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BVB: Was hinter Watzkes Schlotterbeck-Aussagen steckt

Fast wie eine letzte Patrone

BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke verrät Vertragsdetails bei Nico Schlotterbeck. Damit bricht er das Schweigen und greift den sportlichen Verantwortlichen vorweg. Doch hinter seinem Vorgehen steckt ein Kalkül. Zieht sich Watzke wirklich zurück?
Die Personalie Jadon Sancho geistert bei Borussia Dortmund mal wieder umher. Die BVB-Fans sind zwiegespalten, ob der Engländer ein drittes Mal zu den Westfalen wechseln sollte.
BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke verrät Vertragsdetails bei Nico Schlotterbeck. Damit bricht er das Schweigen und greift den sportlichen Verantwortlichen vorweg. Doch hinter seinem Vorgehen steckt ein Kalkül. Zieht sich Watzke wirklich zurück?

Er selbst wird nicht müde zu betonen, wie wohl er sich in seiner neuen Rolle als Präsident von Borussia Dortmund fühle. Verantwortung abgeben, sich aus dem operativen Geschäft lösen – all das sei für ihn kein Problem. Im Interview mit den Ruhr Nachrichten stellte er klar: „Ich treffe in der KGaA keine Entscheidung mehr. Punkt.“

Doch passt dieses Selbstbild wirklich zur Realität? Über Jahre hinweg war Hans-Joachim Watzke der starke Mann beim BVB, jemand, der bestimmte, wo es langgeht. Dass nun ausgerechnet er Details wie die Ausstiegsklausel von Schlotterbeck öffentlich macht, wirkt kaum wie ein konsequenter Rückzug von alldem. Vielmehr entsteht der Eindruck eines gezielten Vorstoßes, der sich von der Linie der sportlichen Führung unterscheidet.

Watzke greift BVB-Verantwortlichen vorweg

Denn intern verfolgten die Verantwortlichen um die beiden Geschäftsführer Lars Ricken und Carsten Cramer sowie Sportdirektor Ole Book eigentlich eine klare Strategie: keine Vertragsinhalte nach außen tragen.

Die Ausstiegsklausel wurde bewusst weder bestätigt noch dementiert. Man wollte sich schlichtweg nicht zu Inhalten äußern. Umso irritierender ist es, dass nun der 66-Jährige dieses Schweigen aufbricht und damit den Verantwortlichen öffentlich vorweggreift.

Dabei hatte er selbst zuletzt betont, wie sehr er den Abstand zum operativen Geschäft genieße. Mit Blick auf sportliche Themen wie die Qualität der Mannschaft sagte er: „Der große Vorteil ist, dass ich mir darüber keine Gedanken mehr machen muss.“ Und weiter: Es sei „überhaupt nicht“ schwer, sich aus dem operativen Geschäft herauszuhalten. „Ich muss ganz ehrlich sagen, das ist für mich das Schönste an der jetzigen Situation, genau das nicht mehr machen zu müssen“, sagte Watzke den Ruhr Nachrichten.

Der 66-Jährige genießt es offenbar, nicht mehr nur den Fokus auf die Fußballer zu haben, sondern als Präsident ein Auge auf alle Abteilungen im Verein zu haben.

Umso mehr fällt sein jetziges Vorgehen auf. Es wirkt wie ein durchdachtes Kalkül.

Das steckt hinter Watzkes Aussagen

Die Reaktionen auf die Vertragsverlängerung von Schlotterbeck fielen deutlich kritischer aus als vereinsintern erwartet. Statt Zustimmung und Schulterklopfern gab es Skepsis – vor allem wegen der durchgesickerten Ausstiegsklausel ab diesem Sommer, die auch SPORT1 kurze Zeit nach der Verlängerung bestätigen konnte.

Die Verantwortlichen hatten nicht damit gerechnet, dass diese Hintertür so schnell publik wird.

Für die sportliche Führung, die sich dazu bislang nicht äußerte, entstand dadurch ein Problem: Ein Dementi hätte sich später rächen können, ein Bestätigen hätte ein unglückliches Bild abgegeben, weil sie eigentlich Stillschweigen vereinbart hatten.

Doch noch schlimmer: Eine Einordnung aus Vereinssicht fehlte.

Watzke verteidigt und erklärt Schlotterbeck-Deal

Genau hier kommt Watzke ins Spiel. In seiner Rolle kann er freier argumentieren und nutzte das, um den Deal zu erklären und zu verteidigen.

„Wir wären sonst Gefahr gelaufen, mit Beginn der neuen Saison mit Nico ins letzte Vertragsjahr zu gehen. Das wollten wir in jedem Fall vermeiden. […] Sollte es irgendwann passieren, dass er wechseln möchte, dann nehmen wir jetzt in diesem Sommer auf jeden Fall eine höhere Summe ein, als wenn er nicht verlängert hätte“, erklärte er.

Zudem betonte er: „Wir haben den Transferwert dieses Spielers deutlich abgesichert und dadurch unsere Planungssicherheit deutlich erhöht.“ Und er ordnete die Klausel grundsätzlich ein: Sie sei inzwischen „state of the art“.

Damit übernimmt Watzke eine Rolle, die eigentlich nicht mehr seine sein sollte. Er widerspricht indirekt damit zwar der Kommunikationsrichtlinie der sportlichen Führung. Das weckt Erinnerungen an Uli Hoeneß beim FC Bayern – einen Präsidenten, der sich trotz offizieller Distanz immer wieder einmischt.

Watzke nach wie vor Strippenzieher beim BVB?

Ist Watzke also doch noch der Strippenzieher im Hintergrund?

Ganz so eindeutig ist es nicht. Seine Schlotterbeck-Aussagen wirken wie eine bewusste Intervention, fast wie eine „letzte Patrone“, um die öffentliche Wahrnehmung zu drehen und die Fans etwas zu besänftigen. Genau das dürfte auch das Ziel des Klubs gewesen sein.

Bei den letzten wichtigen Personalfragen – wie dem Aus von Sebastian Kehl und der Installation von Ole Book – hat er sich bewusst zurückgehalten. Meinung abgeben ja, Entscheidungen fällen nein. Das dürfte aber wohl auch damit zusammenhängen, dass der BVB derzeit sportlich voll auf Kurs ist.

Ein kleines vergiftetes Lob in Richtung Lars Ricken und Carsten Cramer konnte er sich dennoch nicht verkneifen. Der Präsident warf den beiden indirekt vor, häufig nicht selbstbewusst aufzutreten. Die Nachricht dürfte klar sein: Ich habe euch im Blick.

Die Schlotterbeck-Aussagen zeigen: Wenn es darauf ankommt, greift Watzke nach wie vor ein. Nicht dauerhaft, aber punktuell und mit Wirkung.

Sein Vorstoß bei der Schlotterbeck-Klausel ist kein Zufall, sondern ein gezielter Schritt. Einer, der verdeutlicht, dass sein Rückzug aus dem operativen Geschäft Grenzen hat.