Es ist eine Konstellation, die heute wie Science-Fiction anmutet, aber heute vor 17 Jahren war sie Realität: Der VfL Wolfsburg empfing den FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga – als Favorit!
Mit dieser hämischen Aktion krönte Felix Magath Bayerns Demütigung
Als Magath die Bayern demütigte
Es war der 4. April 2009, gegen Ende einer verrückten der Saison, in der Felix Magath die Wölfe zu einem Titelaspiranten formte und sich bei Bayern das Trainer-Engagement eines gewissen Jürgen Klinsmann als großes Missverständnis entpuppte. Und als die beiden Teams dann am 26. Spieltag aufeinandertrafen, stand endgültig alles Kopf.
FC Bayern: Das Missverständnis Klinsmann
Die Konstellation seinerzeit: Wolfsburg und Bayern waren punktgleiche Verfolger des damaligen Tabellenführers Hertha BSC – eine verrückte Saison, wie gesagt.
Die Teilnehmer an einer Abstimmung des kicker setzten im Vorfeld mehrheitlich auf einen Sieg des VfL (43,9 Prozent), an Bayern glaubten nur 36,5 Prozent. Denn Felix Magaths Wölfe waren die Mannschaft der Rückrunde 2008/09, liefen mit einer Serie von sieben Siegen ein.
Klinsmanns Bayern dagegen hatten das ganze Jahr nicht überzeugt, es gab längst Zweifel am Können des Sommermärchenarchitekten, der seinen ersten Cheftrainerjob gleich bei den großen Bayern bekommen hatte. Jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen, das war sein erklärtes und hehres Ziel gewesen, nach neun Monaten warteten sie in München vergeblich auf sichtbare Fortschritte.
Es drohte ein Jahr ohne Titel – im Bayern-Kosmos ein verlorenes. Der Nachmittag von Wolfsburg wurde dann zur Zäsur in der Zusammenarbeit von Klinsmann und dem Rekordmeister.
Grafite blamiert die Bayern-Abwehr
Entfesselte Wolfsburger schossen aus allen Rohren, auch wenn das Spitzenspiel gemächlich anfing. Erst in der 44. Minute köpfte Christian Gentner das 1:0, aber schon im Gegenzug stocherte der Italiener Luca Toni den Ball zum Ausgleich über die Linie.
Das Bayern-Desaster komprimierte sich dann in einer fatalen 14-minütigen Phase. Wolfsburgs von Magath entdeckte Wunderstürmer Edin Dzeko (63., 66.) und Grafite (74., 77.) nahmen die Bayern-Abwehr schier auseinander. Symbolisch für die Wachablösung, die an diesem Tag im deutschen Fußball stattfand, war das 5:1 – ein Tor, von dem noch Jahre später geredet werden werden sollte.
Grafite, zu deutsch „die Bleistiftmine“, nahm den Ball 35 Meter vor dem Tor auf halblinks an und gab ihn nicht mehr her. Er umkurvte noch im Strafraum Andreas Ottl, Breno, Torwart Michael Rensing und Philipp Lahm, brachte sich dabei eigentlich in eine unvorteilhafte Position.
Er löste das Problem aber auf brasilianische Art. Ohne zu schauen, wo das Tor stand, kickte er den Ball mit der Hacke an allen Verteidigern knapp neben dem Pfosten über die Linie. Ottls Rettungsversuch auf der Linie war ebenso vergeblich wie alle anderen Maßnahmen an diesem Tag, Wolfsburgs Wunderstürmer zu stoppen.
„Das Tor eine Million Mal gesehen“
„Die nächsten Ausgaben von Tor der Woche, Tor des Monats und Tor des Jahres werden langweilig. Der Gewinner wird stets Grafite heißen“, schrieb die Münchner Abendzeitung – und behielt recht.
Der Treffer wurde das Tor des Jahres und sein Schütze nicht nur Torschützenkönig, sondern auch Fußballer des Jahres 2009. Die VfL-Fans wählen es 2010 zum schönsten Bundesligator ihres Vereins, es erhält 58,17 Prozent der Stimmen.
„Überall, wo ich hinkomme, werde ich auf dieses Tor angesprochen“, sagte der heute 47-Jährige noch Jahre später: „Ich glaube, ich habe das Tor im Fernsehen und im Internet schon eine Million Mal gesehen.“
Für Verlierer Bayern war es die höchste Niederlage der Klinsmann-Amtszeit. „Mit diesem Sieg haben wir Bayern Herz und Seele genommen“, sagte der Held des Tages später.
Magath wechselt sogar den Ersatzkeeper ein
Wolfsburg, nach der Hinrunde noch Neunter, übernahm mit dem Sieg gegen Bayern erstmals die Tabellenführung – und Magath gab alle Zurückhaltung auf: „Wer gegen Bayern so gewinnt, wird automatisch Titelfavorit.“
Zur Feier des Tages wechselt er eine Minute vor Schluss noch den Ersatztorwart André Lenz ein, so als wäre es ein Freundschaftsspiel auf dem Land. Magath begründet es damit, dass er ihm einen Einsatz „bei passender Gelegenheit“ versprochen habe. Er habe den Trainingsfleiß von Lenz belohnen und ihm zu einer Siegprämie verhelfen wollen, sein Grundgehalt sei ja eher niedrig. Magath: „Ich konnte ja nichts dafür, dass die Gelegenheit gerade in diesem Spiel kam.“
Nicht jeder glaubte dem als genussvollen Ironiker bekannten Magath die unschuldige Begründung – deuteten die Aktion vielmehr als späte Rache für seine Entlassung bei Bayern knapp zweieinhalb Jahre zuvor. Bayern-Kapitän Mark van Bommel zeterte vor Wut: „Ich finde das respektlos, weil Magath auch mal hier gearbeitet hat. In meinen Augen ist das eine Demütigung, schlimmer geht es fast nicht.“
„Diese Geste zeigt, wie sehr den Trainer die Entlassung in München aus dem Jahr 2007 noch wurmt“, kommentierte SPORT1 damals. Expertenlegende Udo Lattek wiederum verstand die Aufregung nicht: „Das war schon okay. Das haben schon andere Trainer gemacht, ich auch. Provokativ gewesen wäre, wenn Felix Magath den Torwart rausgenommen und dafür einen Feldspieler gebracht hätte“, befand die Trainer-Ikone im Doppelpass.
Das Ende für Michael Rensing
Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann war bedient, sein Zorn richtete sich allerdings gegen die eigene Mannschaft: „Ich habe zehn Monate den Kopf hingehalten, jetzt sind die Spieler dran.“
Auch er tauscht den Torhüter, allerdings auf Sicht: Routinier Hans-Jörg Butt löste Rensing als Nummer eins ab. Nach langen Diskussionen um die Qualitäten des damals 24-Jährigen endete damit der Versuch, ihn als Nachfolger des 2008 zurückgetretenen Oliver Kahn zu etablieren. Ein Jahr später, nachdem Rensing auch unter Klinsmanns Nachfolger Louis van Gaal eine neue Chance als Nummer 1 vergab, ließ Bayern Rensings Vertrag auslaufen.
Grafites Hackentrick symbolisierte auch Rensings Karriereknick – wobei ihn an dem Tor keine Schuld traf. Insgesamt waren es aber einfach zu viele Tore, die er kassiert hatte.
Zu viele Gegentore für den FC Bayern
Auch mit Butt wurde es nach der Blamage in Wolfsburg zunächst nicht besser: Wie schon zuvor im Pokal in Leverkusen (2:4) gab es auch in der Champions League in Barcelona (0:4) vier Gegentreffer.
Die Niederlagen zerstörten sämtliche Titelhoffnungen und so kam es wie so oft im Fußball: Der Trainer zahlte die Rechnung – vier Wochen nach dem Debakel von Wolfsburg war Klinsmann wieder zuhause in Huntington Beach/Florida.
Als Bundesligatrainer sah man ihn erst im November 2019 bei seinem kurzen Abstecher in Berlin wieder.