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Exklusiv: So denkt Nico Elvedi über den Wechsel von Rocco Reitz

„Für Rocco war es eine Erleichterung“

Nico Elvedi und Borussia Mönchengladbach fiebern dem Rheinderby beim 1. FC Köln entgegen. Im SPORT1-Interview spricht der Schweizer über den Abstiegskampf in der Bundesliga, Trainer Eugen Polanski und den Wechsel von Rocco Reitz.
Rocco Reitz wechselt zu Saisonende von Borussia Mönchengladbach zu RB Leipzig. Im Interview äußert sich Abwehrspieler Nico Elvedi zum Transfer des aktuellen Gladbach-Kapitäns.
Nico Elvedi und Borussia Mönchengladbach fiebern dem Rheinderby beim 1. FC Köln entgegen. Im SPORT1-Interview spricht der Schweizer über den Abstiegskampf in der Bundesliga, Trainer Eugen Polanski und den Wechsel von Rocco Reitz.

Die Spannung ist im Rheinland wieder einmal greifbar. Wenn Borussia Mönchengladbach am Samstag beim 1. FC Köln gastiert, geht es um weit mehr als nur drei Punkte: um Emotionen, um eine jahrzehntelange Rivalität, um die besondere Wucht dieses Traditionsduells und in dieser Saison für beide Klubs auch um richtungsweisende Punkte im Abstiegskampf.

Einer, der mittendrin stehen wird, ist Gladbachs Verteidiger Nico Elvedi. SPORT1 hat den 29 Jahre alten Schweizer in den Tagen vor dem Duell getroffen und sich mit ihm über die Bedeutung des Derbys, die noch immer angespannte sportliche Lage, Trainer Eugen Polanski sowie die Personalien Rocco Reitz und Tim Kleindienst ausgetauscht.

SPORT1: Nico Elvedi, das Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln gilt als eines der emotionalsten Spiele der Bundesliga. Spürt man diese Atmosphäre schon Tage vorher?

Nico Elvedi: Das spürt man ganz klar. Spätestens beim letzten Heimspiel wurde einem noch einmal bewusst, wie sehr die Fans mitfiebern und welche Bedeutung dieses Spiel für sie hat. Sie haben das Derby minutenlang besungen und uns früh darauf eingestimmt. Auch unter der Woche wächst die Vorfreude. Es sind immer besondere Partien, extrem emotional und mit einer völlig eigenen Intensität.

Derby-Siegtorschütze? „Sowas bleibt natürlich hängen“

SPORT1: Sie sind mittlerweile ein echter Rheinderby-Experte und werden am Wochenende zum 16. Mal gegen den „Effzeh“ auf dem Platz stehen. Welcher Moment aus Ihren bisherigen Duellen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Elvedi: Das Spiel, das wir 1:0 gewonnen haben (im August 2017; Anm. d. Red.) und in dem ich das entscheidende Tor erzielt habe. Das war ein wirklich spezieller Moment. Da habe ich am deutlichsten gespürt, welche Bedeutung dieses Derby für den gesamten Verein hat. Nach dem Spiel kamen unzählige Nachrichten auf mein Handy. Unzählige Dankesbotschaften, oft mit Aussagen wie: „Du bist der Beste.“ Sowas bleibt natürlich hängen (lacht).

SPORT1: Nun kämpfen beide Klubs in dieser Saison gegen den Abstieg. Verändert das die Bedeutung dieses Duells?

Elvedi: Ja, auf jeden Fall. Es geht um die Derby-Ehre, aber auch um extrem wichtige Punkte, die uns helfen sollen, mehr Abstand nach unten zu gewinnen. Das Spiel gewinnt damit eine noch größere Bedeutung. Die drei Punkte am vergangenen Wochenende gegen St. Pauli zu holen, hat uns sehr gutgetan – ein bisschen Luft nach unten zu haben und auch Selbstvertrauen zu tanken, war sehr wichtig.

SPORT1: Nach einer stabilen Vorsaison ist Gladbach in dieser Spielzeit wieder abgerutscht. Gab es eine Situation, in der Sie zum ersten Mal dachten: Das kann hier wirklich gefährlich werden?

Elvedi: Die gab es schon. Wenn man sieht, dass man Spiele verliert und die Konkurrenz gleichzeitig punktet, wird die Tabelle immer enger. Da denkt man intensiver nach, der Druck steigt zwangsläufig. Aber jetzt ist neue Energie in der Mannschaft.

Schwankungen ziehen sich durch Gladbachs Saison

SPORT1: Die Saison verläuft für die Gladbacher Fans dennoch nicht leicht. Wenn Sie sich in ihre Lage versetzen: Worüber würden Sie sich aktuell wohl am meisten ärgern?

Elvedi:  Schwer zu sagen, vermutlich über die fehlende Konstanz. Wir haben immer wieder Spiele dabei, in denen wir zeigen, was in uns steckt, und lassen dann kurz darauf wieder nach. Diese Schwankungen ziehen sich durch und sorgen für eine gewisse Unberechenbarkeit. Ich kann mir vorstellen, dass genau diese Achterbahnfahrt für die Fans frustrierend und manchmal kaum nachzuvollziehen ist. Es gab einige schwierige Phasen, andererseits sind wir überzeugt, dass wir da gemeinsam herauskommen und in den verbleibenden Spielen die nötigen Punkte holen, um mit dem Abstieg nichts mehr zu tun zu haben.

SPORT1: Zuletzt hat sich die Mannschaft leicht stabilisiert. Neben dem Erfolg gegen St. Pauli feierte Gladbach Ende Februar einen weiteren Heimsieg gegen Union Berlin.

Elvedi: Man hat gemerkt, wie groß die Last vor diesen Spielen war, gerade weil die Tabelle im unteren Bereich so eng ist und es gegen direkte Konkurrenten ging. Deshalb war es verdammt wichtig, diese Partien für uns zu entscheiden. Gegen St. Pauli war es spielerisch sicher nicht unser bester Auftritt, aber in so einer Phase zählen am Ende die Punkte. Wir haben viele erfahrene Spieler in der Mannschaft, die solche Situationen richtig einschätzen können. Diese Siege geben uns Selbstvertrauen, darauf können und müssen wir jetzt aufbauen.

SPORT1: Gerade defensiv wirkte das Team stabil und blieb in beiden Spielen ohne Gegentor. Kann diese Abwehr – mit Ihnen im Zentrum und Kevin Diks sowie Philipp Sander an Ihrer Seite – im Abstiegskampf zum entscheidenden Trumpf werden?

Elvedi: Es macht mir großen Spaß mit Kevin und Philipp. Aber entscheidend ist immer das Zusammenspiel der gesamten Mannschaft – Verteidigen beginnt vorne, das funktioniert aktuell gut. Mir kommt auch die Rolle in der Mitte entgegen. Wir verschieben viel, sodass ich situativ auch auf die rechte Seite rücke. Ich habe lange links in der Innenverteidigung gespielt, was mich etwas eingeschränkt hat, offensivere Akzente zu setzen. In dieser Saison habe ich mehr Freiheiten, mehr Ballkontakte und damit auch mehr Einfluss aufs Spiel. Das ist etwas, das mir sehr entgegenkommt.

Das sagt Elvedi zum bevorstehenden Transfer von Reitz

SPORT1: Zu Jahresbeginn, als es sieben Partien ohne Sieg gab, wurde auch die Kritik an Trainer Eugen Polanski lauter. Was zeichnet ihn aus und hat er sich in dieser Phase verändert?

Elvedi: Verändert hat er sich aus meiner Sicht nicht. Im Fußball gehört es leider dazu, dass in schwierigen Situationen schnell über den Trainer diskutiert wird. Aber ich finde, Eugen hat das sehr gut moderiert. Er ist menschlich auf einem extrem hohen Niveau, nah an der Mannschaft, und gerade in dieser Phase hat er viel das Gespräch gesucht. Das hat uns geholfen. Ich bin der Meinung, dass wir gemeinsam aus dieser Situation herauskommen und die Saison noch in eine positive Richtung drehen können.

SPORT1: Für große Diskussionen sorgt derzeit der angekündigte Wechsel von Kapitän Rocco Reitz nach Leipzig. Wie haben Sie ihn in den vergangenen Tagen erlebt?

Elvedi: Eigentlich unverändert. Er ist derselbe geblieben, professionell wie immer. Für mich persönlich ist es schade, weil wir ein sehr gutes Verhältnis hatten. Es geht mir dabei vor allem um den Menschen – solche Verbindungen sind im Fußball nicht selbstverständlich. Gleichzeitig ist es für ihn ein wichtiger Schritt in seiner Karriere, und den muss man respektieren. Ich wünsche ihm nur das Beste.

SPORT1: Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Schritt – auch mit Blick auf den Verein?

Elvedi: Ich denke schon. Am Ende profitieren beide Seiten davon. Es ist ja kein Wechsel ohne Gegenwert, sondern einer, der dem Verein finanzielle Möglichkeiten eröffnet.

SPORT1: Sie selbst haben die Mannschaft beim Spiel gegen St. Pauli als Kapitän aufs Feld geführt, weil Reitz gesperrt war. Viele Fans fordern nun, dass Sie die Binde behalten. 

Elvedi: Vor der Saison haben wir eine klare Hierarchie festgelegt. Tim ist erster Kapitän, danach kommt Rocco, dann ich. Daran wird sich auch nichts ändern. Für mich ist es immer eine Ehre, die Binde zu tragen, das macht mich stolz. Aber es gibt eine Ordnung und die wird auch bis zum Ende der Saison bestehen bleiben.

Reitz? „Wird bis zum letzten Spieltag alles für Gladbach reinwerfen“

SPORT1: Der Wechsel von Reitz wurde ausgerechnet zu Beginn der Derby-Woche öffentlich. Ein unglücklicher Zeitpunkt? 

Elvedi: Ich finde nicht, dass der Zeitpunkt eine große Rolle spielt. Für Rocco war es eher eine Erleichterung, dass die Situation endlich geklärt ist und er sich nicht mehr permanent mit Fragen dazu beschäftigen muss. Ich bin überzeugt, dass er – im Derby wie auch in den Wochen zuvor – voll fokussiert sein wird. Er wird weiterhin Vollgas geben und bis zum letzten Spieltag alles für Gladbach reinwerfen. Dass es von außen unterschiedliche Reaktionen gibt, gehört zum Geschäft. Innerhalb der Mannschaft sehe ich da überhaupt kein Problem.

SPORT1: Ein Spieler, der aktuell verletzt fehlt, ist Tim Kleindienst. Eine extrem bittere Phase für ihn. Welche Rolle spielt er dennoch für das Team, auch wenn er nicht auf dem Platz steht?

Elvedi: Tim ist trotz seiner Verletzung sehr präsent. Gerade bei Heimspielen ist er da, unterstützt uns, gibt Energie von außen. Das hilft uns als Mannschaft. Für ihn persönlich ist das natürlich eine sehr schwierige Zeit, vor allem, weil sich die Verletzung schon lange hinzieht und auch mental belastet. Umso wichtiger ist es, dass er nah dran bleibt. Wir hoffen alle, dass er bald zurückkommt und uns im Saisonendspurt noch einmal helfen kann.

SPORT1: Sie selbst spielen seit 2015 in Gladbach und sind gemeinsam mit Tobias Sippel der dienstälteste Spieler im Kader. Welches Wort beschreibt Borussia Mönchengladbach für Sie am besten?

Elvedi: Familie. Ich bin hier als sehr junger Spieler angekommen und habe viele Menschen kennengelernt, die mich geprägt und unterstützt haben. In all den Jahren ist eine enge Verbindung entstanden – innerhalb des Vereins, aber auch zu den Fans. Ich bin hier gewachsen, sportlich wie persönlich. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.

Elvedi: „Zuversichtlich, dass wir die richtige Richtung einschlagen“

SPORT1: Gibt es dennoch einen Punkt, an dem man über einen Wechsel nachdenkt?

Elvedi: Ehrlich gesagt beschäftige ich mich damit nicht. Im Moment gibt es wichtigere Themen, vor allem unsere sportliche Situation. Der Fokus liegt darauf, dass wir uns aus dieser Lage befreien. Alles, was darüber hinausgeht, ist Zukunftsmusik.

SPORT1: In der Tabelle ist nach wie vor viel möglich. Was macht Sie optimistisch, dass Gladbach am Ende über dem Strich steht?

Elvedi: Wir haben die Qualität im Kader, um da unten herauszukommen, davon bin ich überzeugt. In den vergangenen Spielen war schon ein leichter Aufwärtstrend zu erkennen. Entscheidend wird jetzt sein, dass wir diese Entwicklung bestätigen und stabilisieren. Sollte uns im Derby ein Erfolg gelingen, kann das noch einmal zusätzliche Energie freisetzen. Dann bin ich zuversichtlich, dass wir endgültig die richtige Richtung einschlagen.