engagement desolate Tugenden, bestätigten sich abermals. Dann kam die 68. Minute – der Moment, in dem die Wut am intensivsten spürbar war.

Elfmeter für den BVB, Stand 1:2 – die Chance auf den Ausgleich gegen das Schlusslicht. Schütze Nummer eins, Emre Can, fehlte. Sein Vertreter Ramy Bensebaini saß auf der Bank. Wer sollte also schießen? Nico Schlotterbeck griff sich den Ball – nur, um ihn dann an Guirassy weiterzugeben. Pfiffe kamen erneut von den Rängen: Die Fans wollten den zuletzt zweimal gescheiterten Torjäger offenbar nicht am Punkt sehen. Aber Guirassy trotzte dem Druck – entschlossener Anlauf, scharfer Schuss ins rechte Eck. Diant Ramaj streckte die Hand, konnte den Ball aber nicht halten. Tor. Ausgleich. Und ein kleines Stück Erleichterung für die Südtribüne.

Was dann folgte, war typisch Fußball. Traf Guirassy in der ersten Halbzeit nach einem eigentlich cleveren Lupfer noch die Latte, rutschte 84 Sekunden nach dem Ausgleich ein leicht abgefälschter Abschluss am Bein von Ramaj vorbei ins kurze Eck – 3:2. Die kleine Wiedergeburt des Angreifers war perfekt. Für wenige Minuten wirkte die zerbröckelte Welt des Torjägers beim BVB wieder in Ordnung, auch die BVB-Fans schienen versöhnt und stimmten einen Sprechchor für Guirassy an. Doch es sollte nicht das letzte Kapitel dieses seltsamen Abends sein.

Guirassy lässt Elfmeter kläglich liegen

Rund sieben Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit wurde der 29-Jährige im Strafraum gefoult. Wieder schnappte sich Schlotterbeck den Ball, wieder übergab er diesen an den Stürmer – und wieder passierte Bemerkenswertes. Obwohl Guirassy bereits zweimal getroffen hatte, quittierten die Fans die Szene erneut mit Pfiffen – und behielten bei Versuch Nummer zwei Recht. Dieses Mal jagte der Angreifer kläglich über das Tor: kein Hattrick, kein endgültiger Befreiungsschlag. „Beim zweiten Elfmeter wollte er wieder irgendwas versuchen, was ich nicht so schön fand“, kritisierte auch Kovac.

Und Schlotterbecks Rolle in all dem? Was nach außen den Anschein einer mannschaftsdienlichen Geste machte, war laut Kovac ein bewusstes Vorgehen. „Er wollte nicht schießen, sondern nur ein kleines Ablenkungsmanöver leisten“, erklärte der BVB-Coach. „Ich glaube, Schlotti hat einfach eine falsche Fährte gelegt.“ Die Absicht: Guirassy vor den Blicken und Ablenkungsversuchen des Gegners zu schützen. Gut gemeint – doch der Plan verfehlte sein Ziel. Die Verunsicherung kam nicht vom Gegner, sondern vom eigenen Anhang. Aus dem vermeintlichen Helden wurde so schnell ein Buhmann.

Noch im Vorjahr erzielte Guirassy 38 Tore in 50 Pflichtspielen. Alle hofften, endlich wieder einen Mittelstürmer zu haben, der genauso regelmäßig trifft wie einst Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang oder Erling Haaland. Doch jetzt hat man in Dortmund vor allem eines: ein gewaltiges Problem. Der Auftritt gegen Heidenheim offenbarte alles über Guirassys derzeitiges Standing. Und wenn selbst zwei Treffer nicht reichen, die einen 1:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg drehten – wie soll er die Fans dann zurück auf seine Seite holen?

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