„Geschichte wiederholt sich“, heißt es im Volksmund. Schaut man auf die Führungsriege des FC Bayern, speziell auf Uli Hoeneß und dessen Verhalten nach einem ereignisreichen Spiel mit kritischen Schiedsrichter-Entscheidungen, eine durchaus treffende Aussage.
"DAS war die schlechteste Schiedsrichter-Leistung der Geschichte"
„DAS war die schlechteste Leistung“
Am vergangenen Wochenende hatte der Ehrenpräsident des Rekordmeisters nach dem turbulenten 1:1 der Münchner bei Bayer Leverkusen, bei dem am Ende nur noch neun FCB-Spieler auf dem Feld standen, heftig gegen Referee Christian Dingert geschossen.
„Das ist die schlechteste Leistung eines Schiedsrichter-Teams, die ich je bei einem Bundesligaspiel erlebt habe“, polterte er im Gespräch mit der Bild. Auch Präsident Herbert Hainer und Vorstandschef Jan-Christian Dreesen übten öffentlich Grundsatzkritik. Ein Mechanismus, der alles andere als neu ist, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.
Speziell an den 7. April 2001 wurden in den vergangenen Tagen einige Erinnerungen wach. Es war der Tag, an dem sich die Münchner und Borussia Dortmund duellierten, für das größte Karten-Festival in der Bundesliga-Historie sorgten. Vieles, was danach passierte, glich dem, was am Wochenende geschah.
BVB vs. FC Bayern geriet außer Kontrolle
Die Bayern unter Trainer Ottmar Hitzfeld strebten seinerzeit den Titel-Hattrick an, tanzten noch auf zwei Hochzeiten und kamen gerade mit einem 1:0 in der Champions League aus Manchester zurück. In jenen Tagen glänzten sie nicht gerade und hatten nach 27 Spieltagen schon acht Mal verloren. Weshalb die Meisterschaft 2000/01 richtig spannend war.
Der BVB wäre seinerzeit im Vorjahr fast abgestiegen, hatte sich gerade wieder erholt und lag unter dem jungen Trainer Matthias Sammer, damals 33, nur einen Punkt hinter Bayern auf Platz 2.
Die sich über die Jahre aufgeschaukelte Rivalität entlud sich an jenem Abend in ungekannter Intensität. Im Zentrum: Die Unfairness der Spieler und die Leistung des Schiedsrichters.
Hartmut Strampe stellte in 93:08 Minuten Spielzeit zwei Rekorde auf: Er zückte 14 Karten (für 13 Spieler), davon elf gegen eine Mannschaft – die Bayern. Da war das eigentliche Ergebnis (1:1) nach Toren von Roque Santa Cruz (6.) und Fredi Bobic (52.) fast schon Nebensache.
Das Spiel geriet spätestens nach 35 Minuten aus den Fugen, als Strampe Bayerns Verteidiger Bixente Lizarazu vom Platz stellte. Der hatte schon Gelb, weil er nach sieben Minuten mit der Hand auf den Ball gefallen war, offenkundig ohne jede Absicht. Nach seiner Notbremse musste Lizarazu dann vom Platz.
Aus Sicht des empörten Hoeneß – damals noch Bayerns Manager – war das die erste „von über 50″ Fehlentscheidungen Strampes.
Effenberg zeigte keine Reue
Mit zehn Mann retteten die Bayern ihren Vorsprung in die Pause. Die Führung durften sie dank zweier Fehlentscheidungen des Referee-Gespanns, das eine Großchance und ein Tor des BVB wegen Abseits annullierte, noch sieben Minuten behalten.
Dann traf Bobic, aber das war nun ein irreguläres Tor, wie das Fernsehen nachwies, weil Vorbereiter Evanilson zuvor Hand spielte. Die Bayern tobten, das Stadion kochte.
Nach 55 Minuten der nächste Eklat: Bayern-Kapitän Stefan Effenberg ließ Evanilson auflaufen, setzte dabei noch den Ellenbogen ein. Strampe zückte wegen Tätlichkeit Rot. Der Sünder gab sich nicht sehr reuig: „Ich rechne mit einem Freispruch.“
Eine Flut an Gelben Karten
Immer wieder lagen die Borussen in der Folge auf dem Boden, manche machten eine Kunst daraus. „Otto Addo soll in den Zirkus Sarasani gehen. Der hat auf dem Fußballplatz nichts zu suchen“, schimpfte Hoeneß etwa über den deutsch-ghanaischen BVB-Profi Otto Addo – und erboste mit der auch damals schon mindestens grenzwertigen Beleidigung seinen späteren Sportvorstand Sammer („unterste Schublade“) und Präsident Gerd Niebaum („Ich erwarte eine Entschuldigung an Otto Addo“).
Strampe versuchte sich mit den Instrumenten des Schiedsrichters, Respekt zu verschaffen: Er zückte Karten. Vor allem gegen die Bayern.
Die Liste der Verwarnten liest sich wie die Mannschaftsaufstellung: Oliver Kahn, Sammy Kuffour, Thomas Linke, Hasan Salihamidzic, Jens Jeremies, Mehmet Scholl, Giovane Elber, dazu der eingewechselte Willy Sagnol. Lizarazu und Effenberg waren vom Platz geflogen.
Der heutige SPORT1-Experte Effenberg blickte am Sonntag im Doppelpass auf das damalige Spiel zurück – immer noch verärgert: „DAS war die schlechteste Schiedsrichter-Leistung der Geschichte, nicht die von gestern.“
Hoeneß drang in die Schiedsrichter-Kabine ein
Zum Bundesliga-Rekord machten die Partie 2001 übrigens die Verwarnungen für die Borussen Addo und Sunday Oliseh und der Platzverweis für Evanilson (grobes Foulspiel an Joker Paulo Sérgio) in letzter Minute. Das Nachspiel und der mediale Widerhall waren entsprechend heftig.
Uli Hoeneß drang mit hochrotem Kopf in die Schiedsrichterkabine ein, schließlich hatten die Bayern vor dem nächsten Gipfel gegen den FC Schalke 04 vier gesperrte Spieler. Strampes Assistent Bernd Hauer plauderte aus, Hoeneß habe erst wieder rausgehen wollen, wenn der Bericht unterschrieben sei.
Was er darin lesen wollte, wurde nicht publik, aber er riet Strampes Gespann, sie bräuchten Effenbergs Rote Karte „gar nicht erst aufzuschreiben, weil er sowieso nächste Woche wieder spielen würde“. Dem war nicht so, schon am Montag fällte das Sportgericht die Urteile: Effenberg bekam zwei Spiele Sperre, Evanilson drei.
Hoeneß schlug vor, dass man den Referee „aus dem Verkehr zieht“
Hoeneß, der öffentlich forderte, darüber nachzudenken „ob man Herrn Strampe mal eine Zeit lang aus dem Verkehr zieht“, kam ohne persönliche Strafe davon, „weil nicht zwingend eine Diffamierung oder Beleidigung des Schiedsrichters“ darin gesehen wurde, wie der Kontrollausschuss-Vorsitzende Horst Hilpert wissen ließ.
Einen Rüffel bekam Hoeneß dennoch von der Obrigkeit. Volker Roth, der Schiri-Boss, tadelte: „Das, was Hoeneß macht, ist die bekannte Methode, von den Unzulänglichkeiten der eigenen Spieler abzulenken. Für Hartmut Strampe war es ein sehr schweres Spiel, denn es wurde kein Fußball gespielt.“ Der DFB nahm seinen Schiri also auf ähnliche Weise vor Bayern in Schutz wie nun Dingert.
Nach dem Skandalspiel gegen den BVB 2001 rief Hoeneß am Montag übrigens bei Addo an und verkündete danach: „Es ist alles wieder in Ordnung. Man darf doch nicht wochenlang alles auf die Goldwaage legen, was gesagt wurde.“
Franz Beckenbauer, damals Bayern-Präsident, regte einen Runden Tisch von Ligavertretern und Schiedsrichtern an, weil sich die Probleme gehäuft hätten. Den gab es nicht.
Übrigens: Der Schiedsrichter von damals, Hartmut Strampe, blieb noch zwei Jahre Bundesliga-Schiedsrichter, ein Bayern-Spiel pfiff er nie mehr.