Es gibt in der Bundesliga kein brisanteres Duell – zumindest solange das Revier-Derby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 aus dem Spiel ist.
Dieses Nordderby stank aus Sicht des FC Bayern zum Himmel
„Eine miese Provinzposse“
Das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV findet am Samstag zum 110. Mal ihm Oberhaus statt, zum 159. Mal insgesamt. Angesichts der Rivalität der Fan-Lager und der Tabellensituation lässt sich ausschließen, dass man einander irgendetwas schenken wird. Es gab aber schon Zeiten, da hielt man das für möglich. Wie zum Beispiel im Saisonendspurt 1992/93.
Werder – HSV: Pikante Umstände 1993
Vor dem 33. Spieltag war die Lage an der Tabellenspitze brisant. Bayern München unter Coach Erich Ribbeck war zwar seit dem 1. Spieltag ununterbrochen Erster, hatte sich aber nie einen klaren Vorsprung erkämpft. Nun saß dem Rekordmeister Werder Bremen im Nacken, punktgleich und mit nur zwei Toren Rückstand.
Beide Mannschaften spielten zuhause, die Bayern gegen den Abstiegskandidaten VfL Bochum (16. Platz), der damals aber noch als „unabsteigbar“ galt, Werder im Nordderby gegen den unambitionierten HSV, der eine enttäuschende Saison im Tabellenmittelfeld (11.) ausklingen ließ, aber immerhin drei Spiele ungeschlagen war.
Umso heißer war die Elf von Otto Rehhagel, die nach Bayerns 2:4-Pleite in Karlsruhe aufgeschlossen war zum Liga-Primus. Der fürchtete nun, dass in Bremen nicht alles mit rechten Dingen zugehen könnte. Und es gab durchaus Anlässe dafür.
Diese Themen sorgten für Gesprächsstoff
Da war die Aussage des damaligen Werder-Managers und langjährigen Uli-Hoeneß-Erzfeinds Willi Lemke, als der HSV die Bayern im März geschlagen hatte – und dafür von Lemke eine Einladung in ein Edel-Restaurant erhielt: „Freunde, das L’Orchidée in Bremen wartet auf euch.“
Da war die Vita von HSV-Trainer Benno Möhlmann, der lange für Werder gespielt hatte, dessen Familie nie aus Bremen weggezogen war und der in einem TV-Interview freimütig offenbarte, dass ihm Werder als Meister lieber wäre. Da war HSV-Stürmer Marinus Bester, eine Bremer Leihgabe, der vier Wochen zu Werder zurückmusste. Das hielt selbst sein Trainer für „pikant“.
Für viele bei Bayern roch es verdächtig nach einer abgekarteten Sache. Danach, dass die Hamburger an jenem 29. Mai 1993 abschenken würden – auch wenn alle Beteiligten versicherten: kein Grund zur Sorge. Knurrig wies vor allem Möhlmann die Gerüchte um Nachbarschaftshilfe zurück: „Blödsinn, ich bin Trainer und will immer gewinnen.“
Der vermeintliche Doppelagent Bester schwor: „Ich werde vom HSV bezahlt, also werde ich auch für den HSV kämpfen. Wenn ich die Siegchance auf dem Fuß haben sollte, so werde ich sie eiskalt nutzen.“ Werder-Verteidiger Dietmar Beiersdorfer, Ex-HSVer, nahm seine früheren Kollegen vorsorglich in Schutz: „Der HSV spielt in Bremen um die Prämien. In dieser Hinsicht sind die Spieler ja leider nicht verwöhnt worden.“
HSV tauschte kurzfristig die Torhüter
Die Ereignisse am Spieltag sorgten dann allerdings nicht dafür, dass die Wettbewerbsverzerrungs-Diskussionen abebbten: 20 Minuten vor Anpfiff signalisierte HSV-Keeper Richard Golz beim Warmmachen, dass ihn seine unter der Woche zugezogene Schulterverletzung zu sehr behindere. Ersatzkeeper Nils Bahr kam überraschend zu seinem zweiten Saisoneinsatz.
Vor ihm stand Verteidiger Oliver Möller, der gab sein Bundesligadebüt. Beide sollten danach nie wieder in der Bundesliga spielen. Möhlmann war so taktvoll, zumindest Marinus Bester auf die Bank zu setzen.
Das Unheil nahm dennoch seinen Lauf – beginnend mit einem bitteren Vorfall, bei dem niemand dem HSV etwas unterstellen konnte: Nach zwölf Minuten vergab Hamburgs Armin Eck eine Großchance, verletzte sich dabei und musste raus – Kreuzbandriss.
Rehhagel blies erfolgreich zur Attacke
Eine halbe Stunde blieb die Partie offen, dann leistete sich Bahr einen fatalen Lapsus und ermöglichte das 1:0 durch Andreas Herzog. Bahr (Kicker-Note 6) war nach dem Kullertor geständig: „Klar mein Fehler!“
Es war das Signal für Werder Bremen, an diesem Tag gegen diesen waidwunden Gegner etwas fürs Torverhältnis zu tun. Nach 36 Minuten legte Wynton Rufer dann auch zum 2:0 nach.
Parallel dazu gab es von Bayern für Bochum trotz der Fanfreundschaft auch keine Geschenke: Dank Mehmet Scholl, Christian Ziege und Lothar Matthäus führten die Münchener zur Halbzeit 3:0, mit drei Treffern Rückstand im Torverhältnis ging Werder in die Kabine. Was die Bremer Spieler nicht wussten, da im Weserstadion keine Ergebnisse durchgesagt wurden – eine Order von „König Otto“.
Rehhagel selbst allerdings war informiert witterte nach der Pause die große Chance, an den Bayern vorbeizuziehen. Denn in München wehrte sich Abstiegskandidat Bochum, durch ein Tor von Dariusz Wosz stand es plötzlich nur noch 3:1 (wobei es blieb). Weit schwächer war die Gegenwehr des HSV: Durch Stefan Kohn (70.), Rufer (87.) und Herzog (91.) schraubte Werder die Führung auf 5:0 – das war auch der Endstand.
Rummenigge tobte: „Miese Provinzposse“
„Was ist nun, Willi?“, fragte Rufer nach der Partie Manager Lemke – und der 2024 verstorbene Werder-Macher tanzte vor Glück: „Mensch, wir sind Tabellenführer.“ Sehr zum Ärger der Bayern, die nicht mehr Erster waren, aber dafür auf der Palme – ganz weit oben.
Der damalige Jungfunktionär Karl-Heinz Rummenigge, erst seit einem Jahr Vize-Präsident, tobte: „Wenn ich von etwas enttäuscht bin, dann von der miesen Einstellung der Hamburger. Was da ablief, war eine ganz miese norddeutsche Provinzposse. Im deutschen Fußball läuft eine Kampagne, die heißt Fair Play. In Hamburg ist davon vielleicht noch nichts bekannt.“
Auf die Frage nach einem möglichen Betrug antwortete er: „Der Mensch hat von Natur aus einen Gerechtigkeitssinn. Deshalb muss jeder, der sah, wie die Tore gefallen sind, so seine Zweifel kriegen.“
Neutralere Beobachter wählten sachlichere Töne. Der Kicker schrieb: „Es war beileibe keine ‚Nordhilfe‘. Allein Bahr, der unsichere Vertreter des an der Schulter verletzten Golz, sowie Hamburger Nachlässigkeiten in der Schlussphase führten zu diesem weitaus zu hoch ausgefallenem Werder-Erfolg.“ Werders Thorsten Legat beteuerte: „Wer das Spiel gesehen hat, kann nicht davon sprechen, dass es eine Nordhilfe war.“
Und Benno Möhlmann wies zaghaft auf diese Tatsache hin: „Ich weiß noch, dass Armin Eck eine Riesenchance vergeben hat. Der kam von Bayern und hat das bestimmt nicht extra gemacht.“
„Da wollten mir die Bayern was anhängen“
Am letzten Spieltag wurde Werder tatsächlich Meister: Die Bremer siegten dank eines Doppelpacks von Matchwinner Bernd Hobsch (zwei Tore, eine Vorlage) mit 3:0 beim VfB Stuttgart. Die Bayern kamen beim FC Schalke 04 nicht über ein 3:3 hinaus.
Weil die Bayern somit einen Punkt abgaben, war das vieldiskutierte Nordderby am Ende nicht der entscheidende Faktor im Meisterschaftskampf – trotzdem blieb der damalige Trubel lange in Erinnerung.
Noch Jahrzehnte später wurde der damalige HSV-Coach Möhlmann auf das Thema angesprochen. 2014 etwa sagte der heute 71-Jährige auf dfb.de: „Ach die Geschichte – da wollten mir die Bayern noch was anhängen.“