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Als der VAR zum ersten Mal die Fußballbühne übernahm

17 groteske Bundesliga-Sekunden

Ein Montagsspiel, Trillerpfeifen-Protest und der VAR sorgen für eine der kuriosesten Szenen der Bundesliga-Geschichte: In Mainz werden Spieler aus der Kabine zurückgeholt, um einen Elfmeter nach der Halbzeitpause auszuführen. Ein Moment, der bis heute sinnbildlich für die Debatte um den Videobeweis steht.
Schiedsrichter Guido Winkmann entschied auf Elfmeter, als viele bereits in der Halbzeitpause waren
Schiedsrichter Guido Winkmann entschied auf Elfmeter, als viele bereits in der Halbzeitpause waren
© IMAGO/Jan Huebner
Ein Montagsspiel, Trillerpfeifen-Protest und der VAR sorgen für eine der kuriosesten Szenen der Bundesliga-Geschichte: In Mainz werden Spieler aus der Kabine zurückgeholt, um einen Elfmeter nach der Halbzeitpause auszuführen. Ein Moment, der bis heute sinnbildlich für die Debatte um den Videobeweis steht.

Die Bundesliga musste 55 Jahre alt werden, um ein neues Kapitel aufzuschlagen, das sich eigentlich nicht mal ein schlechter Drehbuchautor ausgedacht haben konnte. Am 16. April 2018 wurden Spieler aus der Kabine zurückgeholt, nur um bei einem Elfmeter Spalier zu stehen.

Auch wer darüber lachen konnte, war sich im Stillen sicher: Das ist nicht mehr mein Fußball. Es geschah in Mainz beim Heimspiel des FSV gegen den SC Freiburg, das am Sonntag (ab 19.30 Uhr im LIVETICKER) wieder auf dem Programm steht.

Als die Fußballromantik zu bröckeln begann

Im Frühjahr 2018 bot die Bundesliga vieles, was das Fan-Herz nicht unbedingt begehrt. Fünf Spiele vor Schluss waren die Bayern wieder mal Meister, bei 20 Punkten Vorsprung, der Spieltag endete erst am Montagabend und unsichtbare Menschen in einem Kölner Keller entschieden über Tore, Elfmeter und Platzverweise.

2017/18 wurde der VAR zunächst testweise eingeführt und war bei den Fans längst durchgefallen. Seine Anwendung erregte die Gemüter von Woche zu Woche. Brachte er wirklich mehr Gerechtigkeit und wenn ja, war der Preis nicht viel zu hoch? Unterdrückter Torjubel bis zur höchstrichterlichen Erlaubnis war die am häufigsten beklagte Nebenwirkung.

Die oft langwierigen Ermittlungen beim Ziehen der kalibrierten Linie, die über Abseits entschied, empörten Zuschauer im Stadion und an den Bildschirmen gleichermaßen. Und wann wird überhaupt eingegriffen, wann geht der Schiedsrichter an den eigens für ihn am Rand stehenden Bildschirm und wann nicht?

Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic stänkerte: „Das ist nicht mehr mein Fußball.“ Dabei war das Tollste ja noch gar nicht passiert, denn das spielte sich erst noch bei Mainz 05 ab.

Montag? „Ein Scheißtag zum Fußballspielen“

An einem so unbeliebten Montag, der „ein Scheißtag zum Fußballspielen“ sei, wie sogar der Stadionsprecher sagte. 26.407 Zuschauer waren dennoch gekommen an jenem 16. April 2018, an dem die Ultras beider Fanlager ausdauernd mit Trillerpfeifen und unter Verzicht auf den üblichen Support gegen das eine Übel des modernen Fußballs, das immerhin längst wieder abgeschafft wurde, protestierten.

Der VAR aber ist immer noch da, obwohl er in jener Partie mehr Argumente denn je lieferte, sich von ihm zu trennen. Dabei lag dem Ärger nicht mal eine Fehlentscheidung zugrunde, es fühlte sich nur trotzdem grundfalsch an.

Beim Stand von 0:0 pfiff Schiedsrichter Guido Winkmann die erste Hälfte ab. Kurz zuvor hatte zwar Freiburgs Marc-Oliver Kempf den Ball im Strafraum an die Hand bekommen, aber das war Winkmann durchgerutscht. Die Spieler gingen in die Kabinen, die Zuschauer Würstchen holen.

Nur eine machte keine Pause: Bibiana Steinhaus, an diesem Tag der, oder besser die, VAR. Sie erkannte ein eindeutiges Handspiel und informierte Winkmann umgehend. Wann der das hörte, wurde nun zur Schlüsselfrage. Laut VAR Regel 8.13 muss der Schiedsrichter noch auf dem Platz sein, wenn er auf einen VAR-Hinweis reagieren soll.

Den hatte er aber schon verlassen, im Innenraum befand er sich noch – im Gegensatz zu den meisten Spielern. Wegen der Trillerpfeifen, hieß es hinterher, habe er das Veto von Steinhaus nicht gleich hören können.

Also ging er leicht verspätet an den Bildschirm in der Review-Area und weil er zuvor eben nicht mehr mit irgendeinem Körperteil auf dem Spielfeld stand, dachten die Freiburger kurz über einen Protest nach – was sie dann nach einer Mütze Schlaf bleiben ließen.

Sammer entsetzt: „Habe ich noch nicht erlebt“

Mächtige Fürsprecher hätten sie gehabt. „Das habe ich so auch noch nicht erlebt. Im Regelwerk ist es auch diskutabel. Ich sehe nicht die Notwendigkeit des Eingreifens“, fand der entsetzte Eurosport-Experte Matthias Sammer. 

Die Posse jedenfalls nahm ihren Lauf. Winkmann erzählte weit nach Mitternacht in den Katakomben den Reportern: „Ich habe den Freiburger Spielern, von denen noch drei oder vier auf dem Platz waren, schon kommuniziert, dass Sie bitte warten mögen, weil jetzt gleich ein Check kommt. Aber natürlich ist es auch so, dass, wenn man eventuell von einer Entscheidung betroffen ist, die Leute erst mal weitergehen.“ Und ihren Pausentee trinken wollen. „Wir gehen nicht wieder raus“, wurde gerufen.

Meuterei lag in der Luft, aber der Arm des Fußballgesetzes erwies sich als stärker. Es war alles ebenso lächerlich wie regelkonform, nur nach Abpfiff der Partie hätte das nicht mehr passieren dürfen, lernte man an diesem denkwürdigen Tag. Nach sieben Minuten der Verwirrung waren alle wieder auf dem Platz.

„Wir dachten, wenn zur Halbzeit gepfiffen wird, ist ein Haken dran. Es wird immer kurioser“, wunderte sich SCF-Sportchef Jochen Saier.

Bundesliga-Farce: Wie in einem schlechten Film

Bei der Ausführung des kuriosesten Elfmeters in der Bundesligageschichte waren die Freiburger reine Staffage, Winkmann ließ sie nämlich wissen, dass es keinen Nachschuss gebe, also nur Torwart Alexander Schwolow ein Tor verhindern konnte.

Aber es mussten ja mindestens acht von ihnen auf dem Platz stehen, sonst wäre es ja kein Fußballspiel. So kamen alle wieder raus – für 17 groteske Sekunden.

Dann hatte Pablo de Blasis den Elfmeter ausgeführt und verwandelt. Davon bekamen Hunderte Fans an den Getränke- und Würstchenständen nichts mit, die plötzlich einsetzende Tormusik verwunderte sie allerdings.

Die meisten mag es getröstet haben, dass das Tor für ihre Mannschaft gefallen war, der noch ein zweites Tor gelang – ebenfalls durch de Blasis.

Aber noch Jahre später gesprochen wurde nur von dem ersten – und seiner Vorgeschichte. Beim nächsten FSV-Heimspiel war ein Transparent zu sehen: „Bitte bleiben Sie in der Halbzeit auf ihren Plätzen. Sie könnten ein Tor verpassen.“

Das war seither nicht mehr der Fall, aber dass es nicht unmöglich ist, das wissen wir seit dem 16. April 2018.