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Wurde Bayern wirklich benachteiligt? Hoeneß' Schiri-Wut auf dem Prüfstand

Wurde Bayern wirklich benachteiligt?

Der FC Bayern hadert mit Entscheidungen von Schiedsrichter Christian Dingert. Zahlreiche Aufreger-Szenen in Leverkusen sorgen für reichlich Zündstoff, Uli Hoeneß poltert. Ist der Ärger berechtigt?
Christian Dingert stellt Bayern-Star Luis Díaz mit Gelb-Rot nach einer Schwalbe vom Platz. Im Nachgang würde er seine Entscheidung am liebsten allerdings revidieren.
Der FC Bayern hadert mit Entscheidungen von Schiedsrichter Christian Dingert. Zahlreiche Aufreger-Szenen in Leverkusen sorgen für reichlich Zündstoff, Uli Hoeneß poltert. Ist der Ärger berechtigt?

Nach dem vogelwilden 1:1 gegen Bayer Leverkusen übte der FC Bayern heftige Kritik an Schiedsrichter Christian Dingert. Trainer Vincent Kompany wählte ungewohnt deutliche Worte, Ehrenpräsident Uli Hoeneß tobte.

Der Bayern-Patron spricht gar von der „schlechtesten Leistung eines Schiedsrichter-Teams“, die er je bei einem Bundesligaspiel erlebt habe. Aber lag Dingert wirklich so daneben? SPORT1 fasst alle strittigen Szenen und Reaktionen zusammen.

FC Bayern: Tah-Tor gegen Ex-Verein zählt nicht

Aberkanntes Tor, Jonathan Tah (26.): Nach einem Freistoß von Joshua Kimmich verlängert Leverkusens Ernest Poku unfreiwillig per Kopf. Der Ball springt an den angelegten rechten Arm von Tah und dann von dessen Fuß ins rechte Eck. Nach VAR-Eingriff wird der Treffer einkassiert.

„Er (der Ball, Anm. d. Red.) trifft mich auf jeden Fall am Ellenbogen", gab Tah bei Sky im Nachhinein offen zu: „Es war mir nicht ganz klar, ob der Ellenbogen vor meinem Körper ist oder nicht. Aber am Ende sieht es so aus, als wenn es Hand war. Darf nicht zählen.“

Kompany hingegen hinterfragte zwar nicht die Entscheidung, aber die Handregel an sich. Der Belgier verdeutlichte bei DAZN, dass „jeder, der Fußball gespielt hat, weiß: Wenn mein Arm so steht – was soll ich dann machen? Es ist ein bisschen schade, dass diese Tore nicht zählen. Ich weiß nicht, was Tah da machen soll. Es ist keine Absicht und sein Arm ist am Körper. Er kann seinen Arm gar nicht bewegen."

Bei dieser Szene gibt es nichts zu diskutieren

Rote Karte, Nicolas Jackson (42.): Der Senegalese kommt bei einem Zweikampf im Mittelfeld zu spät und erwischt Leverkusens Martin Terrier mit offener Sohle am Knöchel. Dingert zeigt zunächst Gelb. Nach VAR-Eingriff ändert der Unparteiische seine Entscheidung und stellt Jackson vom Feld.

„Berechtigt die Rote Karte – da müssen wir nicht drum herumreden", sagte Sportvorstand Max Eberl. Dabei habe Jackson noch gegen Gladbach (4:1) und Bergamo (6:1) getroffen - „und drei Tage später bist du der Depp“. Kompany pflichtete Eberl bei: „Das war Rot, keine Diskussion.“ Auch Ex-Schiri Manuel Gräfe befand: „Glasklare Rote Karte.“

Kane-Treffer einkassiert - Kompany tobt

Aberkanntes Tor, Harry Kane (61.): Wenige Sekunden nach seiner Einwechslung wird Kane von Janis Blaswich angeschossen und am angelegten Ellbogen getroffen. Der Ball landet in der Folge bei Luis Díaz, der wiederum für Kane auflegt, ehe der Engländer einnetzt. Doch wieder schaltet sich der VAR ein und Dingert nimmt auch diesen Treffer zurück. Kane ist fassungslos, Kompany tobt an der Seitenlinie.

„Das ist kein Handspiel. Der Arm ist nicht irgendwie extrem weit weg vom Körper. Und deswegen ist es kein Handspiel für mich“, meinte Tah. Ähnlich sah es Kompany: „Das ist für mich ganz deutlich Tor! Was soll er machen? Soll er seinen Arm über seinen Kopf machen? Das geht einfach nicht.“ Auf den Bildern sähe es zwar so aus, als würde der Arm zum Ball gehen: „Aber das ist nicht so passiert!“

Dingert verwies auf die Hintertor-Einstellung, die er am Monitor am Spielfeldrand eingespielt bekam und erklärte: „Es gab eine leichte Bewegung, aber doch eine evidente. Weil Bayern dadurch in Ballbesitz kam, war es für uns strafbar.“

Diese Szene macht den FC Bayern fassungslos

Gelb-Rote Karte, Luis Díaz (84.): Die Aufregerszene des Spiels. Díaz legt den Ball an Blaswich vorbei, hebt ab, wird in der Luft leicht vom Bayer-Keeper berührt, geht zu Boden und steht unmittelbar danach wieder auf. Dingert bewertet die Aktion als Schwalbe und stellt den Kolumbianer vom Feld - Fassungslosigkeit aufseiten der Bayern.

„Das ist im Leben keine Schwalbe“, ärgerte sich Kapitän Joshua Kimmich. Kompany wählte deutliche Worte: „Am Schlimmsten ist die Szene bei Lucho Díaz! Wieso er die Gelb-Rote Karte bekommt, das weiß keiner im Stadion heute. Das ist Wahnsinn.“

Was Díaz angeht, gestand Dingert einen Fehler ein. „Der Spieler hebt ab. Den anschließenden Kontakt mit dem Torwart habe ich aus dem Spiel heraus nicht gesehen“, so der Unparteiische: „Wenn ich mir die Bilder anschaue, ist die Gelb-Rote Karte sehr hart. Ich würde sie mit den Bildern jetzt nicht mehr geben.“

Mit dem VAR habe es zwar einen Austausch gegeben, dieser darf bei Gelb-Roten Karten aber nun mal nicht eingreifen. Diese Regel ändert sich, jedoch erst im Sommer.

Auch wenn die Bayern in puncto Díaz durch Dingerts Aussagen guten Grund haben, sich zu beschweren - auch hier gehen die Meinungen auseinander.

Sky-Experte Dietmar Hamann befand, dass Dingert die Szene in seiner ursprünglichen Entscheidung „sehr gut eingeschätzt“ habe. Díaz habe beim Fallen schon gemerkt, dass es „nicht funktionieren“ wird. Und nur weil er schnell wieder aufgestanden sei, ändere das an der Schwalbe nichts.

Auch Gräfe betonte, Díaz habe versucht, den Referee zu täuschen - und sei ohnehin schon überfällig gewesen, was einen Platzverweis anging, nachdem er in der 74. Minute Leverkusens Aleix Garcia mit hohem Bein am Kopf traf (Dingert zeigte nur Gelb). „Wenn man auf zwei Metern Höhe den Ball mit dem Fuß spielen will und dann den Gegner frontal mit den Stollen am Kopf trifft, dann ist das eigentlich eine Rote Karte. Viel Glück für Díaz, dass er nicht hier schon runterflog“, fand Gräfe.

Auch hier hatte der FC Bayern Glück

Aberkanntes Tor, Jonas Hofmann (90.+3): Tief in der Nachspielzeit erzielt Hofmann den vermeintlichen Siegtreffer. Doch diesmal haben die Bayern Glück: Hofmann steht in der Entstehung denkbar knapp im Abseits. Also kassiert der VAR auch dieses Tor wieder ein.

Zum Unverständnis von Hamann, der anschließend einmal mehr Generalkritik am VAR übte. „Das ist Humbug! Wir haben wenig bis nichts gewonnen und alles verloren. Das war symptomatisch, für das, was der Videobeweis mit dem Fußball in den letzten sieben oder acht Jahren gemacht hat“, zeterte der ehemalige Nationalspieler.

Als Dingert gefragt wurde, wie das Spiel ohne den VAR ausgegangen sei, erwiderte er: „Da erwischen Sie mich jetzt auf dem falschen Fuß, da müsste ich erstmal zählen. Da wären einige Tore auch eng.“

DAZN-Experte Michael Ballack fasste es so zusammen: „Viele kontroverse Entscheidungen, schwierige Entscheidungen für den Schiedsrichter. Schlussendlich ist das ganze Schiedsrichtergespann gut durch das Spiel gekommen. Wobei man die Bayern auch hier und da verstehen kann. Gerade bei der zweiten Gelb-Roten Karte kann man anderer Meinung sein.“

Und die Abendzeitung zitierte den DFB-Schiedsrichter-Sprecher Alex Feuerherdt in seiner Antwort auf die heftige Hoeneß-Kritik wie folgt: „Vielleicht hat es seine Meinung beeinflusst, dass die Mehrheit dieser spielrelevanten Entscheidungen gegen den FC Bayern getroffen wurde. Aber wir sprechen hier keineswegs von skandalträchtigen Fehlern.“