Bundesliga>

"Der eine ist mein Freund, der andere schießt Tore"

Helmer adelt Matthäus

Thomas Helmer spricht über die besondere Beziehung zu Lothar Matthäus und schwärmt von dessen außergewöhnlicher Weltklasse. Im SPORT1-Podcast Deep Dive ordnet er frühere Konflikte ein und hebt vor allem Matthäus’ sportliche Verlässlichkeit hervor.
Im Sport1-Podcast "DEEP DIVE" spricht Thomas Helmer, ehemaliger deutscher Fußballspieler, über den langjährigen Streit seiner langjährigen Teamkollegen. Dabei berichtet er von einem Gespräch mit dem damaligen Bayern-Trainer Franz Beckenbauer
Thomas Helmer spricht über die besondere Beziehung zu Lothar Matthäus und schwärmt von dessen außergewöhnlicher Weltklasse. Im SPORT1-Podcast Deep Dive ordnet er frühere Konflikte ein und hebt vor allem Matthäus’ sportliche Verlässlichkeit hervor.

Der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Helmer prägte in den 90er-Jahren eine erfolgreiche, aber auch turbulente Ära beim FC Bayern München – gemeinsam mit Lothar Matthäus. Das Zusammenspiel der beiden war auf dem Platz von höchster Qualität, abseits des Platzes jedoch nicht frei von Spannungen.

Im SPORT1-Podcast Deep Dive sprach der Europameister von 1996 über seine besondere Beziehung zur deutschen Fußball-Ikone Lothar Matthäus und machte dabei deutlich, dass er sportliche Leistungen und zwischenmenschliche Differenzen klar voneinander trennt.

„Es gab keinen geileren Kicker von der Physis, der Dynamik und vom Willen her“, stellte Helmer klar. Der 61-Jährige, der sowohl beim FC Bayern als auch in der deutschen Nationalmannschaft zusammen mit Matthäus auf dem Platz stand, schwärmte: „Wenn ich gefragt werde, wer mein bester Mitspieler war, dann sage ich immer Lothar, mit Abstand.“

Helmer und Matthäus zofften sich zu ihrer aktiven Zeit

Dass es zwischen den beiden abseits des Rasens angespannte Phasen gab, ist seit vielen Jahren bekannt. Rückblickend zeigte sich Helmer jedoch reflektiert: „Auf dem Platz konnten wir uns immer 100 Prozent auf Lothar verlassen.“

Doch abseits davon knirschte es in dem anfangs guten Verhältnis. Auslöser für die angespannte Phase: Das erste Buch von Matthäus, welches er während der Saison 1996/97 schrieb und damalige Mannschaftsinterna preisgab. Dabei wurde speziell Mitspieler Jürgen Klinsmann kritisiert.

Einer der Auslöser für das Buch von Matthäus soll ein vermeintlicher Putsch gegen Matthäus bei der Nationalmannschaft gewesen sein, der angeblich bereits 1995 passiert war.

Damals gingen Gerüchte herum, wonach Klinsmann versucht haben soll, Matthäus zukünftig bei der Kaderauswahl auszuschließen.

Bei einer Reise der Nationalmannschaft nach Südafrika, die Matthäus verletzt verpasst hatte, habe Klinsmann den Vorwürfen zufolge gemeinsam mit einigen Kollegen das Gespräch mit Bundestrainer Berti Voigts gesucht. Mit dabei gewesen sein soll auch Helmer.

Dieser streitet dies im Gespräch mit SPORT1 allerdings ab: „Von diesem Gespräch, was da immer geschrieben wird, weiß ich nichts. Ich kann mich daran nicht erinnern, das schwöre ich.“

So kurios reagierte Beckenbauer auf den Bayern-Zoff

Feststeht, dass Matthäus von diesem vermeintlich geheimen Treffen Wind berichtet worden war. Das eh schon angespannte Verhältnis zu Klinsmann war danach komplett gestört.

Als Spätfolge dieser vermeintlichen Meuterei entschied sich Matthäus dazu das legendäre Buch „Mein Tagebuch“ zu schreiben und 1997 zu veröffentlichen. Darin schoss er komplett gegen seine Bayern-Teamkollegen. Ganz besonders im Fokus: Jürgen Klinsmann.

Dass sein Teamkollege dieses Buch veröffentlichte, sorgte bei Helmer für großes Unverständnis: „Da habe ich zu ihm gesagt: Lothar, das geht nicht. Das kannst du ihm in der Kabine sagen, aber nicht über die Öffentlichkeit. Das macht man einfach nicht.“

Die Differenzen wirkten sich laut Helmer auch auf das Klima der Mannschaft des Rekordmeisters aus. Er selbst sah sich zwischen den Fronten und suchte schließlich das Gespräch mit Franz Beckenbauer: „Ich bin zu Franz Beckenbauer gefahren und habe gesagt: Du musst einen von den beiden rausschmeißen, sonst geht die Mannschaft kaputt.“

Helmer gab die Reaktion von Beckenbauer schmunzelnd wieder: „Da sagte Franz: Der eine ist mein Freund, der andere schießt Tore und jetzt geh wieder nach Hause! Und so war das Thema durch. Jürgen ist dann gegangen im Sommer. Damit hat sich das Thema dann erledigt. Das ging auch einfach nicht mehr gut.“

Matthäus wurde wegen Brief als Bayern-Kapitän abgesetzt

Für Matthäus hatte die Situation aber dennoch Folgen. Nach einem zusätzlichen Interview in der Sport Bild, in der er deutliche Worte in Richtung seiner Teamkollegen wählte („Eigentlich hätte ich den einen oder anderen schon früher killen müssen.“) verlor er bei den Bayern die Kapitänsbinde.

Mitverantwortlich dafür war auch Helmer. Er tat sich mit allen deutschen Nationalspielern des FC Bayern zusammen und verfasste gemeinsam einen Brief. Geschrieben wurde dieser handschriftlich von Helmer. Anschließend schickten sie diesen per Fax an die Geschäftsführung der Bayern: „Wir haben gesagt, dass er als Kapitän nicht mehr tragbar ist.“

„Wir hatten alle Angst, dass wenn er das schon mit Klinsmann macht, mit dem er ja lange zusammengespielt hat, dass es uns alle auch treffen kann“, erinnert sich Helmer an die Zeit: „Wir waren alle der Meinung, dass Lothar da einfach einen Schritt zu weit gegangen ist. Das Buch hätte er nach seiner Karriere schreiben können, aber nicht zu dem Zeitpunkt, wo wir alle noch zusammengespielt haben. Dann noch diese Äußerung zu tätigen.“

Er selbst habe sich zu dieser Zeit allerdings auch nicht mit Ruhm bekleckert, wie er jetzt zugab: „Ich habe damals auch einen schlimmen Satz gesagt, den ich heute nie mehr sagen würde. Das war kein schöner Satz.“ Helmer hatte über Matthäus gesagt: „Kranken Menschen muss man helfen.“

Matthäus Erbe als Kapitän wurde dann ausgerechnet er selbst: „Franz Beckenbauer hat mich angerufen und gesagt: Lothar ist nicht mehr Kapitän, jetzt musst du das machen.“

„Lothar ist eigentlich der gutmütigste Mensch, den ich kenne“

Besonders pikant: Matthäus und Helmer waren in der Bayern-Kabine Sitznachbarn. Extrem dicke Luft habe trotzdem nicht geherrscht: „Manche Sachen von Lothar waren bestimmt nicht gut, aber Lothar ist eigentlich einer der gutmütigsten Menschen, die ich kenne.“

Anschließend nannte der ehemalige Bayern-Star ein Beispiel aus der gemeinsamen Zeit: „Ich habe ihm mal gesagt: Scheiße, ich muss umziehen. Dann hat er gesagt: Ich melde mich in den nächsten zwei Stunden, ich telefoniere mal ein bisschen rum. Danach hat er mich erneut angerufen und mir zwei, drei Umzugsunternehmen rausgesucht. Lothar hat sich immer sofort gekümmert und wollte für alle Sachen organisieren. Er hat immer sofort geholfen.“

„Der Mensch Lothar ist kein schlechter Mensch, ganz im Gegenteil, auch wenn er das Buch geschrieben hat und vielleicht falsch beraten war“, sagte Helmer deutlich.

Heutzutage pflegen Helmer und Matthäus ein deutlich besseres Verhältnis, das keinerlei Altlasten hat: „Ich weiß nicht, wie Lothar damit umgeht, aber bei mir gibt es keine Spannungen. Ich freue mich heute immer sehr, wenn wir uns sehen. Da gibt es gar keine Probleme mehr.“

Helmer erzählt lustige Matthäus-Anekdote

Wie gut das Verhältnis inzwischen ist, zeigt auch eine Anekdote, die Helmer bei SPORT1 erzählte. Beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Basel liefen sich beide über den Weg. Helmer war als Gast auf der Tribüne, während Matthäus unten auf dem Feld als Experte im Einsatz war.

Als er seinen ehemaligen Kollegen am Spielfeldrand gesehen hätte, habe er ihm spontan einen kleinen Streich gespielt. „Ich habe gesagt: Ich wette, dass Lothar jetzt sein Handy an hat“, erzählte Helmer lachend: „Dann habe ich ihn angerufen, und er hat die ganze Zeit an seiner Hose herumgefummelt. Sobald die Sendung vorbei war, meinte er: ‚Ich war auf Sendung.'“

Daraufhin habe er ihm gesagt: „Ja Lothar, habe ich doch gesehen“. Matthäus antwortete lachend: „Du Arsch!“

Diese Szene zeigte deutlich: Das Verhältnis von Thomas Helmer und Lothar Matthäus ist längst nicht mehr angespannt.

Abonniere den Fußball-Newsletter und bleib immer am Ball! Alle Tore, Transfers und News aus den internationalen Top-Ligen direkt in dein Postfach