Dass ein Spieler in der Bundesliga fünf Tore in einer Partie erzielt, kommt natürlich nur selten vor. Zuletzt vor über zehn Jahren, da schaffte das Robert Lewandowski sogar als Joker (beim 5:1 der Bayern gegen Wolfsburg).
Vor 40 Jahren: Jürgen Klinsmanns Fünferpack für die Geschichtsbücher
Die Klinsmann-Show für die Ewigkeit
15 anderen Profis war das Kunststück seit Bundesligagründung 1963 zuvor geglückt und einer – Dieter Müller – schoss sogar sechs Tore. In der Regel glückte ihnen das in Heimspielen ihrer Vereine. Doch keine Regel ohne Ausnahme!
Einer schwamm schon in jungen Jahren gegen den Strom – der spätere Bundestrainer Jürgen Klinsmann, als eigenwillig bekannt, traf heute vor 40 Jahren fünfmal auf des Gegners Platz. Das war und ist einmalig.
Auf den ersten Blick war es ein normaler Spieltag
Der 27. Spieltag der Saison 1985/86 war auf den ersten Blick endlich mal wieder ein ganz normaler. Ein harter Winter lag hinter Deutschland und der Bundesliga, einen Spieltag ohne Ausfälle kannte man schon gar nicht mehr. Doch Mitte März wurde auf allen neun Plätzen angepfiffen.
Ungemütlich war es in weiten Teilen des Landes aber immer noch, die Plätze waren eher braun als grün und volle Ränge gab es fast nirgends. Auch nicht im Düsseldorfer Rheinstadion, wo die Fortuna den VfB Stuttgart empfing. Obwohl die Rheinländer in der Vorwoche sensationell bei Meister Bayern 3:2 gewannen und aus fünf Spielen vier Siege geholt hatten, löste das keine Euphorie aus. Man blieb ja ein Abstiegskandidat (14. Platz in der reichlich schiefen Tabelle), der den Sechsten VfB Stuttgart empfing.
Die Schwaben hatten gerade den Trainer gewechselt und unter Ex-Spieler Willi Entenmann das erste Spiel gewonnen. Die Punktausbeute von 26:24 (damals gab es noch Minuspunkte) war knapp positiv, zart keimte die Hoffnung auf einen UEFA-Cup-Platz. Das Hinspiel (5:0) machte Mut, die Bilanz im Rheinstadion (erst ein Sieg) und Fortunas Form Angst. Entenmann sagte: „Vor einem Vierteljahr wäre uns die Reise angenehmer gewesen. Zurzeit wächst die Fortuna doch über sich hinaus.“
Klinsmann-Show: Ein Beweis für die Unberechenbarkeit des Fußballs
Doch das Spiel, für das nur 12.000 Menschen eine Eintrittskarte erwarben, war nur ein weiterer Beweis für die Unberechenbarkeit des Fußballs und die zuweilen toxische Wirkung eines Sieges gegen die Bayern auf ihre Bezwinger.
Kicker-Reporter Wolfgang Niersbach, später DFB-Präsident, begann seinen Bericht so: „Heute so, morgen so, und die Zukunft steht wieder in den Sternen. Fortuna, die Mannschaft mit den zwei Gesichtern, die launische Diva vom Rhein, das Schreckgespenst aller Toto-Tipper …“
An diesem Tag kam die Diva unter die Räder wie nie zuvor in einem Heimspiel. Endstand 0:7! Hauptverantwortlich dafür war ein 21-jähriger Blondschopf, der seine zweite Bundesligasaison bestritt und vom Nachbarn Kickers Stuttgart zum Meister von 1984 gewechselt war. Man kannte ihn schon, schoss er doch auf Anhieb 15 Tore. In der zweiten Saison stand sein Konto vor dieser historischen Partie erst bei sieben, auch an ihm war die VfB-Krise nicht spurlos vorbeigegangen.
Der Befreiungsschlag von Düsseldorf, der den VfB noch in den UEFA-Cup und ins Pokalfinale führen sollte, wurde auch sein persönlicher. Nachdem Kollege Michael Spies den Torreigen eröffnet hatte, schoss Klinsmann sagenhafte fünf Tore in Folge, davon vier nach der Pause.
„Ging ganz locker“: Klinsmann trifft in 42 Minuten fünfmal
Die Klinsi-Show dauerte 42 Minuten (von der 36. bis zur 78. Minute) und enthielt einen lupenreinen Hattrick. Zwei Tore schoss er mit rechts, zwei mit links und eines köpfte er – die Signatur eines kompletten Stürmers. Sein Gegenspieler Günter Kuczinski, der läuferisch und gedanklich viel zu langsam für ihn war, musste die Show wenigstens nicht komplett erdulden.
Nach seinem dritten Tor brachte Trainer Dieter Brei einen neuen Widersacher ins Spiel, aber auch Michael Bunte konnte gegen ihn wenig ausrichten. Das letzte Tor erzielte Karl Allgöwer, aber im Brennpunkt stand nur einer: Jürgen Klinsmann, der sofort von einem ZDF-Team eingefangen und ins Sportstudio nach Mainz eingeladen wurde. Er nahm an, vorher stand er der Presse Rede und Antwort.
„Es ging ganz locker“, fand er lapidar, es sei „ein irres Gefühl“ gewesen, den Namen so oft auf der Anzeigetafel zu sehen, aber das sei „eben ein Tag gewesen, wo alles läuft“. Brav gab er die Lorbeeren an den neuen Trainer weiter: „Jetzt fühle ich mich wie befreit. Der Willi gibt mir Sicherheit und Selbstvertrauen.“
„Jürgen, los, mach noch eins“: Selbst der Gegner fieberte mit
Aufmunterung gab es noch während des Spiels von einem übergelaufenen Fortuna-Fan, der ihm nach dem fünften Treffer zurief: „Jürgen, los, mach noch eins.“ Die eigenen Fans wollten noch mehr und bekamen es sogar – sein Trikot flog über den Zaun. Das Bild des schwäbischen Jung-Siegfried mit freiem Oberkörper vor dem Fanblock ging durch die Fußballwelt.
Dass er in der noch einmal eine ganz große Nummer werden würde, daran verschwendete der Held des Tages heute vor 40 Jahren noch keinen Gedanken. Natürlich wurde er nach der Nationalmannschaft und der bevorstehenden WM in Mexiko gefragt. Schüchtern sagte er: „Zu Beckenbauer? Oh Gott, ich weiß, was mir noch fehlt.“
Er musste erst noch ein Tor des Jahres erzielen (im November 1987 per Fallrückzieher gegen Bayern), ehe ihn der Kaiser berief und 1990 in Rom wurden sie zusammen Weltmeister.
Den Auswärtstorrekord aber muss er bis heute mit niemandem teilen. Sein persönlicher Rekord, ließ er damals wissen, geriet übrigens nie mehr in Gefahr. Der lag bei 16 Toren – für die E-Jugend des SC Geislingen.