Sicher hat Thomas Kessler in seiner Funktion als Sportchef bislang nicht alles richtig entschieden. Fehlenden Mut kann man dem ehemaligen Bundesliga-Torwart (46 Spiele für St. Pauli und Köln) aber keinesfalls unterstellen.
1. FC Köln: Die Sorgen waren größer als der Glaube
Die Sorgen waren größer als der Glaube
In der heißen Phase jetzt, in der Kesslers Verein den Abstiegsrängen so nah ist wie nie in diesem Jahr, macht er beim Traditionsriesen den Assistenten zum neuen Chef. Und eröffnet sich dem Trainer und allen Fans damit die Möglichkeit, die kräftezehrende Saison noch mit Wagner-Festspielen zu beenden! Viva Colonia!
Alles gut und Aufbruchsstimmung also in Köln? Zumindest, und das hat Kessler gut getaktet, an den 14 Tagen ohne offiziellen Wettbewerb, die beim FC jetzt laufen. Die letzte Länderspielpause der Saison bietet gerade die doppelte Möglichkeit, noch einmal neu zu justieren. Dies gilt sowohl im Sportlichen – also zwischen (neuem) Cheftrainer und Mannschaft – als auch im Umfeld, das in Köln so wichtig ist. Die Stimmung! Geht es dem FC nicht gut, und das war der Fall zuletzt über Monate, dann leidet die ganze Stadt.
Das Kwasniok-Maß ist voll
Mit dem Wechsel von Lukas Kwasniok auf Trainer-Nobody René Wagner hat Kessler viel Mist in der Saison-Toilette runtergespült. Da hatte sich, das war sichtbar, einiges angesammelt. Sportlich fehlten die Ergebnisse, und Kwasniok lieferte immer wieder Vorlagen – in seinem Verhalten oder auf Pressekonferenzen –, die er dann nicht verwandeln konnte. Rund um ihren geliebten FC waren wirklich viele genervt.
Letzten Sonntag, nach dem leidenschaftlichen 3:3 gegen Mönchengladbach, entschied Kessler: das Kwasniok-Maß ist voll. Dabei war vieles von dem, was sich der neue Vorstand vor etwa neun Monaten von seinem Wunschtrainer versprochen hatte, tatsächlich eingetreten.
Kwasniok könne „Mannschaften entwickeln, attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen lassen und junge Spieler an höhere Aufgaben heranführen“, gab Kessler im letzten Juni zu Papier. „Wir sind überzeugt, dass wir mit ihm den richtigen Trainer gefunden haben, um den FC in der Bundesliga weiterzuentwickeln und nachhaltig zu stabilisieren.“
Nicht einmal stand Aufsteiger Köln unter Kwasniok auf einem Abstiegsrang, keine einzige Klatsche gab es unter ihm. Aber in der Tabelle ging es dennoch bergab. So weit, dass Kesslers Sorgen, doch wieder abzusteigen, größer wurden als der Glaube daran, oder eben das Vertrauen in Kwasniok, die engen Spiele bald wieder in knappe Siege zu drehen.
In Wagner stecken die Hoffnungen einer ganzen Stadt
In René Wagner stecken jetzt die Hoffnungen, im Grunde einer ganzen Stadt. Das ist eine große Bürde, eine riesige Verantwortung. Doch seine ruhige Art wird ihm helfen, den Druck nicht an sich heranzulassen.
Wagner hat einen spannenden Weg hinter sich, von Hawaii über Florida bis nach Paderborn, von Steffen Baumgart zu Lukas Kwasniok. Immer extrem wissbegierig, immer total loyal. Und vor allem immer selbstbestimmt.
Wagner hat seine nächsten Schritte jeweils bewusst gewählt, auch im letzten Sommer, als er sich von sich aus bei Kessler meldete, um sich für einen Platz im Trainer-Team zu bewerben.
Was in dieser Woche schon gut zu sehen ist: Wagner beruhigt die Lage in Köln, am emotionalen Geißbockheim, total. Mit ihm fährt vieles noch einmal herunter, um dann – das ist die Hoffnung – für sieben Spiele richtig durchzustarten. Die Wagner-Festspiele?
Dieses Saisonfinale ist seine riesige Chance. Eben auch, im Sommer Cheftrainer zu bleiben. Und die Situation, das kommt den Kölnern zugute, könnte deutlich aussichtsloser sein.
Wolfsburg auf Platz 17 ist schon fünf Punkte weg. Im Grunde geht es vor allem darum, nicht in die Relegation zu müssen, also nicht noch weiter abzurutschen. Klar: Bei einem Abstieg hätte nicht nur Wagner, sondern mehr noch Kessler ein Thema.
Das Motto scheint klar: Verlieren verboten – sonst ist Feierabend.