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Franz Beckenbauer rätselte selbst, warum er sich das antat

Dieser Tag bewegte die Fußballnation

Am 13. Februar 1994 stand Klubikone Franz Beckenbauer gegen den VfB Stuttgart erstmals für den FC Bayern als Trainer an der Seitenlinie. Der Start ging schief - doch ein Happy End folgte.
Heute vor zwei Jahren starb Franz Beckenbauer: Er war Deutschlands bekanntester Fußballstar. Weltmeister als Spieler und Teamchef - und Bayern-Legende. SPORT1 erinnert an eine große Karriere.
Am 13. Februar 1994 stand Klubikone Franz Beckenbauer gegen den VfB Stuttgart erstmals für den FC Bayern als Trainer an der Seitenlinie. Der Start ging schief - doch ein Happy End folgte.

Stell dir vor, der FC Bayern München steht auf dem 3. Tabellenplatz der Bundesliga und ist aus allen Pokalwettbewerben ausgeschieden: Es grassiert Krisenstimmung erster Ordnung an der Säbener Straße. Es wäre heute so. Es war vor 32 Jahren so.

Im Vorfeld derselben Partie, die heute auf dem Spielplan steht – Bayern gegen den VfB Stuttgart – hatte die Verstimmung personelle Konsequenzen: Der Kredit von Trainer Erich Ribbeck war aufgebraucht. Und die deutsche Fußball-Ikone schlechthin kam als Helfer in der Not zu ihrem ersten Trainereinsatz in der Bundesliga: Franz Beckenbauer.

FC Bayern 1994: Ribbecks Ende, Beckenbauers Anfang

Für Ribbeck – knapp zwei Jahre zuvor Erbe des legendär glücklosen Sören Lerby – nahm die Amtszeit als Bayern-Coach im Dezember 1993 ein recht bitteres Ende: Die Mannschaft war gegen ihn, die Presse wurde mit Interna gefüttert. Etwa dass der junge Mehmet Scholl ihn im Training nicht ganz unabsichtlich einen Ball gegen den Kopf geschossen habe oder dass Jan Wouters getobt habe: „Mit diesem Trainer werden wir niemals Meister.“

Manager Uli Hoeneß entwarf einen Notfallplan. Der Messias saß schließlich in den eigenen Reihen, es war der Vize-Präsident. Bekannter freilich war er als Spieler und Trainer geworden: Kaiser Beckenbauer, zweimaliger Weltmeister, ein Weltstar, eine lebende Bayern-Legende und rein zufällig verfügbar.

Schon im Herbst hatte Hoeneß den Kaiser bekniet: „Franz, mach es!“, aber der hatte Skrupel. Ribbeck war schließlich sein Freund, der Kaiser  hatte ihn geholt, nun sollte er ihn ablösen. Das behagte ihm zunächst nicht: „Ich komme aber nur, wenn Erich keine Lust mehr hat.“

Zum Keine-Lust-mehr-Haben wurde Ribbeck letztlich mit viel Geld und guten Worten überredet: Die Bayern machten Ribbeck ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Die volle Meisterprämie (250.000 DM) und Gehalt bis Vertragsende im Juni 1994 (500.000 DM), das Hoeneß so kommentierte: „Der Erich hat ein Geschäft gemacht, da kann ich nur sagen: wenn ich noch mal auf die Welt komme, möchte ich entweder Hund bei Hoeneß oder Trainer bei Bayern werden.“

Aumann als Kapitän abgesetzt, Matthäus übernahm

Das wurde jetzt erst mal der Kaiser, der am Dreikönigstag 1994 unter großem Fan- und Medienandrang auf dem Trainingsplatz stand. Typisch Beckenbauer stiftete er gleich auf die ihm eigene Art Verwirrung: „Es ist mir selbst ein vollkommenes Rätsel, warum ich mir diesen Job antue.“

Für die Spieler gingen die Uhren nun anders, das Training begann eine Stunde früher als bei „Sir Erich“, also schon um neun. Als erste personelle Maßnahme setzte Beckenbauer den im Mai ohnehin scheidenden Torwart Raimond Aumann als Kapitän ab und gab die Binde Lothar Matthäus. Das erinnerte an den italienischen Sommer 1990, als Deutschland mit einem Teamchef Beckenbauer und einem Kapitän Matthäus Weltmeister geworden war. Nun sollte es die Deutsche Meisterschaft werden, dann wollte der Kaiser mit Abpfiff des letzten Spiels am 7. Mai wieder abtreten.

14 Spiele verblieben, da die Liga nach 20 Runden in die Pause gegangen war. Nach 37 Trainingstagen wurde es ernst. Der VfB kam ins zugige Olympia-Stadion und Beckenbauer sagte: „Wenn wir Meister werden wollen, müssen wir gegen Stuttgart gewinnen.“

Auch beim VfB Stuttgart herrschte Unruhe

Zumal die Tabelle eine klare Sprache sprach: der VfB war nur Vierzehnter und präsentierte nach dem Rücktritt des früheren Meistertrainers Christoph Daum ebenfalls einen neuen Trainer.

Ex-Bayer Jürgen Röber (spielte dort 1980/81) saß erstmals bei einem Bundesligaspiel auf der Bank und sagte: „Prinzipiell wünsche ich dem Franz alles Gute – nur für Sonntag zwischen 20 Uhr und 21. 45 Uhr nicht. Ich würde ihm gern seinen Einstand versalzen.“

Seit 1970 hatte der VfB nicht mehr in München gewonnen und Röber fand: „Dann wird’s ja wieder mal Zeit.“ In der Kabine machte er seine Spieler heiß: „In der Zeitung stand: ‚Heute ist Franz-Tag’. Vielleicht heißt es hinterher Walter-Tag oder Buck-Tag.“ Tatsächlich sollte von Fritz Walter und Andreas Buck später noch die Rede sein.

Beckenbauer von Fotografen bestürmt

Das interessanteste Spiel der Auftaktrunde 1994 wurde live auf Sat.1 übertragen, was nebst dem ungeliebten Sonntagabendtermin (20 Uhr) wohl manchen Fan vom Stadionbesuch abhielt (nur 34.000 Zuschauer). Das Thermometer zeigte obendrein auch nur minus sieben Grad. Der Kaiser aber trotzte der Kälte und als er um 19.36 Uhr erstmals an diesem Abend den Innenraum betrat, stürzten sich die Kamerateams und Fotografen auf ihn, während Jürgen Röber quasi unbehelligt blieb.

Es war Ausdruck einer schier erdrückenden Erwartungshaltung, mit der zumindest die Bayern-Mannschaft nicht zurechtkam. Schon nach vier Minuten köpfte ausgerechnet Beckenbauers WM-Held Guido Buchwald nach Flanke des Ex-Bayern Ludwig Kögl das 1:0 aus Sicht des VfB. Bayern hatte Probleme, sich Chancen zu erspielen und nur ein unglückliches Handspiel des früheren und späteren Bayern-Profis Thomas Strunz im Strafraum führte zum Torerfolg.

Lothar Matthäus verwandelte den Handelfmeter (22.), 1:1 hieß es auch zur Pause. Der Ruck, den sich die Entscheider erhofft hatten, war noch nicht durch die Bayern-Elf gegangen. Nach Wiederanpfiff kam es noch schlimmer: Nach 50 Minuten glückte Fritz Walter das 1:2 und nach 84 Minuten entschied Andreas Buck die Partie mit dem dritten VfB-Tor.

Verkrampfung aus Ehrfurcht?

Das Spiel seiner Schützlinge konnte den Kaiser unter seiner Pudelmütze nicht erwärmen, ihn packte Ernüchterung, obwohl er verpatzte Premieren gewohnt war. So war es als Spieler mit Bayern, dem HSV und Cosmos New York und auch als Bundestrainer.

Mit seiner Kritik hielt er sich noch zurück, der damalige Sat.1-Reporter Reinhold Beckmann bekam kein Fieldinterview. Nur in der Kabine gab es ein kurzes Donnerwetter. Öffentlich sagte er dann, nachdem er sich etwas abreagiert hatte: „Der VfB war einfach besser, das war alles. Sie haben den Druck gemacht, den wir uns eigentlich vorgenommen hatten.“ Dafür sprach auch das Chancenplus des VfB von 8:5.

Ansonsten kursierten weitere interessante Theorien für die Pleite. Lothar Matthäus fand: „Einige waren verkrampft, weil sie es dem neuen Trainer besonders recht machen wollten.“ Vorstand Kalle Rummenigge sagte abergläubisch: „Ab sofort muss Schluss sein mit Sonntagsspielen, da gehen wir regelmäßig unter.“

In der Tat war es die fünfte Sonntagspleite in Folge, auch der Kaiser konnte den Fluch nicht bannen. Die Münchner Abendzeitung stellte fest: „Schock für Franz: Sie haben nichts dazugelernt. Die gleichen Fehler wie unter Trainer Erich Ribbeck“. Aber mit seiner Mischung aus Lockerheit und Strenge brachte er sie am Ende doch auf die Erfolgsstraße.

Am Ende ging doch alles gut

Am nächsten Tag, Rosenmontag, war trainingsfrei, danach zog er die Zügel wieder an. Die Bayern waren zwar Fünfter und von da war noch keiner nach 21 Spielen noch aufs Meisterpodest gesprungen – und doch sollte es so kommen. Beckenbauer („Ich will, dass die Mannschaft an die absolute Leistungsgrenze geht“) gab den Titelplan nicht auf und arbeitete akribisch weiter.

Der damalige Torwart-Trainer Toni Schumacher berichtete später: „Der Franz ist ein Wahnsinniger. Von wegen der macht alles mit links, weil er ein Genie ist. Dauernd sehe ich den mit Dutzenden von Spiel-Videos in dunklen Räumen hocken. Er ist bienenfleißig.“

In den verbleibenden drei Monaten gewannen die Bayern neun von 13 Spielen und verloren nur noch zwei. Und so erfüllte der Kaiser am 7. Mai 1994 nach einem 2:0 über Schalke 04 seinen Auftrag. Bayern München war wieder mal Meister geworden und ein weiteres Kapitel wurde geschrieben über den Mann, der alles kann. Auch vom Weizenbierglas die Torwand im ZDF Sportstudio treffen, womit Beckenbauer sein erstes Trainer-Intermezzo bei den Bayern krönte.

Dass er 1996 nach dem Missverständnis Otto Rehhagel nochmal ran musste, ahnte da niemand. Er auch nicht, er wollte sich wichtigerem widmen: „Mein Handicap im Golf ist schlecht geworden. Aber danach fragt ja keiner.“