Das Bild, das sich kurz nach dem turbulenten 1:1 zwischen Leverkusen und dem FC Bayern im Innenraum der BayArena bot, sagte im Grunde alles über den Nachmittag eines bestimmten Spielers aus.
Ein 18-Jähriger überrascht die ganze Bundesliga
Ohne Angst vor den großen Bayern
Nicht Kapitän Robert Andrich, nicht Torhüter Janis Blaswich, auch nicht Jonas Hofmann, Patrik Schick oder Malik Tillman wurden durch die Interviewzone geschickt. Nein, stattdessen arbeitete sich Montrell Culbreath geduldig von Mikrofon zu Mikrofon. Aus gutem Grund.
Gerade einmal fünf Minuten waren in der Partie zuvor gespielt, als der 18-Jährige schneller reagierte als andere. Ein kurzer Rempler, ein kleiner Schritt in einem Moment der Unachtsamkeit bei den Gästen und schon spitzelte er den Ball von Luis Díaz weg.
Culbreath überrumpelt Bayern
Dann ging alles rasend schnell. Der Angriff rollte, zwölf Sekunden später zappelte der Ball im Netz. Torschütze Aleix García drehte jubelnd ab und der Youngster erlebte zum ersten Mal, wie laut ein Stadion werden kann, wenn man die großen Bayern so richtig ärgert.
Für Culbreath markierte diese Szene den Auftakt zu einem herausragenden Auftritt. Das 1:0 mit einem gewonnenen Zweikampf eingeleitet, hätte er beinahe später noch das 2:0 folgen lassen. Sein Schlenzer strich knapp vorbei.
Ansonsten war der Flügelspieler jederzeit präsent, engagiert in den Duellen, stark am Ball und düpierte auf der rechten Seite auch Konrad Laimer immer wieder. Das Bemerkenswerte daran: Es war erst sein sechster Einsatz im Profibereich – und erst der zweite von Beginn an. Von Nervosität oder Ehrfurcht vor den Stars aus München war dennoch nichts zu spüren.
Díaz und Olise? „Auch nur Menschen wie wir alle“
Natürlich sei es speziell, gegen Díaz, Laimer oder Michael Olise anzutreten. „Vor dem Spiel macht man sich Gedanken“, sagte Culbreath auffallend gelassen, „aber sobald es losgeht, spielt man einfach. Im Endeffekt sind sie auch nur Menschen wie wir alle. Ich bin fokussiert ins Spiel gegangen. Ohne Angst. Das kommt durch dieses Mannschaftsgefühl: Ich spüre das Vertrauen.“
Mehrere Mitspieler hätten ihm vorher Mut zugesprochen. „Sie sind zu mir gekommen und haben gesagt: ,Mach dein Ding, spiel so wie in Hamburg‘“, erzählte er weiter. Wer also dieses Talent ist, über das plötzlich alle redeten?
Hat Leverkusen endlich einen Havertz-Nachfolger gefunden?
Eigentlich noch ein Spieler der U19. Im Sommer 2023 wechselte er aus Kaiserslautern in die Jugend der Rheinländer und spielte dort vergangene Saison eine Schlüsselrolle, als es bis ins Finale um die Deutsche Meisterschaft ging. Auf dem Weg dorthin der Gegner im Halbfinale: der FC Bayern.
Im Mai 2025 angeführt von einem gewissen Lennart Karl, der gegen Leverkusens Nachwuchs um Culbreath mit 3:4 verlor. Während Karl anschließend im Eiltempo den Sprung in die Bundesliga schaffte, scheint Culbreath – der wie Karl die Rückennummer 42 trägt – nun mit einem halben Jahr Verzögerung nachzuziehen.
Bei den Junioren ist er inzwischen kaum noch zu sehen. Sein Profidebüt feierte Culbreath am 20. Dezember in Leipzig, das er gleich auf die beste Art krönte. Mit seinem Treffer zum 3:1-Endstand schrieb er ein kleines Stück Geschichte und wurde zum viertjüngsten Torschützen der Klubhistorie.
Nur Florian Wirtz, Kai Havertz und Julian Brandt netzten früher ein – alle schon mit 17 Jahren. Seitdem folgten drei weitere Einsätze in der Bundesliga sowie zwei Partien in der Champions League. Schritt für Schritt entwickelte er sich zu einer ernstzunehmenden Option für Trainer Kasper Hjulmand - womöglich auch am Dienstag beim FC Arsenal (21.00 Uhr).
Hjulmand schwärmt
Gegen die Bayern wusste Culbreath auch statistisch zu überzeugen. 77 Prozent seiner 13 Duelle entschied er für sich, zudem fanden 94 Prozent seiner Pässe den Mitspieler.
Hjulmand war voll des Lobes: „Montrell hat in den letzten Monaten große Sprünge gemacht. Er macht immer alles, ist immer bereit und trainiert hervorragend. Am wichtigsten ist seine Persönlichkeit. Er ist immer aktiv, schaltet nie ab. Wir haben einen Jungen aus unserer Akademie herausgebracht. Das ist großartig für unseren Verein. Er ist erst 18, das ist top, wir haben einen Spieler mit Perspektive.“ Für Bayer etwas, das es eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gab.
Denn die Nachwuchsarbeit brachte lange niemanden mehr hervor, die später bei den Profis Fuß fassen konnte. Wirtz kam einst aus Köln und absolvierte lediglich vier Partien für Leverkusens Jugend. Davor war Havertz, der 2016 in die Bundesliga stürmte, das letzte echte Eigengewächs, das nach oben schaffte und sich dauerhaft etablierte.
Culbreath? „Er hat mich überzeugt“
Seitdem? Herrscht Flaute. Ob Culbreath in diese Reihe gehört, ist noch offen. Die ersten Eindrücke aber sind vielversprechend und der Klub wirkt bereit, ihm genau den Raum zu geben, den er braucht, um sein Potenzial zu entfalten.
Jedenfalls machte Hjulmand bereits deutlich, dass er den vielseitigen Offensivspieler weiterhin auf dem Platz sehen will.
„Eigentlich ist Montrell ein klassischer Zehner, sehr offensiv, aber er hat heute viel verteidigt. Wir haben diese Position intensiv trainiert, und er hat mich überzeugt“, erklärte der Däne.
Optionen für die rechte Seite gibt es derzeit ohnehin nicht viele. Arthur und Lucas Vázquez stehen verletzt nicht zur Verfügung, Ernest Poku sucht noch seine Top-Form, Talent Axel Tape genießt nur wenig Vertrauen – und Culbreath ist offenbar gewillt, seine Chance zu ergreifen.
Culbreath wird gefeiert
Als der Teenager am Samstag nach 77 Minuten ausgewechselt wurde, hinterließ er eine beeindruckende Visitenkarte. Auch bei den Fans. Diese honorierten seinen Auftritt mit dem lautesten Applaus des Nachmittags.
„Ich bin noch jung, ich habe nicht so viel zu verlieren“, antwortete Culbreath erstaunlich cool, „ich bin mutig – und dann wird das schon.“
Fürs Erste hat es funktioniert. Wer den jungen Techniker vorher noch nicht kannte, wird nun genau wissen, wer dieser Typ ist. Díaz und Laimer eingeschlossen.