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FC Bayern: Legende emotional - "Der FC Bayern hat mir alles gegeben"

„Der FC Bayern hat mir alles gegeben“

Franz „Bulle“ Roth war für den FC Bayern der Held in drei gewonnenen Europapokal-Endspielen. Im SPORT1-Interview blickt er zurück auf ein bewegtes Fußballer-Leben.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Bayern-Legende Franz "Bulle" Roth über seine großen Erfolge mit dem deutschen Rekordmeister und über die Zeit mit seinen Kollegen und Freunden, Franz Beckenbauer sowie Gerd Müller.
Franz „Bulle“ Roth war für den FC Bayern der Held in drei gewonnenen Europapokal-Endspielen. Im SPORT1-Interview blickt er zurück auf ein bewegtes Fußballer-Leben.

Der Mann, der den FC Bayern München in Europas Fußballadel führte, sitzt an diesem sonnigen Tag an einem Ort voller Erinnerungen.

Am Fuße des Münchner Olympiastadions trifft SPORT1 Franz Roth zum Exklusiv-Interview. Das frühere Mittelfeld-Ass, von seinen Mitspielern „Bulle“ genannt, gehörte zur legendären Bayern-Generation um Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier - und ist legendär dafür, dass er gleich drei Europapokalsiegen der Bayern mit spielentscheidenden Endspieltoren zum 1:0 den Weg ebnete.

Im Gespräch erinnert sich der 78-Jährige an magische Europapokalnächte, enge Freundschaften – und an den Geist, der den Klub bis heute prägt.

FC Bayern: Wie Franz Roth zur Legende wurde

SPORT1: Herr Roth, wir sitzen hier am Olympiastadion – Ihrem „Wohnzimmer“. Leider nicht drinnen, da es derzeit saniert wird. Welche Erinnerungen kommen Ihnen sofort in den Sinn?

Franz Roth: 1972 war mein erstes Spiel im Olympiastadion – das war sensationell. Vorher spielten wir im kleinen Grünwalder Stadion, vielleicht 30.000 Zuschauer. Plötzlich waren es hier 85.000. Architektonisch ist das Stadion schön, aber durch die Leichtathletikbahn sind die Zuschauer weit weg. Im Grünwalder oder heute in der Allianz Arena ist das viel näher.

SPORT1: Haben Sie den Lärm der Europapokal-Nächte noch im Kopf?

Roth: Ja, das bleibt immer. Europapokalspiele sind die Krönung. Die Atmosphäre vergisst du nie.

SPORT1: Welches Spiel bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?

Roth: Das erste Europapokal-Finale 1967 in Nürnberg. Ich kam vom Amateurverein, war erst ein Jahr bei Bayern – und wir gewinnen den Europapokal. Ich schieße das goldene Tor in der Verlängerung. Besser konnte ich es mir nicht vorstellen.

„Genau das, was heute mit ‚Mia san mia‘ gemeint ist“

SPORT1: Sie haben in drei Europapokal-Finals das 1:0 erzielt – ein Rekord. Wie kam es dazu?

Roth: Ich war defensiver Mittelfeldspieler, musste vor allem die Spielmacher ausschalten – Overath, Cruyff, Netzer. Dass ich dann auch Tore schoss, war ein Bonus. Es war Instinkt, aber ich wollte immer nach vorne gehen, wenn sich die Chance bot.

SPORT1: War Ihre Mannschaft eigentlich der Ursprung des heutigen „Mia san mia“?

Roth: Ich glaube schon, dass unsere Generation diesen Geist stark geprägt hat. Wir waren eine Mannschaft, die zusammengewachsen ist – mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller und Katsche Schwarzenbeck. Wir hatten Selbstvertrauen, aber auch großen Zusammenhalt. Wenn wir auf den Platz gegangen sind, wussten wir: Wir können jeden schlagen. Dieses Selbstverständnis – dieses „Wir sind der FC Bayern“ – das ist im Grunde genau das, was heute mit „Mia san mia“ gemeint ist.

SPORT1: Ist da Ihr Spitzname „Bulle“ entstanden?

Roth: Genau. Trainer Zlatko Cajkovski beschrieb mich als kräftig wie ein „Muh“. Sepp Maier sagte: „Bei uns heißt das Bulle.“ Zuhause war der Name tabu – da war ich immer der Franz.

SPORT1: Wer war damals auf dem Platz der Anführer?

Roth: Franz Beckenbauer war der verlängerte Arm des Trainers, vorne war ich defensiv aktiv und sicherte mit Schwarzenbeck ab.

„Solche Menschen prägen dich fürs Leben“

SPORT1: Wie sehr fehlen Ihnen Franz Beckenbauer und Gerd Müller?

Roth: Franz fehlt mir sehr. Wir waren nicht nur auf dem Platz ein gutes Team, sondern auch privat eng befreundet. Wir haben viel zusammen unternommen, oft zusammen gelacht - solche Freundschaften bleiben ein Leben lang. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, dann fehlt er einfach. Gerd Müller vermisse ich ebenfalls sehr. Zehn Jahre gemeinsam beim FC Bayern - das verbindet. Wir haben so viel zusammen erlebt und gewonnen. Solche Menschen prägen dich fürs Leben.

SPORT1: Welche Trainer haben Sie am meisten geprägt?

Roth: Zlatko Cajkovski hat mir das Vertrauen gegeben. Branko Zebec war der härteste Coach, gnadenlos im Training. Udo Lattek war eher wie ein Kumpel, Dettmar Cramer sorgte fürs Spielerwohl. Jeder Trainer hat mich auf seine Weise geformt.

SPORT1: Gibt es eine Trainer-Anekdote aus Ihrer Zeit beim FC Bayern?

Roth: Wir hatten einmal ein Testspiel in Kulmbach. Danach sind wir ausgebüxt und in eine Bar gegangen. Wir hatten sogar einen Bewacher draußen postiert – einen ganz jungen Spieler. Plötzlich rief er: „Der Trainer kommt!“ Wir legten uns sofort hinter den Tresen auf den Boden. Udo Lattek kam rein, schaute sich um und sagte nur: „Ich zähle bis 1000 – dann will ich keinen mehr sehen.“ Das war sensationell.

Wie Roth von der Massagebank verjagt wurde

SPORT1: Was muss ein Trainer beim FC Bayern heute können, was früher nicht nötig war?

Roth: Heute ist alles viel größer. Wir hatten einen Trainer und einen Masseur. Heute sind sechs oder sieben Trainer auf dem Platz – für Ecken, Freistöße, Einwürfe. Dazu gibt es noch eine nette Anekdote.

SPORT1: Nur zu …

Roth: Ich war ein junger Spieler und wollte auch mal massiert werden. Ich fragte den Masseur, ob das geht. Ich bin zu ihm hoch, legte mich auf die Pritsche und wurde massiert. Plötzlich kam Werner Olk rein und sagte nur: „20 Jahre und Massage! Runter von der Pritsche!“ Ich musste mit nur einem massierten Bein wieder gehen. Das wäre heute unvorstellbar.

SPORT1: Viele halten Sie bis heute für einen der komplettesten Defensivspieler Ihrer Zeit. Wie würden Sie Ihre Spielweise beschreiben?

Roth: Wichtig sind Grundschnelligkeit und Mut in Zweikämpfen. Beides hatte ich. Wenn du auswärts spielst, darfst du dich nicht zurückziehen. Wir haben immer gesagt: „Uns zieht keiner die Lederhosen aus“ – wir haben dagegengehalten.

Stabile Bayern-Defensive dank Kompany

SPORT1: Wie gefällt Ihnen die aktuelle Bayern-Abwehr – besonders Dayot Upamecano und Jonathan Tah?

Roth: Dayot Upamecano hat sich unter Vincent Kompany stark entwickelt. Anfangs war er manchmal für ein, zwei gefährliche Aktionen des Gegners verantwortlich – da war Upamecano fast wie ein „Bruder Leichtfuß“. Aber die Fehler hat er abgestellt, er ist inzwischen ein überragender Innenverteidiger. Ich kann nachvollziehen, dass man ihn unbedingt behalten wollte und dafür tief in die Tasche gegriffen hat. In dieser Klasse bekommst du keinen Ersatz mehr unter 50 Millionen. Die Bayern wissen, was sie an Upamecano haben. Jonathan Tah ist extrem stabil, verliert fast keinen Zweikampf, deckt gut ab. Insgesamt hat Bayern vier erstklassige Innenverteidiger. Die Mannschaft ist top geführt, Kompany macht einen hervorragenden Job.

SPORT1: Ist Max Eberl der neue, junge Uli Hoeneß?

Roth: Einen Uli Hoeneß gibt es nur einmal. Uli ist der FC Bayern und der FC Bayern ist Uli. Als er damals kam, war der Verein fast pleite. Er hat wirklich den größten Anteil daran, dass Bayern so groß geworden ist. Max Eberl ist ein sehr erfahrener Manager, der den Fußball kennt und auch weiß, wie dieser Verein funktioniert. Er macht einen wahnsinnig guten Job, arbeitet ruhig und strukturiert. Der Erfolg gibt ihm im Moment absolut recht. Max hat sich freigeschwommen.

SPORT1: Welche Rolle spielt Uli Hoeneß heute noch?

Roth: Es gibt einen sehr guten Austausch in der Chefetage. Uli nimmt sich etwas zurück, ist ruhiger geworden, aber immer noch wichtig. Er hilft immer, ist menschlich großzügig. Wir sind gute Freunde.

FC Bayern? „Für mich ist dieser Verein Familie“

SPORT1: Wer war eigentlich damals der größte Spaßvogel, der Thomas Müller Ihrer Zeit?

Roth: Der Sepp (Maier, d. Red.), mit Abstand. Er hat immer einen Spruch auf den Lippen gehabt, sodass wir wieder lachen konnten.

SPORT1: Was war das für eine Geschichte mit dem Erdbeerkuchen?

Roth: (lacht) Ich war immer schon ein Süßer und Frühaufsteher. Am Spieltag frühstückte ich um acht, aber bis zum Anpfiff um 15:30 Uhr war mir das zu lang. Also ging ich in die Küche und holte mir ein Stück Erdbeerkuchen – einfach, um nicht unterzuckert zu sein. Ich sagte zu Herrn Robert Schwan, unserem damaligen Manager: „Sonst kann ich keine Leistung bringen.“ Er sagte nur: „Iss weiter!“

SPORT1: 2025 haben Sie den Bayerischen Verdienstorden erhalten – wie stolz waren Sie?

Roth: Unglaublich stolz. Es ehrt mich und meine zwölf Jahre beim FC Bayern.

SPORT1: Was bedeutet Bayern München für Sie heute?

Roth: Alles. Der FC Bayern hat mir alles gegeben - Titel, Freundschaften, ein Leben im Fußball. Für mich ist dieser Verein Familie - und wird immer ein besonderer Teil meines Herzens bleiben.