Die Tragödie um den Meister-Trainer von 1969 (mit dem FC Bayern) und 1979 (mit dem Hamburger SV) begann schon am Tag vor dem Spiel des HSV bei Borussia Dortmund.
Die Tragödie um den betrunkenen Meistertrainer
Ein Bild des Jammers
Der Jugoslawe Branko Zebec hatte am Tag der Abreise zu trinken begonnen und zuerst das Training und dann auch die Abfahrt des Mannschaftsbusses verpasst. Den ließ Manager Günter Netzer gnadenlos ohne ihn abfahren. Zebec fuhr deshalb mit einem Leihwagen hinterher, wozu er sich noch in der Lage fühlte: „Als ich abfuhr, war ich völlig klar.“ Die von ihm gezogenen Schlangenlinien sprachen später eine andere Sprache.
Bei Ascheberg, 60 Kilometer vor Dortmund, wurde er von der Polizei gestoppt und musste ins Röhrchen blasen. Das bedenkliche Ergebnis: 3,25 Promille. Sein Führerschein wurde eingezogen, er samt Auto von der Polizei zum Hotel „Römischer Kaiser“ kutschiert. Dort angekommen, wirkte er auf das Personal „reichlich betrunken“.
Am Vormittag des Spiels ging es ihm wieder besser, da hielt er laut Manager Netzer „eine wirklich brillante Spieler-Sitzung“.
Zebec wurde zunächst nicht in die HSV-Kabine gelassen
Danach griff Zebec aber wohl wieder zur Flasche. Um 14.15 Uhr wankte er an jenem 19. April 1980 aus dem Mannschaftsbus, weshalb ihn ein Ordner nicht in die Kabine lassen wollte: „Betrunkene kommen hier nicht rein.“ Das setzte der HSV dann zwar doch durch, aber viel hatten sie nicht mehr von ihrem Trainer an diesem Tag. Schon eine halbe Stunde vor Anpfiff saß er verwirrt auf der Bank. Als der gegnerische Trainer Udo Lattek vom BVB ihm die Hand reichte, packte er sie mit beiden Händen, ohne ihn anzugucken. Lattek schaute irritiert.
Statt seinem Team letzte Anweisungen zu geben, schaute sich Zebec das Vorspiel zweier Jugendmannschaften an. Ein Journalist verhinderte zweimal, dass er dabei von der Bank fiel. Als das Bundesligaspiel zur klassischen Anstoßzeit um 15.30 Uhr losging, feuerte er die Falschen an. Als der BVB den Ball hatte, rief er: „Weiter so – Tempo, Tempo!“
Immer wieder sackte er zusammen, die Brille rutschte halb von der Nase. Als sein Team das 2:0 erzielte, „hat er versucht zu klatschen, aber seine Hände haben sich nicht mehr getroffen“, sagte der Dortmunder Stadionverwalter. Die unbarmherzigen Kameras sandten ein Bild des Jammers in die Fußballwelt hinaus, und die dpa schrieb von „Trunkenheit im Dienst“. Quasi unbetreut ging der HSV dennoch mit einer 2:0-Führung in die Pause, die für Zebec schon zum Schlusspfiff wurde. Assistent Alex Ristic führte ihn in die Kabine, wo er seufzte: „Ich kann nicht mehr!“
Netzer ließ ihn daraufhin von Ordnern in den Bus setzen, vom Rest des Spiels, in dem nun Ristic die Mannschaft betreute, bekam er nichts mehr mit. Netzer vertrat ihn auf der Pressekonferenz („Unser Trainer fühlt sich nicht wohl!“) und wich Nachfragen aus: „Ich bin kein Arzt.“
HSV-Präsident sorgt für Aufklärung
Die Öffentlichkeit verlangte weiterhin nach Aufklärung. Am Abend sagte HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein im ZDF-Sportstudio: „Unser Trainer ist nicht ganz gesund. Er hat etwas mit der Bauchspeicheldrüse. Und wenn er einen Tropfen Alkohol trinkt, kann das böse Folgen haben. Am Wochenende hat er wohl zu viel getrunken.“
Dem war so. Doch warum?
Zebec entschuldigte sich am nächsten Tag, von Ehefrau Dusica zum Training kutschiert, stocknüchtern bei der Mannschaft. Es sei ein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen, „aber ich hoffe, ihr könnt mich ein bisschen verstehen.“ Sie wussten ja schon länger von seiner Krankheit.
Dann informierte er auch die Öffentlichkeit, die unangenehme Fragen stellte: „Kann sich der HSV Zebec noch leisten?“, titelte das Hamburger Abendblatt.
Vier Tage nach dem Vorfall las man in der Bild über seine Zuckerkrankheit: „Wenn ich unvernünftig lebe, steigen meine Zuckerwerte im Blut sehr hoch an. Dann findet kein Stoffwechsel mehr statt. Das sind späte Folgen der Operation an meiner Bauchspeicheldrüse vor zehn Jahren. Nur wenn ich falsch esse und trinke, schnellt mein Zuckerspiegel hoch.“
Branco Zebec: „Ich bin kein Alkoholiker“
Genau das aber war geschehen: „Ich hatte Mittwoch und Donnerstag ein paar Biere und Schnäpse getrunken. Harmlos, aber der blockierte Stoffwechsel baute den Alkohol nicht ab.“ Getrunken wiederum hatte er zur Betäubung nicht näher benannter Schmerzen, gegen die eigentlich Tabletten halfen, die aber seine Frau mit nach Jugoslawien genommen habe. Er beteuerte: „Ich bin kein Alkoholiker!“
Aber er trank weiterhin Alkohol, den er nicht im Mindesten vertrug. Dass ausgerechnet Zebec seinen Spielern ein Frustbier – nach dem verlorenen Landesmeister-Finale gegen Nottingham Forest vier Wochen später – vorwarf („Mit Betrunkenen trainiere ich nicht“), kostete ihn den letzten Kredit in der Mannschaft. Im Dezember 1980 wurde er nach einem weiteren Vorfall entlassen, und Netzer sagte: „Am meisten tat mir weh, dass ich Branco nicht helfen konnte.“ Schlusspointe: Sein nächster Verein in der Bundesliga wurde – Borussia Dortmund.