Zum 100. Mal treffen am Samstag Eintracht Frankfurt und der Hamburger SV in der Bundesliga, zu deren Gründervereinen beide gehören, aufeinander (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER). Viel ist passiert seit 1963, besonders im Waldstadion, wo beispielsweise ein 0:6 im April 1991 dem Frankfurter Trainer Jörg Berger den Job kostete und wo der HSV fünf Jahre später unter Felix Magath nach spektakulärer Aufholjagd am letzten Spieltag noch in den UEFA-Cup kam.
Ein Unglück, das eine ganze Nation in Atem hielt
Der Riss der Achillessehne der Nation
Doch kein Ergebnis übertrifft das Ereignis, das sich schon im zweiten gemeinsamen Bundesligajahr zutrug – als im Waldstadion die Achillessehne der Nation riss. Am 20. Februar 1965 reiste der HSV nach Frankfurt zu einem Duell zweier Mannschaften im gesicherten Mittelfeld – der Sechste empfing den Achten. Es war bitterkalt, dafür war die Kulisse stattlich (30.000). Die Hamburger waren zunächst die bessere Mannschaft, ihre Pausenführung durch Jürgen Kurbjuhn (23.) verdient.
Ihr Spielfaden riss in der 54. Minute, weil noch etwas anderes riss – die Achillessehne des damals populärsten deutschen Fußballers: Uwe Seeler, der seit 1962 Kapitän der Nationalmannschaft war, 1961 ein Millionenangebot der AC Mailand abgelehnt hatte, 1960 Fußballer des Jahres und 1964 erster Torschützenkönig der Bundesliga wurde.
Lassen wir es das 2022 verstorbene HSV-Idol selbst schildern. In seiner Biografie lesen wir: „Der Winter ist hart, dementsprechend hart der Boden. Für jeden Fußballer pures Gift. Die 55. Minute kommt heran … Der Frankfurter Georg Lechner versucht, mich bei der Ballannahme zu stören. Und nun geht alles blitzschnell. Ich springe mit einem Satz über Lechners Bein hinweg. Im selben Augenblick spüre ich an der rechten Ferse einen schmerzhaften Tritt. Noch zwei, drei Schritte kann ich weiterrennen, da sticht plötzlich ein zweiter, diesmal rasender Schmerz durch die rechte Wade. ‚Aua!‘, schreie ich unwillkürlich auf, dann stürze ich längelang in den Schnee.“
Achillessehnenriss schockt Seeler und die Fans
Was er nicht schrieb: Das Publikum lachte, es sah eher nach einem Ausrutscher aus, niemand verstand, warum Seeler plötzlich zu Boden ging. Er würde doch nicht etwa schauspielern? Auch Seeler rätselte: „Den Tritt habe ich deutlich verspürt. Aber von wem erhielt ich den zweiten ‚Tritt‘? Es war niemand da.“
Die Achillessehne, die einen Druck von über 300 Kilogramm aushalten kann, wie sich „Uns Uwe“ vom Vereinsarzt Dr. Fischer erklären ließ, riss aus purer Überbelastung. Seeler, für einen Fußballer mit 28 damals schon recht alt, lernte: Muskeln können wachsen, Sehnen nicht. Der Mann mit den strammen Waden war einfach zu kräftig geworden für seine Sehnen.
Im ersten Moment wusste noch niemand, was los war. Als Seeler vom Platz getragen wurde, wurde es still im Stadion. Der Stadionsprecher ließ auf Uwes Bitte seine Frau Ilka, die ausnahmsweise zu einem Auswärtsspiel mitgekommen war, ausrufen. Sie musste ja informiert werden, dass der geplante Wochenendausflug mit Messebesuch am Sonntag ebenfalls geplatzt war.
Sonderseite nach dem „Schwarzen Samstag“
Seeler musste operiert werden und mit der Mannschaft zurückfliegen. Die hatte ohne ihn prompt verloren, schon zwei Minuten nach dem Unglück fiel der Ausgleich durch Lothar Schämer, und ausgerechnet Lechner, der Seeler gefoult hatte, schoss das Siegtor (63.). „Auch das noch“, seufzte Seeler, als er in den Katakomben das Ergebnis erfuhr.
Die Nation war besorgt, der kicker machte eine Sonderseite unter der Überschrift „Schwarzer Samstag“. HSV-Trainer Georg Gawliczek klagte: „Mit ihm hätten wir kaum verloren.“ Kollege Ivica Horvath fand das nicht, aber es sei „ein Jammer, dass sich Uwe Seeler so schwer verletzt hat“.
Am Sonntag telefonierte Seeler mit dem besorgten, noch recht neuen Bundestrainer Helmut Schön, der seinen Kapitän natürlich brauchte, um das WM-Ticket für England zu lösen. Doch würde der Hamburger überhaupt je wieder spielen können? Legionen von Sportlern mussten nach so etwas ihre Karriere beenden.
„Zu genau weiß ich, was die Diagnose bedeutet: Es ist fraglich, ob ich überhaupt jemals wieder Fußball spielen kann! Dieser Gedanke ist so ungeheuerlich, dass ich ihn lieber gleich beiseite schiebe. Bloß nicht resignieren“, heißt es in der Biografie.
HSV-Legende quält sich in der Reha
Am Montag, 22. Februar 1965, wurde Seeler in Hamburg vom HSV-Arzt, dem Chirurgen Dr. Fischer, operiert. Vier Stunden lag er in Vollnarkose auf dem Bauch, während seine Achillessehne geflickt wurde. Die Fangemeinde nahm großen Anteil. Zu Hause bei Seelers klingelte das Telefon und Frau Ilka musste die immer gleiche Frage beantworten: „Ist die OP geglückt?“ Auch, als die noch lief.
Als Seeler erwachte, sah er das: „Mein Blick trifft auf Blumen – Blumen – Blumen… Ganz Hamburg scheint an mich zu denken.“ Dann kamen schon die ersten Reporter, im Krankenbett sprach „Uns Uwe“ in dutzende Mikrofone und Notizblöcke und bedankte sich für die Anteilnahme. Besondere Freude bereitete ihm eine Lübecker Marzipantorte, in deren Mitte (essbare) Fußballschuhe drapiert waren.
Derart umsorgt, verlor Seeler seinen Optimismus nie. Noch auf Krücken humpelte er am 10. März 1965 aus dem Krankenhaus – direkt in die Reha. „Ich quälte mich nach der Achillessehnen-Operation wie ein Hund. Jeden Tag vier bis fünf Stunden Aufbautraining unter ärztlicher Betreuung. Die Folterkammer mit diesen kalten Gewichten und ächzenden Maschinen wurde mein ‚Lieblingssport‘. Oft war ich kurz vor dem Aufgeben.“
Seeler führt DFB-Elf zur WM
Aber er gab nicht auf, er war schließlich „Uns Uwe“. Nach 164 Tagen stand er Anfang August wieder auf dem Fußballplatz, und als am 26. September 1965 Deutschland nur ein Sieg in Stockholm half, um das WM-Ticket zu lösen, wollte der Bundestrainer das nicht ohne seinen Spielführer angehen. Sehr riskant in Zeiten, in denen Wechsel verboten waren. Doch der Plan ging auf, als wäre er von einem Kitschromanautor entworfen worden.
Deutschland siegte mit 2:1, das Siegtor erzielte Seeler. „Das Tor war mein Dankeschön an Helmut Schön und dessen Mut, mich nach der Verletzung für solch ein wichtiges Spiel aufzustellen“, betonte er. Das Drama fand ein Happy End – auch der Fußball schreibt manchmal kitschige Geschichten.