Andreas Hinkel nimmt sich Zeit – viel Zeit. Der frühere Nationalspieler des VfB Stuttgart empfängt SPORT1 zum Exklusiv-Interview. Der 44-Jährige wirkt dabei gelassen, kein Termindruck, kein Stadionlärm, nur Vogelstimmen und leises Wasserplätschern im Garten.
"Langfristig spielt der FC Bayern in einer eigenen Liga"
Hoeneß zu Bayern? „Warum nicht?“
206 Spiele absolvierte er für den VfB, mit dem FC Sevilla gewann er unter anderem den UEFA-Cup. Im Gespräch geht es um seine bewusste Pause vom Trainerjob, mögliche Rückkehrpläne und die großen Fragen des deutschen Fußballs.
SPORT1: Herr Hinkel, Sie haben sich bewusst gegen einen Trainerjob entschieden. Ist es für Sie gerade eine bewusste Absage – oder nur eine Pause?
Andreas Hinkel: Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, aktuell nicht als Trainer zu arbeiten, sondern mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Zeit ist für mich gerade das höchste Gut. Gleichzeitig merke ich: Obwohl ich nicht als Trainer tätig bin, habe ich gar nicht so viel freie Zeit. Ich mache extrem viel rund um die Familie, habe einige Themen und Betätigungen außerhalb des Fußballs und organisiere vieles. Das versuche ich jetzt besser zu strukturieren, um wirklich mehr Zeit mit der Familie zu haben.
„Wir hatten ein blindes Vertrauen“
SPORT1: Was hat sich verändert, seit Sie nicht mehr im direkten Trainerbetrieb sind – fehlt der Druck?
Hinkel: Ich habe Fußball nie als Druck empfunden. Weder als Spieler noch als Trainer. Für mich war und ist es ein Privileg, in diesem Sport arbeiten zu dürfen. Das macht mir noch immer riesigen Spaß, auch wenn ich mir gerade eine kleine Auszeit nehme. Aber ich bin ja trotzdem nicht ständig am Entspannen. Ich bin viel in Stadien unterwegs, oft beim VfB Stuttgart, aber auch bei anderen interessanten Spielen. Ich pflege mein Netzwerk und frische viele Kontakte auf. Auch Social Media habe ich vor Kurzem wieder mehr für mich entdeckt – dabei helfen mir aber meine Kinder. (lacht)
SPORT1: Sie haben lange mit Domenico Tedesco gearbeitet. War der Trainerweg für Sie irgendwann mehr Familienentscheidung als Karriereentscheidung?
Hinkel: Wir kennen uns seit der VfB-Zeit sehr gut und haben lange zusammengearbeitet – beim VfB, aber auch auf den Stationen danach. Er wusste aber, dass meine Familiensituation mit fünf Kindern eine Rolle spielt. Das war meine persönliche Entscheidung – und er hat das verstanden. Wir hatten ein blindes Vertrauen, und es hat großen Spaß gemacht, mit ihm zusammenzuarbeiten.
„Das geht im Traineralltag oft unter“
SPORT1: Wäre eine Rückkehr in den Trainerjob denkbar – vielleicht auch wieder mit ihm?
Hinkel: Es ist nichts in Stein gemeißelt – auch nicht meine Trainerlaufbahn. Wenn ich wieder mehr Freiraum habe, kann ich mir gut vorstellen, in den Fußball zurückzukehren. Außerdem plane ich zu hospitieren, also bei verschiedenen Vereinen reinzuschauen, wie dort gearbeitet wird. Das geht im Traineralltag oft unter.
SPORT1: Warum hat es bisher noch keinen dauerhaften Cheftrainerjob im Profibereich gegeben?
Hinkel: Ich war ja schon Cheftrainer – beim VfB II und im Jugendbereich. Ich kann diese Rolle ausfüllen und schließe nichts aus. Aber aktuell passt meine Entscheidung zu meiner Lebenssituation. Es verändert sich ständig etwas – im Leben und im Fußball. In einem halben Jahr kann ich schon anders denken.
SPORT1: Der VfB Stuttgart steht nach dem Last-Minute-Sieg gegen den SC Freiburg im Pokalfinale – was geht Ihnen da durch den Kopf?
Hinkel: Das war ein richtiger Pokalfight, wie man ihn sich wünscht. Für den VfB ist es natürlich überragend, zum zweiten Mal hintereinander im Finale zu stehen. Ein Spiel, das sie genießen dürfen und sollen. Gegen den FC Bayern, die Übermannschaft dieser Saison, haben sie nichts zu verlieren. Und Freiburg hat ja trotz des Ausscheidens ebenfalls noch ein ganz großes Ziel vor Augen: Sie können gegen Braga das Europa-League-Finale erreichen. Das wäre eine unglaubliche Geschichte für den gesamten Verein. Ich traue es dieser Mannschaft auf jeden Fall zu und drücke die Daumen.
Darum ist Sebastian Hoeneß ein Kandidat beim FC Bayern
SPORT1: Wie außergewöhnlich ist die Entwicklung des VfB Stuttgart?
Hinkel: Sehr außergewöhnlich. Von der Relegation zu dem, wo sie jetzt stehen – das ist beeindruckend. Das lässt sich nur schwer in Worte fassen. Entscheidend sind Sebastian Hoeneß sowie Fabian Wohlgemuth und Alexander Wehrle. Es ist gelungen, die Mannschaft zu stabilisieren, einzelne Spieler wie Stiller, Undav und Leweling zu verbessern und einen klaren Spielstil zu etablieren.
SPORT1: Wäre Sebastian Hoeneß auch ein Kandidat für den FC Bayern?
Hinkel: Ja, absolut. Warum nicht? Seine Art, Fußball spielen zu lassen, passt zu Topklubs. Er lässt dominant spielen – das braucht man bei großen Vereinen.
SPORT1: Wie lange kann der VfB ihn halten?
Hinkel: Schwer zu sagen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass er beim VfB eine Ära prägt – wie andere Trainer bei ihren Klubs. Ein Beispiel ist Diego Simeone bei Atlético Madrid. So etwas wäre auch beim VfB wünschenswert.
„Langfristig spielt Bayern in einer eigenen Liga“
SPORT1: Schafft der VfB die Champions League?
Hinkel: Ich bleibe bei meinem Tipp: Ja. Es wird bis zum Schluss eng bleiben, aber die Ausgangslage ist gut.
SPORT1: Kann der VfB langfristig den FC Bayern angreifen?
Hinkel: Langfristig spielt Bayern in einer eigenen Liga. Der zweite Platz fühlt sich aktuell fast wie eine Meisterschaft an. Was Leverkusen mit dem Titelgewinn geschafft hat, war außergewöhnlich – aber diese Dominanz zu durchbrechen, ist extrem schwierig.
SPORT1: Sollte Jamal Musiala bei der WM dabei sein?
Hinkel: Für mich ist ganz klar: Wenn er fit ist, gehört er dazu. Die besten Spieler müssen mit. Auch wenn er nach einer Verletzung vielleicht noch nicht bei 100 Prozent ist – seine Qualität ist entscheidend. Und wenn er zu den Besten gehört, soll er mitfahren.
Musiala? „So eine Verletzung macht dich mental stärker“
SPORT1: Wo sehen Sie bei ihm den größten Entwicklungsschritt?
Hinkel: Es ist schwierig, aufgrund der wenigen Einsätze nach seiner Verletzung eine Bewertung abzugeben. So eine Verletzung macht dich aber mental stärker. Man kann über gezieltes Krafttraining während der Verletzungspause auch körperlich ein neues Level erreichen und stärker zurückkommen. Ich habe das selbst nach meinem Kreuzbandriss erlebt. Man braucht danach wieder Spielpraxis, aber die Grundlage kann sogar besser werden.
SPORT1: Haben Sie ein Beispiel dafür?
Hinkel: Ja, Sami Khedira 2014. Da wurde auch viel diskutiert: Soll er mit oder nicht? Auch er hatte einen Kreuzbandriss. Und der Bundestrainer nahm ihn mit, obwohl er zu Beginn der Vorbereitung noch nicht bei 100 Prozent war. Aber Sami war wichtig für die Mannschaft und auf seiner Position einer der Besten. Nach der Verletzung von Mustafi brachte der Bundestrainer ihn im Zentrum, und Philipp Lahm ging wieder auf seine Position als Rechtsverteidiger. Dann war das Team wieder anders im Flow.
SPORT1: Was unterscheidet bei Turnieren am Ende Topteams von den anderen – Talent, Mentalität oder Kaderbreite?
Hinkel: Alles zusammen. Nur Talent reicht nicht, nur Teamgeist auch nicht. Für den Erfolg muss alles passen. Nur so kannst du Weltmeister werden. Weder Talent noch Mentalität allein reichen aus.
„Undav ist ein ‚Schlitzohr'“
SPORT1: Dennis Undav ist einer der formstärksten Stürmer. Sollte er mit zur WM?
Hinkel: Für mich ja. Er macht Tore – und daran wird ein Stürmer gemessen. Undav hat eine starke Quote, ist ein Strafraumspieler, ein „Schlitzohr“, ist schnell im Kopf und hat einen guten Abschluss.
SPORT1: Hat sich Julian Nagelsmann mit seinen Aussagen zu Dennis Undav unnötig angreifbar gemacht?
Hinkel: Oft ist das mehr ein Medienthema als ein Kabinenthema. Die eine oder andere Aussage war sicher unglücklich von Julian Nagelsmann – das hat er im Nachgang ja auch selbst eingeräumt.
SPORT1: Was fehlt Deutschland aktuell für den WM-Titel?
Hinkel: Deutschland kann immer um den Titel mitspielen, aber dafür muss alles passen. Aktuell fehlt vor allem die Breite im Kader im Vergleich zu anderen Top-Nationen. Die erste Elf kann mithalten – aber bei Wechseln merkt man Unterschiede. Gerade bei Turnieren brauchst du Spieler von der Bank, die das Niveau halten oder sogar steigern.
SPORT1: Zum Abschluss: Ihre Tochter steht mit dem VfB im U17-Pokalfinale – wie stolz sind Sie?
Hinkel: Ich bin natürlich stolz auf sie – aber das bin ich auf alle meine Kinder, unabhängig vom Fußball. Sie hat sich das alles selbst erarbeitet, Fußball ist ihre Leidenschaft. Ich versuche, ihr hier und da Tipps zu geben – aber das ist im Vater-Tochter-Verhältnis nicht immer ganz einfach. (lacht)