Viel Applaus hatte sich Bayer Leverkusen (6:3) am Samstag für die erste Halbzeit nicht verdient. Doch es gab diesen einen Moment, in dem das Stadion erstaunlich reagierte.
Dieses Thema polarisiert Leverkusen
Höchststrafe für einen Torhüter
In der 41. Minute fing Mark Flekken in seinem Strafraum einen völlig harmlosen Ball. Eigentlich eine Routineaktion, auf die Beifall folgte. Laut und deutlich vernehmbar – allerdings nicht so, wie es sich ein Keeper wünscht. Getragen wurde dieser nämlich von Sarkasmus und Spott. Als Ventil für den Frust über einen bis dahin desolaten Auftritt der Werkself. Gerichtet gegen einen Torhüter, der zunehmend im Fokus steht.
Flekken wirkt gegen Wolfsburg unsicher
Dreimal hatte der VfL Wolfsburg vor der Pause aufs Tor geschossen, dreimal lag der Ball im Netz. Eine Parade gelang Flekken nicht, auch wenn ihn bei keinem der Treffer eine direkte Schuld traf.
Obendrein wirkte er in mehreren Szenen unsicher. Nach neun Minuten wollte er einen zu kurz geratenen Rückpass klären, traf dabei aber den anlaufenden Mohamed Amoura. Ohne Folgen. Ebenso wie kurz darauf, als er sich bei einem Kopfball außerhalb des Strafraums verschätzte und die Niedersachsen daraus erneut kein Kapital schlagen konnten.
Im zweiten Durchgang kam Flekken sogar ein drittes Mal glimpflich davon, als Kevin Wimmer ein weiteres nicht optimales Stellungsspiel ungenutzt ließ. Ein heftiger Nachmittag für Leverkusens Nummer eins blieb es dennoch.
Der höhnische Applaus – in seiner Art sicherlich sehr fragwürdig – aus der ersten Hälfte wirkte nach. Dieser ist eine Höchststrafe für den Torhüter und zugleich ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr seine Person polarisiert. Denn dass Flekken überhaupt anstelle von Janis Blaswich im Kasten stand, ist vielen im Rheinland offenbar nach wie vor ein Dorn im Auge.
Bayer Leverkusen: Blaswich überzeugte als Stellvertreter
Zur Erinnerung: Flekken kam im vergangenen Sommer aus Brentford ins Rheinland und sollte eigentlich ein Upgrade zu seinen Vorgängern Lukas Hradecky und Matej Kovar werden. So zumindest die Idee der Verantwortlichen. Aufgegangen ist dieser Plan bislang nicht – im Gegenteil.
Immer wieder leistete sich Flekken gerade zu Saisonbeginn folgenschwere Fehler. Dazu kam ein Spiel mit dem Ball, das phasenweise als zu riskant galt. Einer kurzen Stabilisierung im Spätherbst folgten die nächsten Rückschläge. Anfang Januar dann eine Knieverletzung, die ihn vorerst ausbremste.
Die Chance nutzte sein Stellvertreter Janis Blaswich. Und wie! Der 34-Jährige erledigte seinen Job äußerst souverän. Fußballerische Defizite waren zwar erkennbar, fielen aber kaum ins Gewicht. In seinem Kerngeschäft überzeugte Blaswich nachhaltig: sicher auf der Linie, präsent im Strafraum, keine großen Aussetzer. In 18 Pflichtspielen kassierte er lediglich 13 Gegentreffer.
Seinen stärksten Auftritt lieferte er ausgerechnet auf der größten Bühne. Im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Arsenal erwischte Blaswich einen Sahnetag und bewahrte Leverkusen nahezu im Alleingang vor einer weitaus höheren Niederlage.
Umso überraschender war die Entscheidung von Kasper Hjulmand wenige Tage später. Beim 3:3 in Heidenheim, direkt nach dem Gastspiel in London, war Flekken erstmals nach seiner Verletzung einsatzbereit und bekam prompt seinen Platz im Tor zurück. Der starke Blaswich musste dagegen wieder auf die Bank.
„Ich treffe alle meine Entscheidungen, um dem Team am besten zu helfen. Immer, wenn ich eine Entscheidung treffe, geht es darum, Spiele zu gewinnen“, begründete Hjulmand den viel diskutierten Wechsel und verwies darauf, dass Flekken im Vergleich zu Blaswich der bessere Fußballer sei.
Verstößt Hjulmand bei Flekken gegen das Leistungsprinzip?
„Janis hat es unglaublich gut gemacht. Ich habe schon häufig gesagt, dass ich sehr viel Respekt vor Janis und dem gesamten Torwartteam habe“, schob Hjulmand hinterher: „Aber insgesamt, für die Gegenwart und für die Zukunft, kann Mark uns mehr helfen.“
Doch wirklich nachvollziehbar war das für die Wenigsten. Für viele Fans nicht. Und auch nicht für die Mannschaft selbst, jedenfalls wurde der Beschluss intern kontrovers diskutiert. Hjulmand hatte sich in gewissem Maße angreifbar gemacht und dürfte den Fall für den Rest der Saison wohl nicht mehr loswerden.
Dabei ging es weniger um Flekken als Person, der innerhalb der Kabine ein hohes Ansehen genießt. Vielmehr ließ sich Blaswichs Rückversetzung als Abkehr vom Leistungsprinzip interpretieren. Gleichzeitig eröffnete Hjulmand in einer ohnehin schwierigen Phase eine zusätzliche Baustelle.
Zumal Flekkens Comeback tatsächlich alles andere als reibungslos verläuft. Sechs Gegentore in zwei Spielen, und das gegen den Letzten und Vorletzten der Bundesliga. Die Stabilität, die Blaswich der Defensive gegeben hatte, wirkt völlig verloren gegangen. Flekken strahlt nur bedingt Sicherheit aus. Einige Ungenauigkeiten warfen sofort wieder Fragen auf.
Bayer: Flekken nicht zum ersten Mal verhöhnt
Zahlreiche Kritiker fühlen sich nun bestätigt, so kochte die Torwartdebatte gegen Wolfsburg kurzzeitig über. „Wir haben zwei sehr gute Torhüter. Mark hat heute keine Fehler gemacht, es ist nicht leicht für ihn“, versuchte Alejandro Grimaldo allerdings zu beschwichtigen.
Geschäftsführer Simon Rolfes stellte klar, dass Pfiffe und höchst brisanter Applaus einem angeschlagenen Team „natürlich nicht helfen“ und meinte, dass der Spott nicht speziell gegen Flekken gerichtet gewesen sei, sondern „so ein bisschen der Ausdruck des gesamten Spiels war“.
Allerdings kennt Flekken dieses Gefühl bereits vom brutalen 2:7 in der Hinrunde gegen Paris Saint-Germain. Auch da klatschten einige Fans sarkastisch, als Flekken nach sieben Schüssen auf das Tor und sieben Gegentreffern endlich den achten Ball halten konnte.
Nun folgte die erneute Demütigung, die ihn automatisch stärker unter Beobachtung stellt. Immerhin gelang ihm gegen Wolfsburg beim Stand von 5:3 eine starke Parade gegen Konstantinos Koulierakis. „Da haben die Zuschauer extra applaudiert“, hob Rolfes das einzig Positive hervor.
Vergessen wird Flekken diesen Nachmittag trotzdem nicht – zu kompliziert ist und bleibt sein Stand in Leverkusen. Verhöhnt im eigenen Stadion. Schlimmer geht es kaum.