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Der wohl bitterste Abstieg der Bundesliga-Geschichte

Als der Club Undenkbares erlebte

Auch wenn die Meisterschaft längst entschieden ist, geht es im Kampf um den Klassenerhalt noch hoch her. SPORT1 blickt auf die größten Abstiegs-Endspiele zurück.
Friedel Rausch erlebte 1999 mit dem 1. FC Nürnberg Bitteres
Friedel Rausch erlebte 1999 mit dem 1. FC Nürnberg Bitteres
© IMAGO/Pressefoto Baumann
Auch wenn die Meisterschaft längst entschieden ist, geht es im Kampf um den Klassenerhalt noch hoch her. SPORT1 blickt auf die größten Abstiegs-Endspiele zurück.

Die 63. Bundesliga-Saison endet trotz vorzeitiger Bayern-Meisterschaft mit Nervenkitzel pur. Im Kampf um die Champions League, Europa League und Conference League ist noch vieles offen – doch die maximale Spannung verspricht der Abstiegskampf.

Umso mehr deshalb, weil es am letzten Spieltag zum direkten Duell zweier bedrohter Klubs kommt, wenn der FC St. Pauli auf den VfL Wolfsburg trifft. SPORT1 listet die Top 10 der klassischen Abstiegsendspiele auf.

1996 Bayer Leverkusen – 1. FC Kaiserslautern 1:1

Leverkusen empfängt als Vierzehnter den Sechzehnten aus der Pfalz. Dem FCK hilft nur ein Sieg, der Vorstand setzt eine Prämie von 500.000 DM aus, um den ersten Abstieg der Klubgeschichte zu verhindern. 5.000 FCK-Fans begleiten die Mannschaft nach Leverkusen, das Stadion ist ausverkauft (19.500).

Nach 58 Minuten ist das Wunder nahe, Pavel Kuka köpft die Führung. Dann vergibt der Tscheche leichtfertig den zweiten Treffer, was sich rächt. Als der Gast Leverkusen einen Einwurf schenkt, um eine Behandlung von Olaf Marschall zu ermöglichen, tritt Sergio das Fair-Play mit Füßen und gibt den Ball nicht zurück. Daraus entsteht über Umwegen das 1:1 durch Markus Münch (82.). Kapitän Andy Brehme weint im TV-Studio in den Armen seines Weltmeister-Kumpels Rudi Völler.

Waldschmidt rettet den Hamburger SV

2017 Hamburger SV – VfL Wolfsburg 2:1

Schon vor neun Jahren fährt Wolfsburg zum Abstiegsfinale nach Hamburg, allerdings in den Volkspark. Dem Dino droht der erste Abstieg, wenn auch nicht mehr auf direktem Wege. Platz 16 hat er sicher, will den aber zu gern mit dem VfL (15.) tauschen. Dazu bedarf es eines Sieges, wonach es aber lange nicht aussieht. Robin Knoche bringt die Gäste in Führung (22.), die Filip Kostic, zwei Jahre zuvor noch mit Stuttgart im Abstiegsendspiel erfolgreich, alsbald ausgleicht (32.).

Es geht hoch her in der umkämpften Partie, sieben Verwarnungen werden ausgesprochen. In der 86. Minute wechselt Trainer Markus Gisdol den jungen Luca Waldschmidt ein und der braucht nur 110 Sekunden, um zum HSV-Helden zu werden. Sein Kopfball zum 2:1 rettet den Dino und lässt die Bundesligauhr im Volkspark noch ein Jährchen weiterlaufen. Waldschmidt spricht vom „geilsten Gefühl in meinem Leben“ und wundert sich selbst am meisten: „Eigentlich bin ich nicht so der Kopfballspieler.“ Wolfsburg muss erstmals in die Relegation, rettet sich dort jedoch.

2006 VfL Wolfsburg – 1. FC Kaiserslautern 2:2

Wie 1996 muss der FCK auch sein zweites Abstiegsendspiel auswärts gewinnen. Der VfL hat als Fünfzehnter einen Punkt mehr und den behält er auch. Aber auch in diesem Schicksalsspiel geht der FCK in Führung, nach Halil Altintops Treffer sind die Pfälzer 46 Minuten erstklassig. Dann gleicht Cedric Makiadi mit seinem ersten Bundesligator aus, drei Minuten später liefert er die Vorlage zum 2:1 von Diego Klimowicz.

Als FCK-Joker Marcel Ziemer sticht (86.), beginnen die längsten vier Minuten in der VfL-Historie. Dann ist es geschafft und ausgerechnet der Trainer, der Wolfsburg in der Bundesliga als Erster in den Europapokal gebracht hat, muss an alter Wirkungsstätte mit dem neuen Verein absteigen: Wolfgang Wolf.

2015 SC Paderborn – VfB Stuttgart 1:2

Vor dem letzten Spieltag 2014/15 steht noch kein Absteiger fest. Aufsteiger SCP unter Trainer André Breitenreiter ist zwar Letzter, kann aber mit einem Sieg den VfB (16.) von Huub Stevens überholen. Wegen der Tordifferenz ist nur noch der Relegationsplatz drin. Die Schwaben können sich mit einem Sieg direkt retten, da Hannover und Freiburg, beide einen Punkt besser, gegeneinander spielen.

Aber zunächst sieht es nach Paderborn aus, schon nach vier Minuten geht der Außenseiter durch Marc Vucinovic in Führung. Nach 36 Minuten gleicht Daniel Didavi aus. Beiden hilft das nicht, da der zwischen ihnen liegende HSV in Führung geht, sind sie bis zur 72. Minute die Direktabsteiger. Dann wird Daniel Ginczek zur VfB-Legende, umspielt den Torhüter und erzielt das letztlich entscheidende Tor zum 2:1.

„Ich habe nur noch das Netz zappeln sehen, ein Wahnsinnsgefühl. Heute trinke ich alles“, sagte der Matchwinner. Anschließend führt er mit seinen Kameraden den Affenjubel auf, als ironische Spitze gegen Stevens, der seine Spieler im Training als Affen bezeichnet hat.

Werder Bremen rettet sich in letzter Minute

2016 Werder Bremen – Eintracht Frankfurt 1:0

Sieben Mannschaften können am letzten Spieltag theoretisch noch absteigen, drei davon direkt und zwei davon treffen sich in Bremen. Während sich die anderen Kandidaten nach und nach rechtzeitig in Sicherheit bringen, bleibt im Weser-Stadion die prickelnde Spannung, die beim Anpfiff herrscht, in der Luft stehen.

Wenig passiert auf dem Platz, die Eintracht unter Neutrainer Niko Kovac spielt nur 20 Minuten mutig und will das 0:0 über die Zeit bringen. Es würde reichen, Platz 15 zu verteidigen. Werder (16.) spürt von unten aufgrund der Stuttgarter Gegentore bald keine Gefahr mehr, will aber ganz raus aus dem Schlamassel und erhöht in der Schlussphase den Druck. Trainer Viktor Skripnik bringt einen zweiten Stürmer, Niko Kovac einen dritten Innenverteidiger.

Bis zur 88. Minute bringt all das keine Veränderungen auf der Anzeigetafel. Dann kommt der große Auftritt von Papy Djilobodji, eigentlich auch ein Innenverteidiger. Nach einem Freistoß, den Altmeister Claudio Pizarro mit dem Kopf verlängert, drückt der Senegalese den Ball in seinem letzten Moment im Werder-Trikot mit der Fußspitze über die Linie.

Werder ist gerettet, die Eintracht muss in der Relegation nachsitzen und schafft den Klassenerhalt ebenfalls.

2000 Eintracht Frankfurt – SSV Ulm 2:1

Bundesliga-Neuling Ulm ist Sechzehnter, muss bei Felix Magaths Frankfurtern (14.) gewinnen. Den Hessen reicht ein Punkt. Die Ulmer glauben noch an die Rettung und haben schon eine Feier am Hauptbahnhof organisiert, damit die heimkehrenden Fans schnell dazu stoßen können – aber es gibt nichts zu feiern.

Vor 58.000 Zuschauern schießt Bachirou Salou die Eintracht in Führung (24.), die Hans van der Haar (41.) ausgleicht. Es bleibt bis zur 89. Minute spannend, dann verwandelt Horst Heldt, heute Sportvorstand von Union Berlin, einen Elfmeter.

Ulms Abenteuer Bundesliga endet jäh, während die Eintracht der erste Verein ist, der nach nur neun Vorrundenpunkten die Klasse hält.

Als der Meister in der folgenden Saison abstieg

2015 Hannover 96 – SC Freiburg 2:1

Im zweiten Abstiegsduell des Spieltags treffen sich zwei punktgleiche Teams. Hannover als Fünfzehnter hat die schlechtere Tordifferenz als der SC. Nur der Sieger ist in Sicherheit, bei Remis kann zumindest Freiburg nicht direkt absteigen. Hannover, das in der Rückrunde ohne Heimsieg ist, muss also mehr tun und setzt den ersten Akzent des Spieltags.

Noch früher als in Paderborn geht hier der Gastgeber – durch Hiroshi Kiyotake (3.) – in Führung. 49.000 feuern die Elf von Michael Frontzeck an, aber die hat ja nun, was sie will – eine Führung. Bis zur 84. Minute bleibt es beim 1:0, dann unterläuft Freiburgs Pavel Krmas ein Slapstick-Eigentor – 2:0. Die Vorentscheidung, Nils Petersens obligatorisches Jokertor fällt diesmal zu spät (92.).

So stürzt der SC noch vom 14. auf den 17. Platz und Christian Streich muss erstmals absteigen. In einem anderen Verein wäre das ein Grund für eine Entlassung, doch er darf bleiben und wieder aufsteigen.

1969 1. FC Köln – 1. FC Nürnberg 3:0

Das verrückte Saison-Finale lässt alle Abstiegskandidaten unter sich bleiben. Pokalsieger Köln und Meister Nürnberg stehen vor der Partie über dem Strich, aber nur bei einem Remis zwischen dem BVB und Offenbach blieben beide drin. Darauf will sich aber keiner verlassen. Es erweist sich als richtig, der BVB führt früh 2:0 und gewinnt letztlich 3:0.

Die Club-Elf, die vergeblich eine sechsstellige Prämie gefordert hat, bricht dagegen nach torloser erster Hälfte ein. Wolfgang Overath (51.), Calli Rühl (77.) und Heinz Hornig (84.) schießen die Tore vor 53.000 Zuschauern.

Kölns Stadion-Sprecher zeigt Mitleid: „Wir wünschen diesem ruhmreichen Verein einen baldigen Wiederaufstieg.“ Bis heute ist es der einzige Abstieg eines amtierenden Meisters im deutschen Fußball.

1990 Hamburger SV – Waldhof Mannheim 1:0

Dem HSV droht noch der Relegationsplatz und damit der erste Abstieg – aber schon ein Punkt reicht gegen den Vorletzten. Waldhof Mannheim ist gegen Saisonende reichlich desolat, hat fünf Spiele in Folge und noch mehr Spieler durch Verletzungen verloren. Nun muss das Team gewinnen.

Doch zwei Minuten vor Schluss besiegelt Jan Furtoks Tor die sechste Pleite und die Rettung des HSV. Rund 4000 erleichterte Fans stürmen den Rasen im halbleeren Volkspark-Stadion (27.200 Zuschauer) und zerbrechen die Tor-Pfosten. Mannheim kehrt nicht mehr in die Bundesliga zurück.

Auch weil sich im Parallelspiel Bayer Uerdingen – Borussia Mönchengladbach Skandalöses ereignet. Spannend ist es nur für den, der es nicht sieht. Mit jedem Tor hätte sich alles ändern können in der Tabelle. Doch beiden Teams reicht ein Punkt und den schenken sie sich gegenseitig.

Es werden auf beiden Seiten je zwei Chancen gezählt, „nach 61 Minuten erlosch die phasenweise angedeutete Risikobereitschaft vollends“, steht im kicker. Konkurrent VfL Bochum hat das 0:0 kommen sehen und aus der Mannschaftskasse einen Wetteinsatz (20.000 DM) auf Remis finanziert.

1999 1. FC Nürnberg – SC Freiburg 1:2

Ein Radio-Reporter macht dieses Spiel legendär und sich selbst unsterblich. Günter Koch vom Bayerischen Rundfunk brachte kurz vor Schluss der Konferenz-Übertragung pathetisch folgenden Satz: „Hallo, hier ist Nürnberg. Wir melden uns vom Abgrund“ – in den der Club mit Abpfiff stürzt. Es ist der unglaublichste Abstieg bisher, als Zwölfter sind die Nürnberger mit Trainer Friedel Rausch ins Rennen gegangen, Freiburg als Vierzehnter. Beiden hätte ein Punkt gereicht, aber der SC spielt auf Sieg.

Zwei Tore von Ali Günes sorgen für einen Zwei-Tore-Vorsprung zur Pause, welcher den Club lange nicht bedroht. Dann fallen auf den anderen Plätzen Tore, besonders in Frankfurt (5:1 gegen Kaiserslautern). Marek Nikl verkürzt auf 1:2 (85.), was immer noch nicht reicht.

In letzter Minute kommt Frank Baumann aus sechs Metern frei zum Schuss und bringt nur eine „Rückgabe“ zustande. Dafür erntet der heutige Schalke-Boss harte Kritik von Co-Trainer Ignaz Good: „Da muss man sich eben das Schienbein brechen und zur Not fünf Wochen für seinen Klub im Krankenhaus liegen, aber der Ball muss doch rein.“ Baumann sprach vom „schwärzesten Tag meiner Karriere.“ Nürnberg steigt ab, die geplante Feier, für die schon ein Festzelt errichtet ist, fällt ins Wasser.